Dentales Trauma bleibender Zähne: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Vitalerhaltung der Zahnpulpa ist oberstes Ziel, insbesondere bei Zähnen mit nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum.
- •Die partielle Pulpotomie ist die favorisierte Therapieoption bei Kronenfrakturen mit Pulpabeteiligung.
- •Zur Stabilisierung dislozierter Zähne wird eine flexible Schienung (1 bis 4 Wochen je nach Trauma) empfohlen.
- •Avulsierte Zähne sollten zellphysiologisch gelagert (Zahnrettungsbox) und zeitnah replantiert werden.
- •Bei Zähnen mit abgeschlossenem Wurzelwachstum und starker Dislokation (≥ 2 mm) sollte die Endodontie frühzeitig eingeleitet werden.
Hintergrund
Das dentale Trauma weist weltweit eine hohe Prävalenz von ca. 25 bis 30 % auf. Oberstes Ziel der Behandlung ist die Gewährleistung einer bestmöglichen Versorgung, um Folgeschäden zu minimieren und einen langfristigen Zahnerhalt zu ermöglichen. Dabei gilt der Grundsatz: Minimal invasives Vorgehen mit Reposition und Ruhigstellung der Gewebe in der Akutsituation.
Klassifikation der Zahnverletzungen
Die Einteilung erfolgt nach der IADT-Klassifikation in Frakturen und Dislokationsverletzungen:
| Frakturen | Dislokationsverletzungen |
|---|---|
| Schmelzinfraktion | Konkussion |
| Kronenfraktur (mit/ohne Pulpabeteiligung) | Lockerung |
| Kronen-Wurzel-Fraktur | Laterale Dislokation |
| Wurzelfraktur | Extrusion |
| Alveolarfortsatzfraktur | Intrusion / Avulsion |
Diagnostik
Die klinische Untersuchung sollte nach dem Prinzip "Hartgewebe vor Weichgewebe" und "von innen nach außen" erfolgen.
- Anamnese: Sturzursache, Ausschluss eines Schädel-Hirn-Traumas, Überprüfung des Tetanusschutzes.
- Klinik: Inspektion, Palpation, Sensibilitätstest, Perkussionstest.
- Bildgebung: Bei Verdacht auf ein Trauma soll eine bildgebende Diagnostik erfolgen (Zahnfilm, OPG, bei spezieller Indikation DVT).
- Fotodokumentation: Sollte vor der Therapie von labial und inzisal erfolgen, um die Klassifikation zu erleichtern und aus forensischen Gründen.
Therapie von Frakturen
| Frakturtyp | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| Schmelzfraktur | Ggf. Schliffkorrektur, adhäsive Versiegelung | Keine speziellen Pulpamaßnahmen nötig |
| Kronenfraktur (ohne Pulpa) | Abdichten der Dentinwunde (Adhäsivtechnik), Fragmentwiederbefestigung | Engmaschige Vitalitätskontrolle |
| Kronenfraktur (mit Pulpa) | Partielle Pulpotomie (bevorzugt), direkte Überkappung oder Pulpektomie | Vitalerhaltung ist oberstes Ziel |
| Kronen-Wurzel-Fraktur | Adhäsive Fragmentbefestigung, chirurgische/orthodontische Extrusion | Bei tief apikaler Fraktur oft Extraktion nötig |
| Wurzelfraktur (intraalveolär) | Reposition, Schienung (4-12 Wochen) | Bei Nekrose: Wurzelkanalbehandlung des koronalen Fragments |
Therapie von Dislokationsverletzungen
Die Sofortmaßnahmen zielen auf Reposition und Stabilisierung ab. Es wird eine flexible Schienung (z.B. Titan-Trauma-Schiene) empfohlen, um eine physiologische Zahnbeweglichkeit zu ermöglichen.
| Verletzung | Empfohlene Schienungsdauer | Bemerkung |
|---|---|---|
| Konkussion / Lockerung | 1-2 Wochen (flexibel) | Schonung, weiche Kost |
| Extrusion | 1-2 Wochen (flexibel) | Vorsichtige Reposition |
| Laterale Dislokation | 2-4 Wochen (flexibel) | Bei Dislokation ≥ 2 mm frühe Endo erwägen |
| Intrusion | 2-4 Wochen (flexibel) | Bei offenem Apex (<3mm) spontane Eruption abwarten |
| Avulsion | 1-3 Wochen (flexibel) | Sofortige Replantation, zellphysiologische Lagerung |
| Alveolarfortsatzfraktur | 4-6 Wochen (rigide) | Manuelle Reposition, Draht-Kunststoff-Schiene |
Management der Avulsion (Zahnverlust)
Die Prognose hängt maßgeblich vom Überleben der desmodontalen Zellen ab.
- Lagerung: Vorzugsweise in einer Zahnrettungsbox. Alternativen in absteigender Reihenfolge: Alveolenfach, kalte H-Milch, isotone Kochsalzlösung. Eine Trockenlagerung von > 60 Minuten führt sehr wahrscheinlich zum Zelltod.
- Replantation: Möglichst zeitnah. Die Wurzeloberfläche darf nicht mechanisch gereinigt oder berührt werden, sondern nur sanft gespült werden.
- Endodontie: Bei Zähnen mit geschlossenem Apex sollte die Wurzelkanalbehandlung 7-10 Tage nach dem Trauma (unmittelbar vor der Schienenentfernung) eingeleitet werden.
💡Praxis-Tipp
Lagern Sie avulsierte Zähne immer zellphysiologisch (bevorzugt in einer Zahnrettungsbox) und fassen Sie die Wurzeloberfläche niemals an. Bei Zähnen mit abgeschlossenem Wurzelwachstum und einer Dislokation von ≥ 2 mm leiten Sie die endodontische Behandlung frühzeitig noch in der Schienungsphase ein.