ClariMedClariMed

Akute Querschnittlähmung: S3-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Klassifikation nach ISNCSCI (inkl. ASIA Impairment Scale) durchführen, sobald der Patient kooperativ ist.
  • Operative Versorgung bei traumatischer Querschnittlähmung innerhalb von 24 Stunden anstreben.
  • Keine routinemäßige Gabe von Methylprednisolon im Akutstadium aufgrund fehlenden Nutzens und erhöhter Komplikationsraten.
  • Der mittlere arterielle Blutdruck (MAP) sollte in den ersten 2-3 Tagen zwischen 70 und 90 mmHg liegen.
  • Frühzeitige Anlage eines Dauerkatheters (12-14 Ch.) und Beginn der Thromboseprophylaxe.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Die akute Querschnittlähmung (QSL) ist die Folge einer traumatischen oder nicht-traumatischen Schädigung des Rückenmarks und/oder der Cauda equina. Sie führt zu kombinierten oder isolierten Ausfällen der motorischen, sensorischen und vegetativen Funktionen. Die Inzidenz der traumatischen QSL liegt in Deutschland bei etwa 16 Fällen pro 1.000.000 Einwohner.

Diagnostik und Klassifikation

Sobald der Patient wach und kooperativ ist, soll die klinisch-neurologische Untersuchung nach dem internationalen Standard ISNCSCI (International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury) erfolgen.

ParameterBedeutung
NLINeurological Level of Injury (kaudalstes intaktes Segment)
AISASIA Impairment Scale (Schweregrad A bis E)
ZPPZone of Partial Preservation (Teilerhalt bei kompletten Läsionen)

Bei Verdacht auf eine traumatische QSL soll der Transport schnellstmöglich in ein qualifiziertes überregionales Traumazentrum erfolgen. Vor der operativen Versorgung sollte in der Akutphase eine MRT-Untersuchung durchgeführt werden.

Traumatische Querschnittlähmung

Die operative Versorgung ist zeitkritisch und erfordert ein erfahrenes Wirbelsäulenteam.

  • OP-Zeitpunkt: Möglichst zeitnah, spätestens 24 Stunden nach dem Unfall (nach Stabilisierung der Vitalparameter).
  • Intraoperativer Ultraschall: Sollte zur Beurteilung einer ausreichenden Dekompression des Spinalkanals genutzt werden.
  • Thorakolumbale Frakturen: Offen-chirurgischer Zugang, ausreichende knöcherne Dekompression und Stabilisierung mit dorsalem Fixateur interne.
  • Folgeeingriffe: Aufgrund der katabolen Grundsituation und der Gefahr sekundärer Rückenmarksschäden sollten Folgeeingriffe an der Wirbelsäule in der Akutphase vermieden werden.
  • Fusionslänge: So kurz wie möglich, um Funktionalität und Mobilität zu erhalten.

Neuroprotektive Therapie

Die Leitlinie spricht sich klar gegen verschiedene experimentelle oder veraltete Therapieansätze aus:

TherapieansatzEmpfehlungBemerkung
MethylprednisolonNicht empfohlenKein Nutzen belegt, erhöhtes Risiko für Pneumonien und Hyperglykämien.
Andere PharmakaNicht empfohlenZ.B. Nimodipin, Minocyclin, Erythropoietin zeigen keinen sicheren Benefit.
Zell-TransplantationNicht empfohlenKeine Anwendung in der Akutphase.
HypothermieNicht empfohlenKeine belastbaren Effekte nachgewiesen.

Nicht-traumatische Querschnittlähmung

Die Diagnostik basiert auf Anamnese, klinischer Untersuchung und rascher Schnittbildgebung (bevorzugt MRT).

  • Spinale Ischämie: Keine Empfehlung für endovaskuläre Revaskularisierung, Liquordrainage oder systemische Steroide (unsichere Evidenz).
  • Maligne Kompression: Bei Kompression durch Metastasen sollte die systemische Gabe von Dexamethason erfolgen, um die Gehfähigkeit zu verbessern.

Intensivmedizinisches Management

Das Management zielt auf die Vermeidung von Sekundärschäden und Komplikationen ab.

BereichMaßnahmeZiel / Bemerkung
HämodynamikMAP 70-90 mmHg für 2-3 Tage (max. 7 Tage)Bevorzugt Noradrenalin. Bei verminderter Ejektionsfraktion zusätzlich Dobutamin.
ThromboseNMH oder UFH so früh wie möglichUnter Berücksichtigung des Blutungsrisikos.
AtmungTracheostomie innerhalb von 4-6 TagenBei erwartetem längerem Weaning.
ErnährungEnterale/parenterale Ernährung in 24-48hFalls orale Zufuhr kontraindiziert ist.
HarnblaseDauerkatheter (12-14 Ch. Silikon)Zur sicheren Blasenentleerung in der Akutphase.
HautRepositionierung alle 2-4 StundenStrikte Dekubitusprophylaxe, sofortige Entlastung bei Läsionen.

Aktivierende Therapien (Physio- und Ergotherapie) sollen so früh wie möglich begonnen werden, inklusive täglichem Durchbewegen der Extremitäten.

💡Praxis-Tipp

Verzichten Sie im Akutstadium auf die Gabe von Methylprednisolon. Streben Sie stattdessen in den ersten 2-3 Tagen einen mittleren arteriellen Druck (MAP) von 70-90 mmHg (bevorzugt mit Noradrenalin) an, um die spinale Perfusion zu sichern.

Häufig gestellte Fragen

Möglichst zeitnah und spätestens 24 Stunden nach dem Unfall, sobald die Vitalparameter stabilisiert sind.
Nein, im Akutstadium sollte keine medikamentöse Behandlung mit Methylprednisolon erfolgen, da kein Nutzen belegt ist und das Risiko für Pneumonien und Hyperglykämien steigt.
In den ersten 2 bis 3 Tagen (maximal 7 Tage) sollte ein mittlerer arterieller Druck (MAP) zwischen 70 und 90 mmHg angestrebt werden, bevorzugt durch den Einsatz von Noradrenalin.
Während der Akutphase und intensivmedizinischen Behandlung soll die Blase über einen Dauerkatheter (bevorzugt Silikon, 12-14 Ch.) abgeleitet werden.
Die klinisch-neurologische Untersuchung und Klassifikation soll nach dem internationalen Standard ISNCSCI (inkl. ASIA Impairment Scale) erfolgen.

Verwandte Leitlinien