Stationäre Schmerztherapie (IMST) bei Kindern: AWMF-Leitlinie
Hintergrund
Die AWMF-Leitlinie zur stationären Interdisziplinären Multimodalen Schmerztherapie (IMST) bei Kindern und Jugendlichen adressiert die Versorgung von Heranwachsenden mit schweren chronischen Schmerzerkrankungen. Etwa 6,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland leiden unter stark beeinträchtigenden chronischen Schmerzen.
Unbehandelt persistieren diese Schmerzen oft bis ins Erwachsenenalter und verursachen enorme sozioökonomische Folgen. Die IMST ist ein komplexes, biopsychosoziales Therapieverfahren, das auf die Wiederherstellung der objektiven und subjektiven Funktionsfähigkeit abzielt.
Die Leitlinie definiert klare Struktur- und Leistungsmerkmale, um eine altersgerechte und interdisziplinäre Versorgung sicherzustellen. Sie dient als Orientierung für Diagnostik- und Therapieentscheidungen im stationären Setting.
Empfehlungen
Die AWMF-Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen zur Durchführung der stationären IMST:
Zugangsvoraussetzungen
Es wird eine stationäre IMST bei chronischen Schmerzen empfohlen, wenn eine vorherige ambulante Behandlung fehlgeschlagen oder unangemessen ist (starker Konsens). Zudem muss laut Leitlinie mindestens eines der folgenden Merkmale vorliegen:
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Hohe schmerzbedingte Beeinträchtigung (Lebensqualität, Alltag, Schulbesuch)
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Sehr häufige oder dauerhaft starke Schmerzen
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Bestehender Medikamentenfehlgebrauch
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Hohe psychosoziale Belastung oder schmerzrelevante Begleiterkrankungen
Ein Mindestalter von 6 Jahren wird empfohlen. Die Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit der Betroffenen und idealerweise auch der Sorgeberechtigten wird vorausgesetzt.
Multidimensionales Assessment
Zur Prüfung der Indikation und zur Therapieplanung wird ein multidimensionales biopsychosoziales Schmerzassessment empfohlen (starker Konsens). Dabei sollen altersgerechte und validierte Assessmentinstrumente genutzt werden.
Die Leitlinie nennt beispielhaft folgende validierte Instrumente zur Erfassung der verschiedenen Dimensionen:
| Assessment-Bereich | Beispielhafte Instrumente | Zielgruppe (Selbstbericht) |
|---|---|---|
| Lebensqualität | KIDSCREEN | ab 8 Jahren |
| Funktionelle Beeinträchtigung | P-PDI, FDI | ab 8 bzw. 11 Jahren |
| Schmerzintensität | NRS (0-10), FPS-R | ab 8 bzw. 4 Jahren |
| Ängstlichkeit und Depressivität | RCADS | ab 11 Jahren |
| Schmerzbezogenes Katastrophisieren | PCS-C | ab 10 Jahren |
Strukturvoraussetzungen
Die Behandlung soll in einer altersgerecht ausgestatteten Klinik für Kinder und Jugendliche erfolgen. Die medizinische Leitung obliegt einer Fachärztin oder einem Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin oder Kinder- und Jugendpsychiatrie mit der Zusatzbezeichnung Spezielle Schmerztherapie.
Das obligatorische interdisziplinäre Behandlungsteam besteht laut Leitlinie aus:
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Ärztlichem Personal
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Approbierten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen oder -therapeuten
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Physiotherapeutischem Personal
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Pflegefachpersonen mit Vertiefung Kinderkrankenpflege
Therapieinhalte
Die Behandlungsdauer sollte zwei bis sechs Wochen betragen. Als primäres Behandlungsziel wird die Reduktion der schmerzbedingten Beeinträchtigung definiert, um die Teilnahme an altersspezifischen Aktivitäten zu ermöglichen.
