Depression bei Querschnittlähmung: S1-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Depressionen treten bei 20-40 % der Querschnittgelähmten auf, sind aber keine zwangsläufige Reaktion auf die Verletzung.
- •Bei der Diagnostik müssen körperliche Begleitsymptome der Lähmung (z. B. Erschöpfung, Schlafstörungen) von echten Depressionssymptomen unterschieden werden.
- •Zur Erfassung eignen sich Fragebögen mit geringem somatischem Anteil, wie die Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS).
- •Tri- und tetrazyklische Antidepressiva sollten wegen ihrer Nebenwirkungen (z. B. orthostatische Hypotonie) vermieden werden.
- •Körperliche Aktivität und angepasste psychotherapeutische Verfahren sind zentrale Säulen der Behandlung.
Hintergrund
Eine Querschnittlähmung stellt einen chronischen, somatischen Risikofaktor dar, der eine Depression begünstigen kann. Internationale Studien gehen davon aus, dass 20-40 % der Betroffenen an einer depressiven Störung erkranken. Eine depressive Phase ist jedoch keine notwendige Reaktion auf die Lähmung. Die klinische Relevanz ist hoch, da eine unbehandelte Depression den Rehabilitationserfolg gefährdet und das Risiko für somatische Komplikationen (z. B. Dekubitus, Harnwegsinfekte, kardiovaskuläre Erkrankungen) erhöht.
Risikofaktoren und Schutzfaktoren
Die Entstehung einer Depression ist multifaktoriell bedingt. Ein einfacher Zusammenhang zwischen der Lähmungshöhe und dem Depressionsrisiko besteht nicht.
Risikofaktoren:
- Geringe funktionelle Unabhängigkeit
- Chronische Schmerzen und Entzündungsprozesse
- Fehlende Partnerschaft und Arbeitslosigkeit
- Vorbestehende kognitive Störungen oder Depressionen
Schutzfaktoren (Resilienz):
- Berufliche und soziale Teilhabe
- Hoffnung und Lebenssinn
- Achtsamkeit und Selbstwirksamkeit
- Regelmäßige körperliche Aktivität
Diagnostik
Die Diagnostik erfolgt nach ICD-Kriterien im klinischen Interview. Eine Erstdiagnostik sollte frühzeitig in der Eingangsphase erfolgen, gefolgt von erneuten Untersuchungen nach 2 Monaten und unmittelbar vor der Entlassung. In der ambulanten Nachsorge wird der Zwei-Fragen-Test empfohlen.
Eine besondere Herausforderung ist die Differenzierung zwischen echten Depressionssymptomen und körperlichen Begleiterscheinungen der Querschnittlähmung:
| Symptom-Kategorie | Depressionssymptom | Mögliche somatische Ursache durch Querschnittlähmung |
|---|---|---|
| Antriebsmangel | Energieverlust, Erschöpfung | Vermehrtes körperliches Training in der Rehabilitation |
| Interessenverlust | Keine Freude an Aktivitäten | Freude herabgesetzt durch veränderte körperliche Situation |
| Schlafstörungen | Ein-/Durchschlafstörungen | Somatische Begleiterkrankungen, Schmerzen |
| Appetitstörungen | Gewichtsverlust | Spezielle Kostformen (z. B. Sondenkost) |
Wichtig für Fragebögen: Es sollten Skalen verwendet werden, die somatische Symptome gering gewichten (z. B. HADS anstelle des BDI).
Differenzialdiagnostik
Die häufigste psychische Störung nach Querschnittlähmung ist die Anpassungsstörung. Zur Abgrenzung: Bei der Anpassungsstörung bleibt die affektive Schwingungsfähigkeit meist erhalten. Schwere Symptome wie frühmorgendliches Erwachen, starke Schuldgefühle oder Suizidabsichten sind hier eher selten.
Therapie
Die Behandlung sollte in ein therapeutisches Gesamtkonzept eingebettet sein.
Psychotherapie und körperliche Aktivität
- Psychotherapie: Kognitive Verhaltenstherapie, Entspannungsverfahren und achtsamkeitsbasierte Ansätze. Techniken müssen an die veränderte körperliche Situation angepasst werden.
- Körperliche Aktivität: Zeigt ähnliche Effekte wie Psychotherapie. Empfohlen wird z. B. aerobes Training (60-80 % der max. Herzfrequenz) für 30 Minuten, dreimal pro Woche.
Pharmakotherapie
Es gibt keine ausreichende Evidenz für die Wirksamkeit spezifischer Antidepressiva bei Querschnittlähmung, jedoch Hinweise auf positive Effekte von Venlafaxin. Primär sollten Medikamente eingesetzt werden, die Monoamine im synaptischen Spalt erhöhen.
| Wirkstoffgruppe / Medikament | Besonderheiten bei Querschnittlähmung | Empfehlung |
|---|---|---|
| Tri-/Tetrazyklika (TZA) | Hohes Risiko für anticholinerge Effekte und orthostatische Hypotonie (verstärkt autonome Dysfunktion). | Vermeiden |
| Sedierende Antidepressiva (z.B. Amitriptylin, Mirtazapin) | Gefahr der Atemdepression, besonders in Kombination mit Opioiden/Benzodiazepinen. | Vorsicht |
| Venlafaxin | Positiv bei chronischem Schmerz. Kann Harninkontinenz verstärken oder Restharn bei Spastik reduzieren. | Individuell abwägen |
| Duloxetin | Positive Effekte bei Belastungsinkontinenz. | Individuell abwägen |
| Mirtazapin | Relevante Nebenwirkung: Gewichtszunahme (Adipositas-Risiko bei Paraplegikern beachten). | Vorsicht |
Bei Vorliegen einer bipolaren Störung, schizoaffektiven Störung oder akuter Suizidalität muss zwingend ein Facharzt für Psychiatrie hinzugezogen werden.
💡Praxis-Tipp
Verwenden Sie zur Depressions-Diagnostik bei Querschnittgelähmten bevorzugt Fragebögen mit geringem somatischem Anteil wie die HADS. Interpretieren Sie Symptome wie Energieverlust oder Schlafstörungen stets im Kontext der Lähmung und der körperlichen Rehabilitation.