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Non-Hodgkin-Lymphome bei Kindern: S1-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • NHL machen ca. 6,6 % der malignen Erkrankungen bei Kindern unter 15 Jahren aus.
  • Feinnadelpunktionen und Stanzbiopsien reichen zur Diagnosesicherung in der Regel nicht aus.
  • Bei kritischen Mediastinaltumoren mit Atemnot ist eine Vorphase mit Prednison vor der Biopsie indiziert.
  • Die Therapie basiert primär auf intensiver Chemotherapie; eine Lokalbestrahlung wird meist vermieden.
  • Die häufigsten Entitäten sind Burkitt-Lymphome, T-lymphoblastische Lymphome und großzellig anaplastische Lymphome (ALCL).
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Hintergrund

Non-Hodgkin-Lymphome (NHL) umfassen maligne Erkrankungen des lymphatischen Systems mit Tendenz zur Generalisierung in Knochenmark und Zentralnervensystem (ZNS). Bei Kindern unter 15 Jahren machen sie etwa 6,6 % der malignen Erkrankungen aus. Das Geschlechtsverhältnis (weiblich:männlich) liegt bei 1:2,7.

Die Leitsymptome hängen stark von der Lokalisation ab:

LokalisationTypische Leitsymptome
AllgemeinSchmerzlose Lymphknotenschwellung, Fieber unklarer Ursache, Nachtschweiß, Gewichtsverlust (>10 % in 6 Monaten)
AbdominalRemittierende Bauchschmerzen, Invagination, Ileus
MediastinalChronischer Husten, Stridor, Halsvenenstauung
ZNSHirnnervenlähmungen, Kopfschmerzen
EpiduralRückenschmerzen, Querschnittssymptome

Typische Notfallsituationen umfassen die Kompression der Trachea, obere Einflussstauung, tamponierende Perikardergüsse, Oligo-/Anurie bei Niereninfiltration sowie das Zytokin-Release-Syndrom.

Diagnostik

Die Diagnose erfordert zwingend eine exakte Subklassifikation (Morphologie, Immunphänotypisierung, Genetik).

  • Ergüsse/Knochenmark (>20 % Lymphomzellen): Zytologie + Immunphänotypisierung + Genetik reichen aus. Histologie ist hier verzichtbar.
  • Solide Tumoren/Lymphknoten: Histologische Untersuchung einer ausreichend großen Gewebebiopsie.
  • WICHTIG: Eine Feinnadelpunktion oder Stanzbiopsie reicht in der Regel nicht aus!

Sonderfall Mediastinaltumor: Bei klinisch beeinträchtigten Patienten (Atemnot, obere Einflussstauung) ist jede invasive Diagnostik lebensgefährlich. Diese Patienten müssen immer mit Prednison vorbehandelt werden (ggf. plus Cyclophosphamid). Die Biopsie erfolgt erst nach Stabilisierung.

Klassifikation

Das Spektrum im Kindesalter unterscheidet sich deutlich von dem bei Erwachsenen. Die häufigsten Entitäten nach WHO (2022) sind:

EntitätRelative Häufigkeit (%)
Burkitt-Lymphom / Leukämie38 %
Vorläufer-T-Zell-lymphoblastisches Lymphom15 %
Großzellig anaplastisches Lymphom (ALCL), ALK positiv12 %
Diffuses großzelliges B-Zell Lymphom (DLBCL)10 %
Vorläufer-B-Zell-lymphoblastisches Lymphom5 %

Staging

Das Staging erfolgt nach dem International Pediatric NHL Staging System (IPNHLSS):

StadiumKriterien (vereinfacht)
IEinzelner Tumor (nicht mediastinal/abdominal)
IIExtranodaler Tumor mit regionalem Lymphknotenbefall ODER ≥2 nodale Manifestationen auf derselben Zwerchfellseite ODER vollständig resektabler primär abdomineller Tumor
IIIManifestationen auf beiden Seiten des Zwerchfells ODER alle intrathorakalen/mediastinalen Befunde ODER nicht vollständig resektable abdominelle/paraspinale Befunde
IVJede der obigen Manifestationen mit ZNS- und/oder Knochenmarkbefall

Therapieprinzipien

Kindliche NHL sind hoch chemosensibel. Mit modernen Protokollen werden Überlebensraten von >80 % erreicht.

