Glutarazidurie Typ 1 (GA1): Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Glutarazidurie Typ 1 führt unbehandelt meist zu einer schweren dystonen Bewegungsstörung durch striatale Schädigung.
- •Die Diagnose erfolgt primär präsymptomatisch über das Neugeborenenscreening (Leitmetabolit C5DC).
- •Die Basistherapie besteht aus einer lysinarmen Diät (bis zum 6. Lebensjahr) und lebenslanger L-Carnitin-Supplementation.
- •Bei fieberhaften Infekten oder Nüchternphasen ist eine sofortige Notfalltherapie (Kohlenhydratzufuhr, Proteinrestriktion) essenziell.
- •Nach dem 6. Lebensjahr kann die Diät zu einer proteinkontrollierten Mischkost gelockert werden.
Hintergrund
Die Glutarazidurie Typ 1 (GA1) ist eine seltene, autosomal-rezessiv vererbte Störung des Lysinstoffwechsels. Ursache sind pathogene Varianten im GCDH-Gen, was zu einer verminderten Aktivität der Glutaryl-CoA-Dehydrogenase führt. Dadurch akkumulieren neurotoxische Metabolite wie Glutarsäure (GA) und 3-Hydroxyglutarsäure (3-OH-GA) sowie das nicht-toxische Glutarylcarnitin (C5DC).
Unbehandelt entwickeln die meisten Patienten im Alter von 3 bis 36 Monaten eine komplexe, schwere dystone Bewegungsstörung. Diese manifestiert sich meist im Rahmen einer akuten enzephalopathischen Krise, ausgelöst durch katabole Zustände wie fieberhafte Infekte oder perioperative Nüchternphasen.
Diagnostik
Das Hauptziel ist die präsymptomatische Diagnosestellung, um irreversible ZNS-Schäden zu verhindern. Die Betreuung soll primär in einem spezialisierten Stoffwechselzentrum erfolgen.
| Diagnoseschritt | Methode / Parameter | Bemerkung |
|---|---|---|
| Neugeborenenscreening (NGS) | MS/MS: Glutarylcarnitin (C5DC) im Trockenblut | Sensitivität ca. 95%. Low-Excretor-Patienten können falsch-negativ sein. |
| Konfirmationsdiagnostik | GC/MS: 3-OH-GA und GA in Urin/Blut | Bei erhöhter 3-OH-GA-Konzentration sofort Therapie beginnen. |
| Diagnosesicherung | Molekulargenetik (GCDH-Gen) oder Enzymanalytik | Bestätigt die Diagnose endgültig. |
Gezielte Diagnostik: Bei klinischem Verdacht (z.B. unklare Dystonie, Makrozephalie, subdurale Blutungen) muss auch bei unauffälligem NGS eine gezielte Diagnostik (3-OH-GA im Urin) erfolgen.
Metabolische Basistherapie
Die Therapiequalität ist der stärkste Prädiktor für das neurologische Outcome.
| Therapie | Zeitraum | Empfehlung |
|---|---|---|
| Lysinarme Diät | Bis zum vollendeten 6. Lebensjahr | Strenge Lysinrestriktion. Gabe von lysinfreien, tryptophanreduzierten, argininangereicherten Aminosäurenmischungen (ASM). |
| Proteinkontrollierte Ernährung | Ab dem 7. Lebensjahr | Altersadaptierte Mischkost. Exzessiver Konsum lysinreicher Lebensmittel ist zu vermeiden. |
| L-Carnitin | Lebenslang | Supplementation (z.B. 100 mg/kg/Tag bei Säuglingen), Ziel: freies Carnitin im Referenzbereich. |
Hinweis: Eine zusätzliche Gabe von L-Arginin als Einzelaminosäure hat keinen nachgewiesenen Nutzen und kann entfallen.
Notfalltherapie
Die Notfalltherapie soll bei Infekten, Impfreaktionen oder Nüchternphasen bis zum vollendeten 6. Lebensjahr ohne Verzögerung eingeleitet werden, um enzephalopathische Krisen zu verhindern.
Ambulante Notfalltherapie
Möglich bei gutem Allgemeinzustand, Temperatur <38,5 °C und Nahrungstoleranz.
- Kohlenhydrate: Maltodextrinlösung (10-20%) alle 2 Stunden (auch nachts!).
- Protein: 50% Reduktion oder Stopp des natürlichen Proteins für 24 (max. 48) Stunden.
- Carnitin: Verdopplung der oralen Tagesdosis.
- Antipyretika: Ab 38,5 °C konsequent senken (z.B. Ibuprofen).
Stationäre Notfalltherapie
Indiziert bei Erbrechen, hohem Fieber oder neurologischen Alarmsymptomen.
- Glukose i.v.: Altersadaptiert (z.B. 15 g/kg/Tag im 1. Lebenshalbjahr). Bei Hyperglykämie Insulin erwägen.
- Protein: Stopp für 24 (max. 48) Stunden.
- Carnitin: Intravenöse Gabe (Dosis analog zur oralen Tagesdosis).
Management neurologischer Komplikationen
- Bewegungsstörungen: Dystonien sind schwer zu behandeln. Am häufigsten werden Baclofen (oral/intrathekal) und Benzodiazepine (Diazepam, Clonazepam) eingesetzt. Valproat und Vigabatrin sollten wegen schwerwiegender Nebenwirkungen vermieden werden.
- Subdurale Blutungen: Treten gehäuft in den ersten 3 Lebensjahren auf. Neurochirurgische Eingriffe bergen das Risiko, eine enzephalopathische Krise auszulösen, und erfordern ein striktes perioperatives metabolisches Management.
- Impfungen: Alle Patienten sollten gemäß den nationalen Empfehlungen geimpft werden, da Infektionen die Hauptauslöser für Krisen sind.
💡Praxis-Tipp
Beginnen Sie die Notfalltherapie bei fieberhaften Infekten oder Erbrechen bei Kindern unter 6 Jahren sofort und großzügig. Eine Verzögerung ist der größte Risikofaktor für irreversible striatale Schäden und schwere Dystonien.