ClariMedClariMed

Perioperative Antibiotikaprophylaxe (PAP): S3-Leitlinie

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die PAP sollte in der Regel als Einmalgabe erfolgen und auf maximal 24 Stunden nach Inzision limitiert werden.
  • Aufgrund hoher Resistenzraten soll Cefazolin in der Abdominalchirurgie nicht mehr standardmäßig eingesetzt werden.
  • Clindamycin wird als Alternative bei Penicillinallergie wegen hoher Resistenzen nur noch bei nachgewiesener Sensibilität empfohlen.
  • Die Indikation zur PAP richtet sich nach der Wundklassifikation und patientenindividuellen Risikofaktoren (z. B. ASA-Score > II).
  • Die korrekte Durchführung der PAP soll im OP-Saal als Teil des 'Time out' (z. B. WHO-Checkliste) dokumentiert werden.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Postoperative Wundinfektionen (Surgical Site Infections, SSI) sind mit einer Prävalenz von 1,2 % die häufigste nosokomiale Infektionsart in Deutschland. Eine korrekte perioperative Antibiotikaprophylaxe (PAP) ist essenziell zur Prävention, wird jedoch häufig fehlerhaft umgesetzt (z. B. durch unnötige Verlängerung über den Operationstag hinaus). Ziel der Leitlinie ist die Etablierung evidenzbasierter Standards zur Reduktion von SSI, Antibiotikaverbrauch und Resistenzentwicklungen.

Wundklassifikation und Indikation

Das Risiko für eine postoperative Wundinfektion und die Indikation zur PAP hängen maßgeblich von der Kontaminationsklasse des Operationsfeldes ab:

KlassifikationDefinitionBeispiele
Sauber / AseptischKeine Eröffnung von mikrobiell besiedelten Hohlorganen, keine Entzündung.Struma-Resektion, Mamma-Chirurgie, Hernien-OP
Sauber-KontaminiertEröffnung von Respirations-, Gastrointestinal- oder Urogenitaltrakt ohne signifikante Kontamination.Appendektomie, Gallenwegseingriffe
KontaminiertFrische traumatische Wunde, akute Entzündung (ohne Eiter), Darmeröffnung mit Stuhlaustritt.OP am infizierten Urogenitaltrakt
Manifest infiziertTraumatische Wunde (> 4h alt), purulente Infektion, devitalisiertes Gewebe.Abszessspaltung, perforiertes Divertikel

Eine Indikation zur PAP besteht in folgenden Fällen:

  • Hohe Erregerexposition (sauber-kontaminiert, kontaminiert, manifest infiziert).
  • Geringe Erregerexposition (sauber), aber operationstechnische Besonderheiten (z. B. Fremdkörper-Implantation, Notfall-OP).
  • Geringe Erregerexposition, aber patienteneigene Risikofaktoren (z. B. Immunsuppression, hoher ASA-Score).

Risikofaktoren für Wundinfektionen

Neben der Wundklassifikation begünstigen verschiedene Faktoren die Entstehung einer SSI:

KategorieRisikofaktoren
PatienteneigenAlter > 70 Jahre, Adipositas (BMI > 30), Diabetes mellitus, Rauchen, ASA-Score > II, S. aureus-Trägerschaft
PräoperativLängere Krankenhausverweildauer, Infektionen außerhalb des OP-Gebiets
IntraoperativLange OP-Dauer, Notfall-OP, Implantat-OP, hoher Blutverlust (fehlende Nachdosierung der PAP)
PostoperativWunddrainage > 3 Tage, längere Intensivbehandlung

Erregerspektrum und Resistenzlage

Die häufigsten Erreger von SSI sind Staphylococcus spp. (32,0 %, v. a. S. aureus), gefolgt von Enterococcus spp. (15,8 %) und Escherichia coli (15,6 %). Die aktuelle Resistenzlage (ARS-Daten) erfordert Anpassungen bei der Antibiotika-Auswahl:

  • Aminopenicilline/β-Lactamase-Inhibitoren (z. B. Ampicillin/Sulbactam) weisen hohe Resistenzraten bei Enterobacterales auf.
  • Cefazolin (Cephalosporin der Gruppe 1) sollte aufgrund hoher Resistenzen in der Abdominalchirurgie nicht mehr standardmäßig eingesetzt werden.
  • Clindamycin zeigt Resistenzraten von > 15 % bei Staphylokokken und Streptokokken.

Auswahl und Durchführung der PAP

Die PAP soll in der Regel als kurzzeitige Einmalgabe erfolgen und auf maximal 24 Stunden nach Inzision limitiert werden.

WirkstoffIndikation / EinsatzgebietBemerkung zur Resistenzlage
Cefazolin / CefuroximStandard für saubere Eingriffe (z. B. Orthopädie, Gefäßchirurgie)Sehr gute Wirksamkeit gegen grampositive Erreger.
Piperacillin/TazobactamEingriffe im unteren Gastrointestinal- oder UrogenitaltraktBessere Wirksamkeit als Ampicillin/Sulbactam bei E. coli.
ClindamycinAlternative bei PenicillinallergieSoll nur noch bei nachgewiesener Sensibilität eingesetzt werden.
VancomycinBei MRSA-Risiko oder nachgewiesener BesiedelungGezielter Einsatz als Breitspektrumantibiotikum.

Besondere Maßnahmen:

  • Bei nachgewiesener S. aureus-Trägerschaft (MSSA/MRSA) sollte präoperativ eine Dekolonisierung (z. B. Mupirocin-Nasensalbe und Chlorhexidin-Waschung) erfolgen.
  • Vermeintliche Penicillinallergien sollten präoperativ zwingend abgeklärt werden, um den unnötigen Einsatz von Reserveantibiotika zu vermeiden.

Qualitätsmanagement

Die korrekte Applikation des Antibiotikums soll vor der Inzision im OP-Saal abgefragt und dokumentiert werden. Hierfür sollte eine geeignete Matrix, wie die "Surgical Safety Checklist" der WHO (im Rahmen des "Time out"), verwendet werden.

💡Praxis-Tipp

Verlängern Sie die PAP nicht routinemäßig über den Operationstag hinaus. Klären Sie vermeintliche Penicillinallergien präoperativ ab, da Clindamycin aufgrund hoher Resistenzraten keine sichere Standardalternative mehr ist.

Häufig gestellte Fragen

Die PAP ist in der Regel eine Einmalgabe und sollte auf maximal 24 Stunden nach Inzision limitiert werden.
Clindamycin soll wegen hoher Resistenzraten (>15%) nur noch bei nachgewiesener Sensibilität eingesetzt werden. Eine genaue Abklärung der Allergie ist präoperativ zwingend erforderlich.
Nein, aufgrund hoher Resistenzraten bei Enterobacterales sollte Cefazolin in der Abdominalchirurgie nicht mehr standardmäßig eingesetzt werden.
Bei Fremdkörper-Implantationen (z. B. Gelenkprothesen), Notfall- oder Hochrisiko-OPs sowie bei Patienten mit schweren Grunderkrankungen (z. B. hoher ASA-Score).

Verwandte Leitlinien