Lokale Therapie

  • Chirurgie: Eine primäre Operation ist nur zur vollständigen Resektion kleiner, lokalisierter Lymphome sinnvoll. Teilresektionen sind ohne therapeutischen Wert und funktionelle Verluste durch OPs sind nicht gerechtfertigt.
  • Strahlentherapie: Wird aufgrund der Toxizität in modernen Protokollen meist vermieden. Ausnahmen bilden spezielle Situationen (z.B. ZNS-Befall, Tumorprogress, Palliation).

Systemische Therapie nach Subgruppen

SubgruppeTherapiestrategie
Lymphoblastische Lymphome (LBL)ALL-ähnliche Strategie: Induktion, Re-Intensivierung (ab Stadium III), Extrakompartmenttherapie, Dauertherapie.
Reife B-Zell-LymphomeKurze, hochintensive Therapiekurse (5-7 Tage) in kurzen Abständen. Bei Hochrisikopatienten Einsatz von Rituximab.
Großzellig anaplastische Lymphome (ALCL)B-Zell-Strategie ist erfolgreich. MRD (minimale Resterkrankung) ist der wichtigste Prognosefaktor.

ZNS-Therapie

Eine ZNS-Protektion ist essenziell. Bei Patienten ohne manifesten ZNS-Befall reicht in der Regel eine systemische Hochdosis-Methotrexat-Therapie kombiniert mit intrathekaler Chemotherapie. Eine prophylaktische Schädelbestrahlung ist meist nicht erforderlich. Bei ZNS-Befall wird die Therapie intensiviert, teilweise inklusive Schädelbestrahlung (abhängig von Entität und Alter).

Nachsorge

Die Nachsorge wird entitätenspezifisch angepasst. Ein generelles Schema für die ersten Jahre:

  • 1. Jahr: Monatliche klinische Untersuchung, Blutbild, bildgebende Kontrolle des Lokalbefundes.
  • 2. Jahr: Alle 2 Monate.
  • 3. Jahr: Alle 4 Monate.
  • 4. und 5. Jahr: Halbjährlich.
  • Ab 5. Jahr: Jährlich (inklusive Überwachung von Spätfolgen wie Kardiomyopathie oder sekundären Neoplasien).

💡Praxis-Tipp

Führen Sie bei kritisch kranken Kindern mit großem Mediastinaltumor und Atemnot keine sofortige invasive Diagnostik durch. Stabilisieren Sie das Kind zunächst mit Prednison und führen Sie die Biopsie erst nach Besserung der Symptomatik durch.

Häufig gestellte Fragen

Die häufigsten Entitäten sind das Burkitt-Lymphom (38 %), das Vorläufer-T-Zell-lymphoblastische Lymphom (15 %) und das großzellig anaplastische Lymphom (12 %).
Nein. Eine Feinnadelpunktion oder Stanzbiopsie reicht in der Regel nicht aus, da das Material für die zwingend erforderliche Immunphänotypisierung und Genetik meist nicht genügt. Es sollte eine offene Biopsie oder die Untersuchung von Ergüssen/Knochenmark erfolgen.
Eine Operation ist primär zur Diagnosesicherung (Biopsie) indiziert. Eine Tumorresektion sollte nur bei kleinen, lokalisierten Lymphomen erfolgen, wenn diese vollständig und ohne funktionelle Verluste entfernbar sind. Teilresektionen haben keinen therapeutischen Wert.
Nein. Da kindliche NHL sehr chemosensibel sind, wird auf eine Lokalbestrahlung in modernen Protokollen meist verzichtet, um Spättoxizitäten zu vermeiden. Ausnahmen sind z.B. ein manifester ZNS-Befall oder ein Tumorprogress.

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