ClariMedClariMed
AWMFHNO

Glutarazidurie Typ 1 (GA1): Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Glutarazidurie Typ 1 führt unbehandelt meist zu einer schweren dystonen Bewegungsstörung durch striatale Schädigung.
  • Die Diagnose erfolgt primär präsymptomatisch über das Neugeborenenscreening (Leitmetabolit C5DC).
  • Die Basistherapie besteht aus einer lysinarmen Diät (bis zum 6. Lebensjahr) und lebenslanger L-Carnitin-Supplementation.
  • Bei fieberhaften Infekten oder Nüchternphasen ist eine sofortige Notfalltherapie (Kohlenhydratzufuhr, Proteinrestriktion) essenziell.
  • Nach dem 6. Lebensjahr kann die Diät zu einer proteinkontrollierten Mischkost gelockert werden.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Die Glutarazidurie Typ 1 (GA1) ist eine seltene, autosomal-rezessiv vererbte Störung des Lysinstoffwechsels. Ursache sind pathogene Varianten im GCDH-Gen, was zu einer verminderten Aktivität der Glutaryl-CoA-Dehydrogenase führt. Dadurch akkumulieren neurotoxische Metabolite wie Glutarsäure (GA) und 3-Hydroxyglutarsäure (3-OH-GA) sowie das nicht-toxische Glutarylcarnitin (C5DC).

Unbehandelt entwickeln die meisten Patienten im Alter von 3 bis 36 Monaten eine komplexe, schwere dystone Bewegungsstörung. Diese manifestiert sich meist im Rahmen einer akuten enzephalopathischen Krise, ausgelöst durch katabole Zustände wie fieberhafte Infekte oder perioperative Nüchternphasen.

Diagnostik

Das Hauptziel ist die präsymptomatische Diagnosestellung, um irreversible ZNS-Schäden zu verhindern. Die Betreuung soll primär in einem spezialisierten Stoffwechselzentrum erfolgen.

DiagnoseschrittMethode / ParameterBemerkung
Neugeborenenscreening (NGS)MS/MS: Glutarylcarnitin (C5DC) im TrockenblutSensitivität ca. 95%. Low-Excretor-Patienten können falsch-negativ sein.
KonfirmationsdiagnostikGC/MS: 3-OH-GA und GA in Urin/BlutBei erhöhter 3-OH-GA-Konzentration sofort Therapie beginnen.
DiagnosesicherungMolekulargenetik (GCDH-Gen) oder EnzymanalytikBestätigt die Diagnose endgültig.

Gezielte Diagnostik: Bei klinischem Verdacht (z.B. unklare Dystonie, Makrozephalie, subdurale Blutungen) muss auch bei unauffälligem NGS eine gezielte Diagnostik (3-OH-GA im Urin) erfolgen.

Metabolische Basistherapie

Die Therapiequalität ist der stärkste Prädiktor für das neurologische Outcome.

TherapieZeitraumEmpfehlung
Lysinarme DiätBis zum vollendeten 6. LebensjahrStrenge Lysinrestriktion. Gabe von lysinfreien, tryptophanreduzierten, argininangereicherten Aminosäurenmischungen (ASM).
Proteinkontrollierte ErnährungAb dem 7. LebensjahrAltersadaptierte Mischkost. Exzessiver Konsum lysinreicher Lebensmittel ist zu vermeiden.
L-CarnitinLebenslangSupplementation (z.B. 100 mg/kg/Tag bei Säuglingen), Ziel: freies Carnitin im Referenzbereich.

Hinweis: Eine zusätzliche Gabe von L-Arginin als Einzelaminosäure hat keinen nachgewiesenen Nutzen und kann entfallen.

Notfalltherapie

Die Notfalltherapie soll bei Infekten, Impfreaktionen oder Nüchternphasen bis zum vollendeten 6. Lebensjahr ohne Verzögerung eingeleitet werden, um enzephalopathische Krisen zu verhindern.

Ambulante Notfalltherapie

Möglich bei gutem Allgemeinzustand, Temperatur <38,5 °C und Nahrungstoleranz.

  • Kohlenhydrate: Maltodextrinlösung (10-20%) alle 2 Stunden (auch nachts!).
  • Protein: 50% Reduktion oder Stopp des natürlichen Proteins für 24 (max. 48) Stunden.
  • Carnitin: Verdopplung der oralen Tagesdosis.
  • Antipyretika: Ab 38,5 °C konsequent senken (z.B. Ibuprofen).

Stationäre Notfalltherapie

Indiziert bei Erbrechen, hohem Fieber oder neurologischen Alarmsymptomen.

  • Glukose i.v.: Altersadaptiert (z.B. 15 g/kg/Tag im 1. Lebenshalbjahr). Bei Hyperglykämie Insulin erwägen.
  • Protein: Stopp für 24 (max. 48) Stunden.
  • Carnitin: Intravenöse Gabe (Dosis analog zur oralen Tagesdosis).

Management neurologischer Komplikationen

  • Bewegungsstörungen: Dystonien sind schwer zu behandeln. Am häufigsten werden Baclofen (oral/intrathekal) und Benzodiazepine (Diazepam, Clonazepam) eingesetzt. Valproat und Vigabatrin sollten wegen schwerwiegender Nebenwirkungen vermieden werden.
  • Subdurale Blutungen: Treten gehäuft in den ersten 3 Lebensjahren auf. Neurochirurgische Eingriffe bergen das Risiko, eine enzephalopathische Krise auszulösen, und erfordern ein striktes perioperatives metabolisches Management.
  • Impfungen: Alle Patienten sollten gemäß den nationalen Empfehlungen geimpft werden, da Infektionen die Hauptauslöser für Krisen sind.

💡Praxis-Tipp

Beginnen Sie die Notfalltherapie bei fieberhaften Infekten oder Erbrechen bei Kindern unter 6 Jahren sofort und großzügig. Eine Verzögerung ist der größte Risikofaktor für irreversible striatale Schäden und schwere Dystonien.

Häufig gestellte Fragen

Der Leitmetabolit ist Glutarylcarnitin (C5DC) im Trockenblut. Ein unauffälliges Screening schließt die Erkrankung jedoch nicht sicher aus (Gefahr falsch-negativer Befunde bei Low-Excretor-Patienten).
Die strenge lysinarme Diät mit Aminosäurenmischungen wird bis zum vollendeten 6. Lebensjahr empfohlen. Danach kann auf eine altersadaptierte, proteinkontrollierte Mischkost umgestellt werden.
Ja, Impfungen werden uneingeschränkt nach den nationalen Empfehlungen angeraten, um infektgetriebene Krisen zu vermeiden. Fieberhafte Impfreaktionen erfordern jedoch eine sofortige Notfalltherapie.
Am häufigsten werden Baclofen und Benzodiazepine eingesetzt. Valproat sollte wegen des Risikos einer mitochondrialen Dysfunktion vermieden werden.

Verwandte Leitlinien