Langerhanszell-Histiozytose (LCH) bei Kindern: Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose der LCH erfordert zwingend eine Biopsie mit immunhistochemischem Nachweis von CD1a und/oder Langerin (CD207).
- •Leber, Milz und das hämatopoetische System gelten als Risikoorgane und bestimmen maßgeblich die Prognose. Die Lunge zählt nicht mehr dazu.
- •Die systemische Erstlinientherapie besteht standardmäßig aus Vinblastin und Prednison (6 Monate bei Single-System, 12 Monate bei Multi-System).
- •Bei unifokalem Knochenbefall (ohne Special Sites) ist nach der Biopsie meist eine Watch-and-wait-Strategie ausreichend.
- •Eine strukturierte Nachsorge ist essenziell, da bis zu 30 % der Patienten Spätfolgen wie einen Diabetes insipidus oder neurologische Schäden entwickeln.
Hintergrund
Die Langerhanszell-Histiozytose (LCH) ist eine neoplastische Erkrankung, die durch die klonale Expansion myeloischer Vorläuferzellen gekennzeichnet ist. Die pathologischen CD207+ LCH-Zellen machen oft weniger als 10 % der Läsion aus, der Rest besteht aus inflammatorischen Zellen. Pathophysiologisch liegt häufig eine BRAFV600E-Mutation vor, seltener eine MAP2K1-Mutation.
Die Inzidenz liegt bei 3-5 Fällen pro 1 Million Kinder. Die Erkrankung kann fast jedes Organ befallen:
- Skelett: 80 % der Fälle
- Haut: 30 % der Fälle
- Hypophyse: bis zu 25 % der Fälle
- Leber, Milz, hämatopoetisches System, Lunge: jeweils ca. 15 %
Diagnostik
Zur Diagnosesicherung ist eine Biopsie unerlässlich. Die Diagnose beruht auf dem immunhistochemischen Nachweis von CD1a-Antigen und/oder Langerin (CD207). Auf eine Elektronenmikroskopie kann verzichtet werden. Bei Multisystembefall wird eine Untersuchung auf Mutationen (z.B. BRAFV600E) empfohlen.
Radiologische Basisdiagnostik
| Methode | Indikation / Zielregion | Bemerkung |
|---|---|---|
| Abdomen-Sonographie | Leber, Milz, Lymphknoten | Beurteilung von Größe und Struktur |
| Thoraxröntgen | Lunge | Basisdiagnostik |
| Skelett-Röntgen-Status | Schädel, Röhrenknochen, Becken, WS, Thorax | Empfohlener Standard der Histiocyte Society |
| Ganzkörper-MRT | Gesamtes Skelett | Sensibler als Röntgen, als Suchmethode empfohlen, Interpretation teils schwierig |
| PET-Scan | Gesamtkörper | Sensibelste Methode, aber hohe Strahlenbelastung und Kosten |
Risikostratifizierung und Organbeteiligung
Die LCH wird in eine monosystemische (SS-LCH) und multisystemische (MS-LCH) Form unterteilt. Prognostisch entscheidend ist der Befall von Risikoorganen. Die Lunge wird in aktuellen Studien nicht mehr als Risikoorgan definiert.
| Kategorie | Organe | Kriterien / Bemerkung |
|---|---|---|
| Risikoorgane | Hämatopoetisches System | Hb < 10 g/dl (unerklärt), Thrombozyten < 100.000/mm³ |
| Milz | Tastbar > 2 cm unter Rippenbogen | |
| Leber | > 3 cm vergrößert, Funktionsstörung oder noduläre Herde | |
| Special Sites | Kraniofaziale Knochen | Orbita, Os temporale, Mastoid, Maxilla etc. mit intrakranialer Weichteilkomponente |
| Wirbelkörper | Mit intraspinaler Weichteilkomponente oder Läsionen im Dens axis |
Therapie
Die Behandlung sollte durch erfahrene Ärzte oder in Absprache mit einem Referenzzentrum erfolgen. Eine Strahlentherapie wird aufgrund potenzieller Spätschäden im Allgemeinen nicht mehr empfohlen.
Therapiestrategien
| Stufe | Therapie | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| 1 | Watch-and-wait | Unifokaler Knochenbefall, isolierter Hautbefall | Engmaschige Verlaufskontrollen zwingend erforderlich |
| 2 | Lokaltherapie | Unifokaler Knochenbefall | Intraläsionale Steroidapplikation im Rahmen der Biopsie möglich |
| 3 | Systemische Erstlinientherapie | MS-LCH, SS-LCH mit multiplen Läsionen oder Special Sites | Vinblastin + Prednison (6 Monate bei SS-LCH, 12 Monate bei MS-LCH) |
| 4 | Salvage-Therapie | Therapieversagen, Progress in Risikoorganen | Clofarabin, 2-CDA + Cytarabin, Stammzelltransplantation oder zielgerichtete Therapie (BRAF/MEK-Inhibitoren) |
Besonderheiten bei Knochenbefall
- Unifokaler Befall: Eine komplette Resektion wird nicht empfohlen, da sie den Knochendefekt vergrößert.
- Special Sites: Erfordern eine systemische Therapie, da ein erhöhtes Risiko für Diabetes insipidus oder neurodegenerative Verläufe besteht.
Besonderheiten bei Lungenbefall
- Strenge Rauchabstinenz ist essenziell.
- Bei sehr jungen Kindern kann die Lunge selbst bei ausgedehnter Destruktion gut regenerieren.
Spätfolgen und Nachsorge
Bis zu 30 % der Patienten entwickeln bleibende Schäden. Eine strukturierte Nachsorge bis ins Erwachsenenalter (mindestens 5 Jahre nach Therapieende) ist wichtig.
- Endokrinologisch: Der Diabetes insipidus ist die häufigste Endokrinopathie und meist irreversibel. Auch Wachstumshormonmangel tritt auf.
- Neurologisch: Risiko für neurodegenerative LCH (Ataxie, Dysarthrie, Lernschwierigkeiten). Regelmäßige MRT-Kontrollen und neuropsychologische Tests werden empfohlen.
- Orthopädisch: Skoliose/Kyphose nach Wirbelkörperbefall, Asymmetrien bei Gesichtsknochenbefall.
- Gehör: Hörtests bei Befall des Os temporale oder Mittel-/Innenohrs.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei Verdacht auf LCH immer eine Biopsie durch, verzichten Sie jedoch auf komplette Resektionen von Knochenläsionen. Beachten Sie, dass die Lunge nach aktuellen Kriterien nicht mehr als Risikoorgan gilt.