Rückenschmerz bei Kindern: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnostik muss zwingend zwischen spezifischen und nicht-spezifischen Rückenschmerzen unterscheiden.
- •Ein Alter unter 10 Jahren gilt als unabhängiger Warnhinweis (Red Flag) für eine spezifische Krankheitsursache.
- •Bei Verdacht auf spezifische Ursachen soll eine gezielte Bildgebung (Röntgen und/oder MRT) erfolgen.
- •Bei nicht-spezifischen Rückenschmerzen wird aktive Physiotherapie empfohlen.
- •Eine medikamentöse Behandlung rekurrierender oder chronischer nicht-spezifischer Rückenschmerzen soll nicht durchgeführt werden.
Hintergrund
Rückenschmerzen bei Kindern und Jugendlichen sind ein zunehmendes Gesundheitsproblem. Die Prävalenz steigt insbesondere in der Adoleszenz deutlich an. Grundsätzlich muss zwischen spezifischen Rückenschmerzen (ausgelöst durch eine fassbare Grunderkrankung) und nicht-spezifischen Rückenschmerzen unterschieden werden.
Wesentliche Therapieziele bei nicht-spezifischen Beschwerden sind die Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung normaler Alltagsaktivitäten, körperlicher Aktivität und Sport sowie die Teilnahme am Schulunterricht.
Diagnostik und Red Flags
Die Anamnese und klinische Untersuchung zielen primär auf das Erkennen von Warnhinweisen (Red Flags) ab. Ergeben sich Hinweise auf eine spezifische Ursache, soll eine gezielte bildgebende Untersuchung (Röntgen und/oder MRT) erfolgen. Ein Lebensalter von unter 10 Jahren gilt als unabhängiger Warnhinweis und soll zu einer spezifischen Diagnostik veranlassen.
| Kategorie | Warnhinweise (Red Flags) |
|---|---|
| Demographie | Alter < 10 Jahre |
| Anamnese | Trauma, Atemarrest nach Trauma, Beginn bei Sport, Glukokortikoid-Therapie, Vorerkrankungen |
| Neurologie | Motorische/sensible Störungen, radikuläre Schmerzen, Blasen-/Mastdarm-Sphinkter-Störungen |
| Klinik | Fieber, lokale Schwellung, Lymphknotenvergrößerung, Stufendeformität, Hypermobilität, Arthritis/Enthesitis, Hypertonie |
| Schmerz | Stauchungs-/Druckschmerz, Begleitschmerzen (Kopf, Thorax, Abdomen, Flanke, Extremitäten) |
Spezifische Ursachen
Spezifische Rückenschmerzen können vielfältige Ursachen haben. Die Leitlinie teilt diese in verschiedene Erkrankungsgruppen ein:
| Erkrankungsgruppe | Typische Beispiele | Bemerkung |
|---|---|---|
| Infektionen | Spondylodiszitis, Osteomyelitis, epiduraler Abszess | Oft begleitet von Fieber und neurologischen Zeichen |
| Neubildungen | Leukämie (ALL), Ewing-Sarkom, spinale Tumore | Häufig neurologische Begleitsymptome |
| Strukturell | Spondylolyse, Spondylolisthesis, Skoliose, M. Scheuermann | Spondylolyse oft bei sportlich aktiven Jugendlichen |
| Neurologisch | Tethered cord, Syringomyelie, Zerebralparese | Hohe Alltagsbeeinträchtigung bei Zerebralparese |
| Rheumatologisch | Juvenile Spondylarthropathie, Enthesitis-assoziierte Arthritis | Oft Sakroiliitis, periphere Arthritis oder Uveitis |
Therapie bei nicht-spezifischen Rückenschmerzen
Die Behandlung nicht-spezifischer Rückenschmerzen richtet sich nach dem Verlauf und der Beeinträchtigung.
- Physiotherapie: Bei Kindern und Jugendlichen wird eine aktive Physiotherapie empfohlen. Patienten sollen zu Bewegung und Sport angeleitet werden.
- Psychotherapie: Eine kognitive Verhaltenstherapie sollte vorrangig bei rekurrierendem oder chronischem Verlauf angewendet werden.
- Medikamente: Eine medikamentöse Behandlung rekurrierender oder chronischer nicht-spezifischer Rückenschmerzen soll nicht durchgeführt werden.
- Multimodale Therapie: Bei chronischem Verlauf, starker Beeinträchtigung und Ineffektivität unimodaler Maßnahmen soll eine intensivierte interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie erfolgen.
Prävention
Zur Vorbeugung von Rückenschmerzen sollte entweder eine Kombination aus Edukation und Anleitung zu regelmäßigen Bewegungsübungen angeboten oder regelmäßige sportliche Aktivität und Ausdauersport gefördert werden.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei Kindern unter 10 Jahren mit Rückenschmerzen immer auf spezifische Ursachen – das Alter allein ist bereits eine Red Flag. Verzichten Sie bei chronischen nicht-spezifischen Rückenschmerzen auf Medikamente und fokussieren Sie sich auf aktive Physiotherapie.