Lebenslange Nachsorge Querschnittlähmung (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Eine regelmäßige (meist jährliche) interdisziplinäre Nachsorge ist essenziell zur Prävention und Früherkennung von Komplikationen.
- •Neurologische Kontrollen fokussieren auf Spastik, Schmerzen, Syringomyelie und autonome Dysregulation (besonders bei Läsionen >Th6).
- •Ein kardiometabolisches Screening (Blutdruck, Lipide, Glukose, Gewicht) wird jährlich empfohlen.
- •Neurogene Darmfunktionsstörungen erfordern ein regelmäßiges Screening auf Obstipation, Megacolon und kolorektale Karzinome.
- •Die Dekubitusprävention umfasst Hautinspektionen, Risikoassessments und Hilfsmittelkontrollen.
Hintergrund
Die Querschnittlähmung (QSL) führt zum Ausfall motorischer, sensibler und autonomer Funktionen. Da sich der Gesundheitszustand durch Alterung und Dauer der Lähmung verändert, ist eine lebenslange, interdisziplinäre Nachsorge in spezialisierten Zentren der "Goldstandard". Ziel ist die Prävention, Früherkennung und Behandlung querschnittlähmungsassoziierter und altersbedingter Gesundheitsprobleme. Nach der Erstbehandlung sollten Kontrollen im ersten Jahr häufiger, danach in der Regel jährlich stattfinden.
Neurologische Nachsorge
Eine regelmäßige neurologische Verlaufskontrolle (Sensomotorik, Spastik, Schmerzen, Reflexe) ist essenziell.
| Komplikation | Risikogruppe / Symptome | Diagnostik / Maßnahme |
|---|---|---|
| Syringomyelie | Neurologische Verschlechterung, Schmerzzunahme, Spastikzunahme | Klinische Untersuchung, kurzfristiges MRT (CISS-Sequenzen), neurochirurgische Vorstellung |
| Tethered Cord | Spina bifida, posttraumatisch / Veränderung der Spastik oder Blasenfunktion | Klinische Untersuchung, MRT, neurochirurgische Vorstellung |
| Autonome Dysregulation | Läsion >Th6 / Blutdruckkrisen, Kopfschmerzen, Schwitzen | Blutdruck/Puls messen, Ursachensuche (Blase, Darm, Haut), ggf. erweiterte Diagnostik |
| Kognitive Störungen | SHT, Tetraplegie, Spina bifida (Hydrozephalus) | Aktives Screening, bei Spina bifida Shuntkontrolle |
- Spastik: Bei jeder Kontrolle und bei relevanter Änderung evaluieren (Scores: MAS, SCATS, SCI-SET). Ursachensuche bei Verschlechterung (z.B. Harnwegsinfekt, Fraktur).
- Schmerzen: Neuropathische Schmerzen aktiv erfragen und fokussiert klinisch untersuchen.
Kardiovaskuläres und Metabolisches System
Das Risiko für ein kardiometabolisches Syndrom ist bei QSL deutlich erhöht.
| Parameter | Intervall | Empfehlung / Maßnahme |
|---|---|---|
| Blutdruck | Mindestens jährlich | Immer in derselben Position messen. Bei Schwankungen 24h-Messung. |
| Lipide | Alle 3 Jahre (jährlich bei Risiko) | Nüchtern LDL, TC, TG, HDL-C. |
| Glukose / HbA1c | Jährlich | Familienanamnese und Risikofaktoren erheben. |
| Gewicht / Adipositas | Jährlich | Körpergewicht messen. BMI mit angepasstem Schwellenwert (22 kg/m²) nutzen. |
| EKG | Jährlich (ab 10 J. Läsion oder >60 J.) | Besonders bei Tetraplegie (fehlende klassische Infarktsymptome). |
- Thrombose: Erhöhtes Risiko im ersten Jahr, bei Schwangerschaft, hormoneller Kontrazeption, Rauchen, Diabetes, Alter >45 oder AIS A. Klinische Untersuchung bei Symptomen.
