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Zahnsanierung vor Herzklappenersatz: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Eine interdisziplinäre Abstimmung und das Vorliegen der kardiologischen Anamnese sind für die Risikostratifizierung zwingend erforderlich.
  • Die zahnärztliche Basisdiagnostik muss Inspektion, Sensibilitätstest, PSI-Erhebung und einen vollständigen Röntgenstatus umfassen.
  • Zwischen einer Zahnsanierung mit Schleimhauteröffnung und dem Herzklappenersatz sollte idealerweise ein Intervall von 10 bis 30 Tagen liegen.
  • Im ersten Jahr nach dem Klappenersatz wird ein vierteljährliches zahnärztliches Recall empfohlen.
  • Bei invasiven dentalen Prozeduren soll eine Antibiotikaprophylaxe erfolgen. Bei Penicillinallergie wird von Clindamycin abgeraten; Alternativen sind u.a. Azithromycin oder Doxycyclin.
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Hintergrund

Die infektiöse Endokarditis an künstlichen Herzklappen (Prosthetic Valve Endocarditis, PVE) ist eine schwere Komplikation und macht 10 bis 34,1 % aller Endokarditisfälle aus. Sie tritt in etwa der Hälfte der Fälle im ersten Jahr nach dem Herzklappenersatz auf und betrifft biologische Klappen häufiger als mechanische. Zu den häufigsten Erregern zählen Staphylococcus aureus, Enterokokken und Streptokokken (insbesondere der Viridans-Gruppe). Da die Mundhöhle eine relevante Eintrittspforte für Bakterien darstellt, ist eine adäquate zahnmedizinische Beurteilung und Sanierung vor dem Eingriff (sowohl chirurgisch/SAVR als auch kathetergestützt/TAVI) essenziell.

Diagnostik und Risikostratifizierung

Für eine fundierte Risikostratifizierung sollen dem zahnärztlichen Konsiliarius die Dokumente zur allgemeinen und spezifischen kardialen Vorgeschichte vorliegen.

Als notwendige Basisuntersuchungen zur Therapieentscheidung sollen durchgeführt werden:

  • Inspektion der Mundhöhle
  • Sensibilitätstest der Zähne
  • Kontrolle der Sondierungstiefen (empfohlen: Parodontaler Screening-Index, PSI)
  • Röntgenuntersuchung (vollständige Darstellung der Zähne inkl. periapikaler Region)

Die intraorale Röntgenaufnahme gilt als Methode der ersten Wahl. Bei unklaren Befunden oder zur gezielten Fokussuche kann eine digitale Volumentomographie (DVT) hilfreich sein.

Einteilung dentaler Prozeduren

Die Leitlinie teilt zahnärztliche Maßnahmen nach ihrem Risiko für eine Bakteriämie ein:

InvasivitätsgradDefinitionBeispiele
InvasivPerforation der Gingiva oder Manipulation der periapikalen RegionZahnextraktion, oralchirurgische Eingriffe, supra-/subgingivales Scaling, Wurzelkanalbehandlung
Moderat invasivManipulation der GingivaRestaurative Behandlungen mit notwendiger Gingivamanipulation
Nicht-invasivKeine Manipulation von Gingiva oder PeriapikalregionRoutineuntersuchung, Lokalanästhesie in nicht-entzündeter Schleimhaut, Röntgen, KFO-Brackets

Therapie und Zeitmanagement

Die Therapieplanung sollte interdisziplinär erfolgen. Radikale Sanierungsmaßnahmen werden zunehmend kritisch gesehen; es zeichnet sich eine Tendenz zu eingeschränkt-radikalen Konzepten ab, bei denen der Zahnerhalt im Vordergrund steht.

  • Zeitintervall: Wenn es die allgemeine und kardiale Situation zulässt, sollte zwischen einer Zahnsanierung mit Eröffnung der Schleimhaut und dem Herzklappenersatz ein Intervall von 10 bis 30 Tagen eingehalten werden.
  • Mundhygiene: Vor dem Eingriff sollen individuell angepasste Techniken und Hilfsmittel zur Optimierung der Mundhygiene empfohlen und trainiert werden.

Antibiotikaprophylaxe

Bei Patienten mit Herzklappenersatz besteht ein hohes Endokarditis-Risiko.

  • Bei invasiven dentalen Prozeduren sollte eine Antibiotikaprophylaxe erfolgen.
  • Bei moderaten dentalen Prozeduren kann sie erfolgen.

Wichtiger Hinweis zur Wirkstoffwahl: Clindamycin kann häufigere und schwerwiegendere Nebenwirkungen hervorrufen als andere Antibiotika. Bei einer Penicillin- oder Ampicillin-Unverträglichkeit sollte stattdessen auf Cephalexin, Azithromycin/Clarithromycin, Doxycyclin oder Cefazolin/Ceftriaxon ausgewichen werden.

Nachsorge

Eine konsequente Nachsorge ist entscheidend, um alltägliche Bakteriämieraten (z.B. durch Zähneputzen oder Kauen bei Parodontitis) gering zu halten. Patienten sollten im ersten Jahr nach dem Herzklappenersatz möglichst vierteljährlich zur zahnärztlichen Kontrolle (Recall) einbestellt werden.

💡Praxis-Tipp

Verzichten Sie bei Penicillinallergie im Rahmen der Endokarditisprophylaxe möglichst auf Clindamycin aufgrund des Nebenwirkungsprofils. Nutzen Sie stattdessen Alternativen wie Azithromycin oder Doxycyclin. Planen Sie Zahnextraktionen idealerweise 10 bis 30 Tage vor der Herz-OP.

Häufig gestellte Fragen

Wenn die kardiale Situation es zulässt, sollte bei Eingriffen mit Schleimhauteröffnung ein Intervall von 10 bis 30 Tagen eingehalten werden.
Zwingend erforderlich sind Inspektion, Sensibilitätstest, Erhebung der Sondierungstiefen (PSI) und ein vollständiger Röntgenstatus inklusive periapikaler Region.
Empfohlen werden Cephalexin, Azithromycin/Clarithromycin, Doxycyclin oder Cefazolin/Ceftriaxon. Clindamycin sollte wegen schwerwiegender Nebenwirkungen vermieden werden.
Im ersten postoperativen Jahr wird ein vierteljährliches Recall empfohlen, um die Mundhygiene zu überwachen und Bakteriämien zu minimieren.
Restaurative Behandlungen gelten als moderat invasiv, sofern eine Manipulation der Gingiva erforderlich ist. Hier kann eine Antibiotikaprophylaxe erwogen werden.

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