Wurzelspitzenresektion (WSR): Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die WSR ist indiziert bei persistierender apikaler Parodontitis, nicht revidierbarer Wurzelfuellung oder frakturierten Instrumenten.
- •Ein mikrochirurgisches Vorgehen mit Vergroesserungshilfen (Mikroskop) erhoeht die Erfolgsquote signifikant.
- •Die Resektion soll im 90-Grad-Winkel erfolgen, gefolgt von einer 3 mm tiefen retrograden Kavitaet mittels Ultraschall.
- •Als retrograde Fuellmaterialien werden hydraulische Silikatzemente oder Zinkoxid-Eugenol-Zemente empfohlen.
Hintergrund
Die Wurzelspitzenresektion (WSR) bezeichnet die chirurgische Kuerzung der Wurzelspitze nach Schaffung eines operativen Zuganges durch den Knochen. Ziel ist der bakteriendichte Verschluss des endodontischen Wurzelkanalsystems am Resektionsquerschnitt, um die Heilung einer periradikulaeren Entzuendung (apikale Parodontitis) zu ermoeglichen und den Zahn funktionell zu erhalten.
Symptome und Diagnostik
Klinische Symptome einer apikalen Parodontitis umfassen fehlende Sensibilitaet, Perkussionsempfindlichkeit, apikale Druckdolenz, Schwellungen, Fistelbildung oder Lockerung. Radiologisch zeigt sich typischerweise eine periradikulaere Radioluzenz oder eine Erweiterung des Parodontalspaltes.
Zur Therapieentscheidung sind folgende Basisuntersuchungen erforderlich:
- Inspektion und klinische Beurteilung der Erhaltungswuerdigkeit
- Perkussions- und Palpationstest
- Sensibilitaetstest (betroffener Zahn und Nachbarzaehne)
- Erhebung parodontaler Parameter
- Roentgenuntersuchung (vollstaendige Darstellung inkl. periapikaler Aufhellung)
Bei persistierender Schmerzsymptomatik trotz vermeintlich einwandfreier Wurzelkanalfuellung sollten nicht-dentogene Ursachen (z. B. atypischer Gesichtsschmerz) abgeklaert werden.
Indikationen zur Wurzelspitzenresektion
Die WSR ist indiziert, wenn eine orthograde (nicht-chirurgische) Wurzelkanalbehandlung nicht moeglich oder nicht erfolgversprechend ist.
Starker Konsens besteht fuer folgende Indikationen:
- Obliterierte und/oder nicht mehr instrumentierbare Wurzelkanaele bei apikaler Parodontitis
- Erhebliche morphologische Varianten, die eine vollstaendige Desinfektion verhindern
- Persistierende apikale Parodontitis nach Wurzelfuellung, die nicht ohne unverhaeltnismaessige Risiken (z. B. bei Stiftversorgungen) revidiert werden kann
- Frakturierte Wurzelkanalinstrumente in Apexnaehe, die orthograd nicht entfernbar sind
- Perforationen, Stufen oder Blockaden aus primaeren Aufbereitungen
- Ueberpresstes Wurzelkanalfuellmaterial mit klinischer Symptomatik oder Beteiligung von Nachbarstrukturen (Kieferhoehle, Mandibularkanal)
- Wurzelquerfrakturen im apikalen Drittel mit Infektion des apikalen Fragmentes
Operationstechnik und Materialien
Die mikrochirurgische Technik zeigt in Studien signifikant hoehere Erfolgsraten als das traditionelle Vorgehen. Der Einsatz von Vergroesserungshilfen (Dentalmikroskop, Lupenbrille, Endoskop) wird stark empfohlen.
| Technik-Parameter | Empfohlenes Vorgehen (Mikrochirurgisch) | Bemerkung |
|---|---|---|
| Resektionswinkel | Nahezu rechtwinklig (90 Grad) zur Zahnachse | Schont Knochensubstanz, erleichtert anatomische Beurteilung |
| Retrograde Praeparation | Ca. 3 mm tief, achsgerecht | Praeparation zwingend mittels Ultraschallinstrumenten |
| Retrograde Fuellung | Applikation zwingend erforderlich | Signifikant hoehere Erfolgsraten als alleinige Glaettung |
Fuellmaterialien fuer die retrograde Fuellung
| Material | Bewertung | Empfehlung |
|---|---|---|
| Hydraulische Silikatzemente | Sehr hohe Erfolgsraten (bis 97%) | Empfohlen |
| Zinkoxid-Eugenol-Zemente | Hohe Erfolgsraten (ca. 90%) | Empfohlen |
| Komposit / Dentin-Bonding | Geringere Langzeiterfolgsraten | Zweite Wahl |
| Glasionomerzement (GIZ) | Signifikant schlechtere Erfolgsraten | Nicht empfohlen |
Fuer den standardmaessigen Einsatz von GTR- (Guided Tissue Regeneration) oder Augmentationstechniken zur Knochenheilung kann derzeit keine Empfehlung ausgesprochen werden. Eine Ausnahme bilden bikortikale Defekte.
Risikofaktoren und Komplikationen
Verschiedene Faktoren koennen die Erfolgswahrscheinlichkeit mindern:
- Grosse periapikale Laesionen oder Zysten
- Paro-Endo-Laesionen (Kombination aus apikaler und marginaler Parodontitis)
- Intraradikulaere Isthmen oder nicht identifizierte zusaetzliche Kanaele
- Unzureichende koronale Restauration (koronales Leakage)
Moegliche Komplikationen umfassen postoperative Infektionen, Schaedigung sensibler Nerven (N. trigeminus), Eroeffnung der Kieferhoehle (Sinusitis maxillaris) oder Wurzelfrakturen.
Prognose und Vorgehen bei Misserfolg
Die Erfolgsquoten moderner mikrochirurgischer Techniken liegen zwischen 77% und 97%. Der Therapieerfolg wird nach mindestens einem Jahr klinisch und radiologisch beurteilt (nach den Kriterien von Rud et al.).
| Heilungskategorie | Radiologisches Bild | Bewertung |
|---|---|---|
| 1. Komplette Heilung | Neuformation des Parodontalspaltes, vormalige Kavitaet mit Knochen gefuellt | Erfolg |
| 2. Inkomplette Heilung | Verkleinerte Rarefikation (Narbengewebe), asymmetrisch um Apex | Erfolg |
| 3. Unsichere Heilung | Verkleinerte Radioluzenz, aber Parodontalspalt > doppelte Breite | Misserfolg (wenn > 4 Jahre) |
| 4. Unbefriedigend | Rarefikation unveraendert oder vergroessert | Misserfolg |
Fuehrt eine WSR nicht zum Erfolg, werden folgende Therapiemoeglichkeiten diskutiert:
- Erneute WSR (Re-WSR): Insbesondere bei initial nicht suffizientem retrogradem Verschluss oder unzureichender Resektion.
- Orthograde Revisionsbehandlung: Auch bei bereits resezierten Zaehnen moeglich und in Studien mit Erfolgsquoten von ca. 70-87% beschrieben.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie Vergroesserungshilfen (Dentalmikroskop) und Ultraschallansaetze fuer die retrograde Praeparation. Verzichten Sie auf Glasionomerzement als retrogrades Fuellmaterial.