Hepatorenale Tyrosinämie Typ 1: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose der Tyrosinämie Typ 1 erfolgt primär über das Neugeborenenscreening mittels Bestimmung von Sukzinylazeton (SA).
- •Die Therapie besteht aus einer lebenslangen Kombination von Nitisinon und einer tyrosin- sowie phenylalaninarmen Diät.
- •Nitisinon wird initial mit 1-2 mg/kg Körpergewicht dosiert, mit dem Ziel, Sukzinylazeton unter die Nachweisgrenze zu senken.
- •Ein engmaschiges Monitoring des Alpha-Fetoproteins (AFP) und bildgebende Kontrollen sind zur Früherkennung eines hepatozellulären Karzinoms (HCC) essenziell.
- •Eine Lebertransplantation ist bei therapierefraktärem Leberversagen oder nachgewiesenem HCC indiziert.
Hintergrund
Die hepatorenale Tyrosinämie Typ 1 (HT1) ist eine seltene, autosomal-rezessiv vererbte Stoffwechselerkrankung. Ursächlich ist ein Defekt der Fumarylazetoazetase (FAH), was zur Akkumulation toxischer Metabolite, insbesondere Sukzinylazeton (SA), führt. Unbehandelt verläuft die Erkrankung meist letal und führt zu Leberversagen, Nierentubulusfunktionsstörungen (Rachitis) und hepatozellulären Karzinomen (HCC).
Diagnostik
Die frühzeitige Diagnose ist für die Prognose entscheidend und erfolgt primär über das Neugeborenenscreening. Die alleinige Bestimmung von Tyrosin ist unzureichend.
| Diagnostik-Stufe | Parameter / Maßnahme | Bemerkung |
|---|---|---|
| Screening | Sukzinylazeton (SA) im Trockenblut | Mittels Tandem-Massenspektrometrie (MS/MS) |
| Konfirmationsdiagnostik | SA quantitativ (Urin/Blut), Aminosäuren, Leberwerte | Starker Konsens für zeitnahe Bestätigung |
| Genetik | FAH-Genanalyse | Bei unauffälligem FAH-Gen: GSTZ1-Gen prüfen |
- Starke Empfehlung: Die molekulargenetische Untersuchung zur Diagnosesicherung darf den Therapiebeginn nicht hinauszögern.
Therapie
Die Behandlung ruht auf zwei Säulen: der pharmakologischen Therapie mit Nitisinon und einer strengen Ernährungstherapie.
Medikamentöse Therapie
Nitisinon hemmt den Tyrosinabbau und verhindert so die Bildung toxischer Metabolite.
| Wirkstoff | Initialdosis | Gabe | Therapieziel |
|---|---|---|---|
| Nitisinon | 1-2 mg/kg KG/Tag | Auf 2 Dosen verteilt (ab 20 kg 1x tgl. möglich) | Sukzinylazeton unter Nachweisgrenze |
- Starke Empfehlung: Die Therapie muss umgehend bei dringendem Verdacht begonnen werden. Ein abruptes Absetzen von Nitisinon ist streng zu vermeiden, da dies Porphyriekrisen auslösen kann.
Ernährungstherapie
Da Nitisinon den Abbau blockiert, steigen Tyrosin und Phenylalanin an. Eine diätetische Restriktion ist zwingend erforderlich.
| Parameter | Zielbereich | Maßnahmen bei Abweichung |
|---|---|---|
| Tyrosin (Plasma) | 200-600 µM | Strenge eiweißarme Diät, tyrosinfreie Aminosäurenmischung |
| Phenylalanin (Plasma) | Unterer Referenzbereich | Bei <30 µM: Eiweißzufuhr steigern oder Phenylalanin substituieren |
Langzeit-Monitoring und Komplikationen
Patienten benötigen eine lebenslange, multidisziplinäre Betreuung in einem Stoffwechselzentrum.
- Labor: Regelmäßige Kontrolle von Aminosäuren, SA, Leber- und Nierenparametern.
- HCC-Screening: Das Risiko für ein hepatozelluläres Karzinom ist erhöht. Starke Empfehlung: Regelmäßige Bestimmung von Alpha-Fetoprotein (AFP). Bei ausbleibender Normalisierung oder sekundärem Anstieg muss eine Bildgebung (bevorzugt MRT) erfolgen. Auf Leberbiopsien soll wegen der Gefahr der Tumorzellstreuung verzichtet werden.
Lebertransplantation
Eine Lebertransplantation hat bei HT1 eine gute Prognose und ist in folgenden Situationen indiziert:
| Indikation | Bemerkung |
|---|---|
| Akutes Leberversagen | Therapierefraktär unter Nitisinon |
| Hepatozelluläres Karzinom (HCC) | Ohne Nachweis von Metastasen |
| Chronisches Leberversagen / Zirrhose | Trotz adäquater medikamentöser und diätetischer Therapie |
- Konsens: Nach einer erfolgreichen Lebertransplantation ist die Fortführung der Nitisinontherapie nicht mehr erforderlich.
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie bei Verdacht auf Tyrosinämie Typ 1 immer Sukzinylazeton (SA) und nicht nur Tyrosin, da eine isolierte Tyrosin-Erhöhung nicht pathognomonisch ist. Setzen Sie Nitisinon niemals abrupt ab, um lebensgefährliche Porphyriekrisen zu vermeiden.