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Cystinose: S3-Leitlinie zur Diagnostik & Therapie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Cystinose ist eine seltene lysosomale Speicherkrankheit, die unbehandelt zu terminaler Niereninsuffizienz und Multiorganversagen führt.
  • Die Diagnose erfolgt durch Bestimmung der intraleukozytären Cystinkonzentration, Genetik (CTNS-Gen) und Spaltlampenuntersuchung.
  • Eine systemische Cysteamin-Therapie muss unmittelbar nach Diagnosestellung begonnen werden (Ziel-Dosis 60-90 mg/kg/Tag).
  • Zusätzlich ist eine lokale Therapie mit Cysteamin-Augentropfen zur Vermeidung von Hornhautschäden zwingend erforderlich.
  • Das renale Fanconi-Syndrom erfordert eine konsequente Substitution von Elektrolyten, Bikarbonat und Phosphat.
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Hintergrund

Die Cystinose ist eine seltene, autosomal-rezessiv vererbte lysosomale Speicherkrankheit (Inzidenz 1:100.000 bis 1:200.000). Biallelische pathogene Varianten im CTNS-Gen führen zu einer Akkumulation von Cystin in den Lysosomen nahezu aller Körperzellen. Dies verursacht progrediente Zell- und Organschäden. Durch die Einführung der Cysteamin-Therapie erreichen Patienten heute das Erwachsenenalter, weshalb extrarenale Spätkomplikationen (Augen, Skelett, Muskulatur, ZNS, Endokrinium) zunehmend in den Fokus rücken.

Klinische Präsentation und Phänotypen

Die Erkrankung wird in drei Phänotypen unterteilt:

PhänotypHäufigkeitManifestationSymptome
Infantile nephropathische Cystinose (INC)95%1.-2. LebensjahrSchweres Fanconi-Syndrom, Gedeihstörung, Rachitis, terminale Niereninsuffizienz
Juvenile Cystinoseca. 5%Spätes Kindes-/JugendalterInkomplettes Fanconi-Syndrom, Proteinurie, milderer Verlauf
Okuläre CystinoseSehr seltenErwachsenenalterIsoliert okulär (Photophobie durch Hornhautkristalle), keine Nierenbeteiligung

Diagnostik

Ein Neugeborenen-Screening (genetisch) wird stark empfohlen. Eine Glukosurie eignet sich nicht als alleiniger Screening-Test bei Säuglingen unter 3 Monaten. Bei klinischem Verdacht erfolgt die Stufendiagnostik:

MethodeBemerkungEmpfehlungsgrad
Intraleukozytäre CystinkonzentrationVorzugsweise in reinen Granulozyten messenStarker Konsens
MolekulargenetikNachweis biallelischer pathogener Varianten im CTNS-GenStarker Konsens
SpaltlampenuntersuchungNachweis von Hornhautkristallen (ab 24 Monaten sicher nachweisbar)Starker Konsens

Cysteamin-Therapie

Cysteamin ist die einzige verfügbare Therapie zur Cystindepletion. Sie heilt die Erkrankung nicht, verzögert aber die Niereninsuffizienz und extrarenale Organschäden signifikant.

  • Therapiebeginn: Unmittelbar nach Diagnosestellung (Starke Empfehlung).
  • Präparate: Immediate-Release (IR, alle 6h) oder Delayed-Release (DR, alle 12h) sind gleichwertig.
  • Schwangerschaft: Systemisches Cysteamin absetzen, Augentropfen fortführen.
GewichtEmpfohlene Cysteamin-DosisBemerkung
Startdosis10 mg/kg/TagÜber 6 Wochen steigern
< 10 kg80-85 mg/kg/TagErhaltungsdosis
10-17 kg80 mg/kg/TagErhaltungsdosis
17-25 kg70 mg/kg/TagErhaltungsdosis
25-40 kg60 mg/kg/TagErhaltungsdosis
40-45 kg50 mg/kg/TagMax. 90 mg/kg/Tag bzw. 1,95 g/m²/Tag

Management des Fanconi-Syndroms und der Nierenbeteiligung

Das bei Diagnose meist irreversible Fanconi-Syndrom erfordert ein intensives Management:

  • Substitution: Bedarfsgerechte Gabe von Wasser, Elektrolyten (Natrium, Kalium, Magnesium), Bikarbonat und Phosphat. Ziel sind Werte im unteren Normbereich.
  • Indometacin: Bei schwerem, unkontrolliertem Fanconi-Syndrom im Kindesalter empfohlen.
  • RAAS-Inhibitoren: Keine routinemäßige Anwendung von ACE-Hemmern oder AT1-Blockern (Konsens).
  • Nierenersatztherapie: Bei terminaler Niereninsuffizienz wird eine (präemptive) Nierentransplantation empfohlen. Bei schwerer Polyurie/Proteinurie kann vorab eine Nephrektomie erwogen werden.

Extrarenale Manifestationen

  • Augen: Lebenslange Kombination aus systemischem Cysteamin und Cysteamin-Augentropfen (Starke Empfehlung).
  • Knochen (CMBD): Vitamin-D-Spiegel (25-OH-D) zwischen 75-120 nmol/L (30-50 ng/mL) halten. Bei Fanconi-Syndrom Kombination aus Phosphat und aktivem Vitamin D.
  • Endokrinologie: Jährliches Screening von TSH/fT4 und Nüchtern-Blutzucker/HbA1c. Testosteronersatztherapie bei hypogonadalen Männern.
  • Neuromuskulär: L-Carnitin (25-100 mg/kg/Tag) bei nachgewiesenem Mangel oder Muskelschwäche. Keine Coenzym-Q10-Gabe.

💡Praxis-Tipp

Achten Sie bei der Cysteamin-Therapie auf die Adhärenz: Die häufige Einnahme und Nebenwirkungen wie Halitosis (Mundgeruch durch Dimethylsulfid) führen oft zu Therapieabbrüchen. Ein Wechsel auf ein Retard-Präparat (alle 12h statt 6h) kann die Compliance verbessern.

Häufig gestellte Fragen

Systemisches Cysteamin muss nach Bestätigung der Schwangerschaft abgesetzt werden. Cysteamin-Augentropfen werden jedoch weitergeführt.
Die Leitlinie empfiehlt vorzugsweise reine Granulozyten, da Cystin überwiegend dort und nicht in Lymphozyten gespeichert wird.
Nein, die Leitlinie empfiehlt keine routinemäßige Anwendung von ACE-Hemmern oder Angiotensin-Rezeptor-Blockern.
Durch konsequente, bedarfsgerechte Substitution von Flüssigkeit, Elektrolyten, Bikarbonat und Phosphat. Bei schweren Verläufen im Kindesalter kann Indometacin eingesetzt werden.
Mittels Spaltlampenuntersuchung lassen sich die Kristalle ab einem Alter von 24 Monaten sicher nachweisen; in den ersten Lebensmonaten können sie noch fehlen.

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