Atmung und Immunsystem
- Atmung: Bei Tetraplegie Spirometrie und Messung der Atemmuskelkraft. Hustenkapazität (Peak Cough Flow) regelmäßig prüfen. Bei Verdacht auf Schlafapnoe Polygraphie.
- Impfungen: Jährliche Influenza-Impfung. Pneumokokken, Herpes-Zoster, Meningokokken (besonders bei Läsion >Th3 wegen Milzatrophie) und Covid-19 gemäß nationalen Empfehlungen.
Gastrointestinaltrakt und Darmmanagement
Die neurogene Darmfunktionsstörung (nDFS) erfordert ein lebenslanges Management.
| Problem | Diagnostik / Maßnahme | Bemerkung |
|---|---|---|
| Obstipation / Inkontinenz | Anamnese (Trinkmenge, Ernährung), Sphinkter-Tonus, NBD-Score | Stuhlentleerung muss planbar und zuverlässig sein (<1h Dauer). |
| Megacolon | Abdomenübersicht, Darmpassagezeit | Bei hartnäckiger Obstipation, Dehnung, Schmerzen. Ggf. Colostomie erwägen. |
| Analfissuren / Hämorrhoiden | Darmanamnese, rektale Untersuchung, Proktoskopie | Vorsicht: Gefahr der autonomen Dysreflexie bei Manipulation (>Th6). |
| Colonkarzinom-Vorsorge | Coloskopie (ab 50 J., alle 10 J.) | Vorbereitung dauert 3-4 Tage (verlangsamte Transitzeit). Stationäre Durchführung bei >Th6 empfohlen. |
Urogenitalsystem und Sexualität
- Blase: Individuell risikoadaptierte neuro-urologische Kontrollen zur Prävention von Nierenschäden und Harnblasenkarzinomen.
- Gynäkologie: Regelmäßige Krebsvorsorge (Mamma, Zervix) und HPV-Impfung ansprechen.
- Kontrazeption: Kombinierte hormonelle Kontrazeptiva wegen Thromboserisiko vermeiden. Empfohlen: Gestagenmonopräparate oder Intrauterinsysteme (IUS).
- Schwangerschaft: Gilt als Risikoschwangerschaft. Präkonzeptionelle Beratung (Folsäure, Medikationscheck, Thromboseprophylaxe) ist essenziell.
Muskuloskeletalsystem und Haut
| Bereich | Risiko / Problem | Nachsorge-Empfehlung |
|---|---|---|
| Obere Extremitäten | Überbelastung (Rollstuhl, Transfer), Karpaltunnelsyndrom | Jährliche Evaluation (Schmerz, Gelenkstatus), besonders bei Tetraplegie und langer Rollstuhldauer. |
| Untere Extremitäten | Kontrakturen | Jährliche Evaluation der Gelenkbeweglichkeit. Bei Fußgängern Gehhilfen prüfen. |
| Skoliose | Progredienz, Sitzprobleme | Klinische Beurteilung, ggf. Röntgen (im Sitzen/Stehen). Sitzposition/Rollstuhl prüfen. |
| Haut (Dekubitus) | Druck, Reibung, Mangelernährung | Visuelle/palpatorische Hautinspektion, Risikoassessment, Hilfsmittelkontrolle, ggf. Laborkontrolle (Ernährungsstatus). |
Psychologie und Medikation
- Depression: Aktives Screening auf psychische Symptome, besonders im ersten Jahr, bei Tetraplegie oder jungen Patienten.
- Polypharmazie: Medikamentenliste regelmäßig auf Indikation, Dosierung (Nierenfunktion beachten) und Nebenwirkungen prüfen.
💡Praxis-Tipp
Achtung bei Läsionen oberhalb Th6: Jede rektale Manipulation (z.B. bei Hämorrhoiden oder Coloskopie-Vorbereitung) kann eine lebensbedrohliche autonome Dysreflexie auslösen. Zudem zeigen Tetraplegiker oft keine klassischen Herzinfarktsymptome – schreiben Sie ab 10 Jahren nach Eintritt der Lähmung oder ab dem 60. Lebensjahr ein jährliches EKG.