Folgender therapeutischer Mindestumfang wird empfohlen (starker Konsens):
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Täglich mindestens 1 Stunde aktive, übende Verfahren (z.B. Physiotherapie, Entspannung)
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Wöchentlich mindestens 1 psychotherapeutisches und 1 ärztliches Einzelgespräch (je min. 30 Minuten)
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Wöchentlich mindestens 1 Gruppentherapie und 1 Elterngespräch
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Täglich 3 Stunden ergänzende Angebote (z.B. Schulbesuch, Milieutherapie)
Nachsorge
Ein erster Nachsorgetermin sollte innerhalb von drei Monaten nach der IMST angeboten werden. Dabei wird die gemeinsame Beurteilung durch psychologisches und ärztliches Personal empfohlen.
Zusätzlich kann ein erweitertes poststationäres Therapieangebot in Form eines psychosozialen Case-Managements erwogen werden. Dieses soll Familien bei Bedarf bis zu sechs Monate nach Entlassung bei der Umsetzung erlernter Strategien unterstützen.
Kontraindikationen
Die Leitlinie formuliert klare Kontraindikationen, bei denen keine Empfehlung für eine stationäre IMST ausgesprochen werden soll (starker Konsens).
Dazu zählen:
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Schwerwiegende psychiatrische Grunderkrankungen, die primär kinder- und jugendpsychiatrisch behandelt werden müssen (z.B. schwere Essstörung, schwere Depression)
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Ein instabiler psychischer Zustand (z.B. akute Suizidalität, akute Psychose), der ein geschlossenes Versorgungsumfeld erfordert
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Andere zugrundeliegende schwere Erkrankungen, die einer akuten medizinischen Behandlung bedürfen
Chronische somatische Grunderkrankungen (z.B. Rheuma, chronisch entzündliche Darmerkrankungen) stellen in einer stabilen Phase keine Kontraindikation dar.
💡Praxis-Tipp
Die Leitlinie betont, dass eine Schmerzdauer von drei Monaten nicht starr als Voraussetzung für eine stationäre Aufnahme herangezogen werden sollte. Bei schwer beeinträchtigenden Erkrankungen wie dem Komplexen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS) wird ein früherer Therapiebeginn empfohlen, um einer ungünstigen Langzeitprognose entgegenzuwirken. Zudem wird darauf hingewiesen, dass eine fehlende Therapiemotivation der Eltern den Behandlungserfolg des Kindes maßgeblich reduzieren kann.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt für die stationäre interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie (IMST) ein Mindestalter von 6 Jahren. Bei jüngeren Kindern wird ein starker Einbezug der Sorgeberechtigten als zwingend erforderlich angesehen.
Es wird eine Behandlungsdauer von mindestens zwei und maximal sechs Wochen empfohlen. Eine Verlängerung über sechs Wochen hinaus sollte laut Leitlinie nur in begründeten Einzelfällen erwogen werden.
Das obligatorische Kernteam besteht aus ärztlichem Personal, psychotherapeutischem Personal, Physiotherapie und spezialisierten Pflegefachpersonen. Ergänzend wird die Einbindung von mindestens zwei weiteren Berufsgruppen, wie beispielsweise der Ergotherapie oder Musiktherapie, empfohlen.
Zur Erfassung der Schmerzintensität empfiehlt die Leitlinie die Numerische Ratingskala (NRS) ab 8 Jahren oder die Faces Pain Scale revised (FPS-R) ab 4 Jahren. Die Selbsteinschätzung des Kindes gilt dabei als Goldstandard und kann durch Fremdberichte der Eltern ergänzt werden.
In der Regel werden Kinder und Jugendliche für eine IMST alleine stationär aufgenommen. Wenn dies jedoch entwicklungsbedingt oder aufgrund eines hohen Unterstützungsbedarfs nicht möglich ist, kann die Mitaufnahme einer Begleitperson erwogen werden.
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Quelle: S2k-Leitlinie Stationäre Interdisziplinäre Multimodale Schmerztherapie (IMST) bei Kindern und Jugendlichen (S2k) (AWMF). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.