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Intensivmedizin nach Polytrauma: S3-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Die definitive Versorgung langer Röhrenknochen sollte im intensivmedizinischen Verlauf möglichst frühzeitig erfolgen.
  • Bei unklaren klinischen Befunden bezüglich eines Kompartmentsyndroms kann eine Kompartmentdruckmessung genutzt werden; bei Vorliegen ist eine sofortige Fasziotomie indiziert.
  • Die Erfassung von Bewusstseinslage, Pupillenfunktion und GCS soll bei Polytraumapatienten wiederholt erfolgen.
  • Standardisierte Übergabeprotokolle und strukturierte Kommunikationsprotokolle (z.B. SPIKES) werden zur Optimierung der Behandlung empfohlen.
  • Eine Tertiäruntersuchung innerhalb von 24 Stunden nach Aufnahme hilft, übersehene Verletzungen zu identifizieren.
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Hintergrund

Die intensivmedizinische Betreuung von Polytraumapatienten erfordert eine hochgradig interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit. Ein Polytrauma liegt vor, wenn gleichzeitig mehrere Körperregionen verletzt sind und mindestens eine Verletzung oder die Kombination lebensbedrohlich ist (häufig definiert ab einem Injury Severity Score, ISS ≥ 16).

Aufnahme und Diagnostik auf der Intensivstation

Die Indikation zur Aufnahme auf die Intensivstation (ITS) hängt von verschiedenen Faktoren ab:

  • Verletzungsmuster: Schwere der Gewalteinwirkung und Gewebezerstörung.
  • Patientenfaktoren: Alter (als unabhängiger Risikofaktor ab > 55 Jahren) und Vorerkrankungen.
  • Vitalparameter: Blutdruck, Herzfrequenz, Atemfrequenz, Glasgow Coma Scale (GCS) und Blutgasanalyse (z.B. Laktat).

Zur Vermeidung übersehener Verletzungen wird eine Tertiäruntersuchung empfohlen:

MaßnahmeZeitpunktZiel
TertiäruntersuchungInnerhalb von 24h nach AufnahmeIdentifikation primär okkulter Traumata durch erneute Ganzkörperuntersuchung und Überprüfung der Diagnostik.

Empfehlung: Protokolle zur optimierten Durchführung und Dokumentation von Tertiäruntersuchungen können genutzt werden (Starker Konsens).

Definitive chirurgische Versorgung

Die Leitlinie gibt spezifische Empfehlungen zum Zeitpunkt der chirurgischen Versorgung:

VerletzungEmpfehlung zum OP-ZeitpunktEmpfehlungsgrad
Lange RöhrenknochenMöglichst frühzeitig im intensivmedizinischen Verlauf definitiv versorgen.B
FemurschaftfrakturZeitpunkt der definitiven Versorgung an den Gesamtzustand anpassen.B
BeckenverletzungDerzeit keine differenzierte Empfehlung zum Zeitpunkt möglich (geringe Evidenz).0

Hinweis: Für die frühe Tracheotomie sowie die Gabe von Kristalloiden kann aufgrund der aktuellen Evidenzlage weder eine Empfehlung für noch gegen die Maßnahme ausgesprochen werden (Empfehlungsgrad 0).

Klinisches und apparatives Monitoring

Das Monitoring richtet sich nach den betroffenen Organsystemen, um kritische Verläufe frühzeitig zu erkennen.

Zentralnervensystem (ZNS)

  • Klinisch: Wiederholte Erfassung und Dokumentation von Bewusstseinslage, Pupillenfunktion und GCS (Motorik beidseits) soll erfolgen (Starker Konsens).
  • Apparativ (ICP): Die Indikation und Durchführung der intrakraniellen Druckmessung sollte sich an der AWMF S1-Leitlinie "Intrakranieller Druck (ICP)" orientieren (Starker Konsens).

Extremitäten und Kompartmentsyndrom

Besonders bei Verletzungen der unteren Extremitäten (z.B. Tibiafraktur) besteht ein hohes Risiko (bis 15 %) für ein Kompartmentsyndrom.

Diagnostik / TherapieEmpfehlungKonsensstärke
Klinische UntersuchungBei hohem Risiko soll eine regelmäßige und kritische Untersuchung gefährdeter Extremitäten erfolgen.Starker Konsens
DruckmessungBei nicht eindeutigen klinischen Befunden kann die wiederholte oder kontinuierliche Kompartmentdruckmessung genutzt werden.Konsens
TherapieBei Vorliegen eines Kompartmentsyndroms soll umgehend eine Fasziotomie erfolgen.Starker Konsens

Lunge und Herz-Kreislauf

  • Lunge: Ziel-SpO2 liegt bei 92-96 % (bzw. 88-92 % bei Hyperkapnierisiko). Fördermengen und Luftleckagen von Thoraxdrainagen sind mindestens täglich quantitativ und qualitativ zu dokumentieren.
  • Herz-Kreislauf: Bei Verdacht auf eine stumpfe Myokardverletzung soll ein 12-Kanal-EKG in Verbindung mit einer hsTroponin-Bestimmung durchgeführt werden.

Kommunikation und Übergabe

Kommunikationsfehler sind eine Hauptursache für kritische Zwischenfälle.

  • Übergaben: Standardisierte Übergabeprotokolle sollten zur Optimierung und Dokumentation etabliert werden (Starker Konsens).
  • Patienten und Angehörige: Strukturierte Kommunikationsprotokolle (wie das SPIKES-Protokoll für Patienten oder die VALUE-Kriterien für Angehörige) können genutzt werden (Starker Konsens). Gespräche sollten innerhalb der ersten 48 Stunden stattfinden und mindestens alle 7 Tage wiederholt werden.

💡Praxis-Tipp

Führen Sie innerhalb der ersten 24 Stunden nach Aufnahme auf die Intensivstation standardmäßig eine Tertiäruntersuchung (Tertiary Survey) durch, um initial übersehene Verletzungen zu identifizieren. Nutzen Sie bei unklaren Befunden an den Extremitäten großzügig die Kompartmentdruckmessung.

Häufig gestellte Fragen

Laut Leitlinie sollten Verletzungen der langen Röhrenknochen im intensivmedizinischen Verlauf möglichst frühzeitig definitiv versorgt werden (Empfehlungsgrad B).
Bei nicht eindeutigen klinischen Befunden oder schwer evaluierbaren Patienten kann die wiederholte oder kontinuierliche Kompartmentdruckmessung zur Diagnosestellung genutzt werden.
Nein, aufgrund der aktuellen Evidenzlage kann weder eine Empfehlung für noch gegen eine frühe Tracheotomie gegeben werden (Empfehlungsgrad 0).
Es soll ein 12-Kanal-EKG in Verbindung mit einer hsTroponin-Bestimmung durchgeführt werden. Sind beide unauffällig, ist eine kardiale Beteiligung nahezu ausgeschlossen.
Das erste Gespräch sollte innerhalb der ersten 48 Stunden nach Aufnahme auf die Intensivstation erfolgen und danach mindestens alle sieben Tage wiederholt werden.

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