ClariMedClariMed

Thermische Verletzungen & Verbrennungen: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die Abschätzung der verbrannten Körperoberfläche erfolgt präklinisch über die Neuner-Regel, klinisch präziser nach Lund und Browder.
  • Eine aktive Kühlung von Verbrennungen durch medizinisches Fachpersonal soll unterbleiben, um eine lebensbedrohliche Hypothermie zu vermeiden.
  • Ab 10 % verbrannter Körperoberfläche ist eine gezielte, kristalloidbasierte Volumentherapie (bevorzugt Ringeracetat) indiziert.
  • Eine systemische Antibiotikaprophylaxe soll bei Verbrennungspatienten nicht routinemäßig durchgeführt werden.
  • Die Zieldiurese in der Schockphase liegt bei 0,5 ml/kgKG/h, bei Starkstromverletzungen bei 2 ml/kgKG/h.
Frage zu dieser Leitlinie stellen...

Hintergrund

Die Prognose von Brandverletzten hängt maßgeblich von Ausmaß und Tiefe der Verbrennung, Begleitverletzungen sowie Komorbiditäten ab. Zur Abschätzung des Mortalitätsrisikos bei Schwerbrandverletzten sollte der ABSI Score (Abbreviated Burn Severity Index) verwendet werden.

ParameterBewertung
Geschlechtweiblich: 1, männlich: 0
Alter1 Punkt je 20 Jahre
Verbrannte Körperoberfläche (VKOF)1 Punkt je 10 %
Inhalationstrauma1 Punkt
Verbrennung 3. Grades1 Punkt

Beurteilung der Verbrennung

Die verbrannte Körperoberfläche (VKOF) wird präklinisch grob mit der Neuner-Regel nach Wallace oder bei kleineren Flächen mit der Handflächenregel (Hand des Patienten inkl. Finger = 1 %) geschätzt. Zur genaueren klinischen Bestimmung und Dokumentation soll die Lund and Browder-Tabelle genutzt werden.

GradBetroffene SchichtenKlinik
1EpidermisRötung, starker Schmerz, wie Sonnenbrand
2aOberflächliche DermisBlasenbildung, Wundgrund rosig/rekapillarisierend, starker Schmerz, Haare fest
2bTiefe DermisBlasenbildung, Wundgrund blass/schwach rekapillarisierend, reduzierter Schmerz, Haare leicht entfernbar
3Komplette DermisTrockener, weißer, lederartiger Wundgrund, keine Schmerzen, keine Haare
4Subkutis, Muskeln, KnochenVerkohlung

Präklinische Erstversorgung

  • Hypothermieprophylaxe: Eine aktive Kühlung von Verbrennungen durch medizinisches Fachpersonal soll nicht durchgeführt bzw. beendet werden. Der Wärmeerhalt hat oberste Priorität.
  • Schmerztherapie: Die Applikation sollte intravenös erfolgen. Empfohlen wird eine Monotherapie mit Opiaten bei <15 % VKOF und Ketamin/Midazolam bei >15 % VKOF.
  • Volumentherapie: Präklinisch pauschal 1000 ml (Erwachsene) in den ersten 2 Stunden. Die Parkland-Formel soll präklinisch nicht angewendet werden.

Schockraummanagement & Inhalationstrauma

Die primäre Versorgung erfolgt nach dem ABCDE-Schema. Bei Verdacht auf ein Inhalationstrauma (Gesichtsverbrennung, Ruß im Sputum, Stridor) sollte eine fiberoptische Bronchoskopie zur Schweregradeinteilung erfolgen. Eine routinemäßige Intubation nur bei Verdacht auf ein Inhalationstrauma sollte vermieden werden.

GradKennzeichen (endobronchialer Befund)
IMinimale, teils fleckige Schleimhautrötung und -schwellung
IIModerate Schleimhautrötung und -schwellung
IIISchwere Entzündungsreaktion, Kontaktblutung der Schleimhaut
IVNekrose, Schleimhautablösung und Ulzeration

Intensivmedizinische Therapie der Schockphase

Ab >10 % VKOF soll eine gezielte, bedarfsorientierte Flüssigkeitssubstitution erfolgen, um einen hypovolämisch-traumatischen Schock zu behandeln.

  • Lösungen: Der Ersatz soll kristalloidbasiert mit balancierten Lösungen erfolgen. Ringeracetat ist geeignet, Ringerlaktat wird nicht empfohlen.
  • Berechnung: Zur primären Kalkulation sollten die Parkland-Formel (4 ml/kgKG/% VKOF in 24 h) oder die modifizierte Brooke-Formel (2 ml/kgKG/% VKOF in 24 h) verwendet werden. Die Hälfte der Menge wird in den ersten 8 Stunden appliziert.
  • Zieldiurese: (0,3-) 0,5 ml/kgKG/h. Bei Starkstromverbrennungen 2 ml/kgKG/h.

Spezielle thermische Verletzungen

  • Stromunfall: EKG-Monitoring für mind. 24h bei pathologischem Initialbefund, Bewusstlosigkeit oder Kreislaufstillstand. Es besteht die Gefahr eines Kompartmentsyndroms (im Zweifel frühe Fasziotomie).
  • Chemische Verbrennung: Kleidung entfernen, Wunde mind. 20 Minuten mit Wasser spülen. Bei Flusssäure-Verätzungen Wunde mit Calciumglukonat-Gel behandeln.

Begleittherapien

  • Antiinfektive Therapie: Eine systemische Antibiotikaprophylaxe soll nicht durchgeführt werden (Ausnahme: perioperative Prophylaxe).
  • Ernährung: Eine enterale Ernährung sollte frühestmöglich, spätestens innerhalb der ersten 24 Stunden begonnen werden (Ziel: 25-30 kcal/kgKG/d, Protein 1,5-2,0 g/kgKG).
  • Beatmung: Lungenprotektiv (Tidalvolumen 6-8 ml/kg, PEEP ≥ 5 cm H2O). Eine frühzeitige Spontanatmung ist anzustreben.

💡Praxis-Tipp

Verzichten Sie präklinisch auf die aktive Kühlung von Brandwunden und fokussieren Sie sich auf den Wärmeerhalt. Eine Hypothermie (<36 °C) verschlechtert die Prognose des Patienten signifikant.

Häufig gestellte Fragen

Initial wird die Parkland-Formel (4 ml/kgKG/% VKOF in 24 h) oder die modifizierte Brooke-Formel (2 ml/kgKG/% VKOF in 24 h) genutzt. Die Hälfte der errechneten Menge wird in den ersten 8 Stunden nach dem Trauma gegeben.
Es sollen balancierte Vollelektrolytlösungen wie Ringeracetat verwendet werden. Ringerlaktat wird ausdrücklich nicht mehr empfohlen.
Unter anderem bei Verbrennungen 2. Grades ab 10 % KOF, allen drittgradigen Verbrennungen, Inhalationstraumata, Stromunfällen sowie Verbrennungen an Gesicht, Händen oder Genitalien.
Bei klinischem Verdacht (Ruß im Sputum, Stridor, Gesichtsverbrennung) sollte eine fiberoptische Bronchoskopie zur Sicherung und Schweregradeinteilung erfolgen.
Nein, eine systemische Antibiotikaprophylaxe soll bei Patienten mit Verbrennungstrauma nicht durchgeführt werden. Eine Ausnahme bildet lediglich die perioperative Prophylaxe.

Verwandte Leitlinien