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Thermische Verletzungen bei Kindern: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Verbrühungen sind mit über 70 % die häufigste Ursache für thermische Verletzungen im Kindesalter.
  • Eine Kühlung darf nur bei kleinflächigen Verbrennungen für maximal 10 Minuten erfolgen; ab 15 % KOF ist sie wegen Hypothermiegefahr obsolet.
  • Die Volumentherapie ist ab 15 % KOF essenziell, Zielkriterium ist eine Urinausscheidung von 1-2 ml/kg/h bei Kleinkindern.
  • Bei Verbrennungen ab Grad 2b ist eine chirurgische Nekrektomie mit anschließender Spalthauttransplantation indiziert.
  • Bei unklarem Unfallhergang oder untypischen Verletzungsmustern muss zwingend eine Kinderschutzgruppe hinzugezogen werden.
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Hintergrund

Thermische Verletzungen gehören zu den schwersten Traumen im Kindesalter. In über 70 % der Fälle handelt es sich um Verbrühungen, gefolgt von Kontakt- und Feuerverbrennungen. Die Behandlung erfordert ein interdisziplinäres Team und sollte bei schweren Verläufen in spezialisierten Zentren für schwerbrandverletzte Kinder erfolgen.

Beurteilung und Gradeinteilung

Die Ausdehnung der Verbrennung wird in Prozent der Körperoberfläche (KOF) nach dem Lund-Browder-Schema oder der Handflächenregel (Handfläche inkl. Finger = 1 % KOF) bestimmt. Die Tiefe wird klinisch beurteilt:

GradTiefeKlinisches Bild
Grad 1EpidermalRötung, Schwellung, intaktes Epithel
Grad 2aOberflächlich dermalBlasenbildung, feuchter hyperämischer Wundgrund, prompte Rekapillarisierung
Grad 2bTief dermalBlasenbildung, weißlicher feuchter Wundgrund, verzögerte Rekapillarisierung
Grad 3Komplett dermalTrockene, weiße/elfenbeinfarbige Nekrose, keine Schmerzen
Grad 4Subkutan/Muskel/KnochenVerkohlung

Empfehlung: Die klinische Beurteilung soll von einer in der Verbrennungsmedizin erfahrenen Ärztin durchgeführt werden.

Erstmaßnahmen und Kühlung

Die präklinische Erstversorgung fokussiert sich auf die Sicherung der Vitalfunktionen, Analgosedierung und den Schutz vor Auskühlung.

  • Kleinflächige Verbrennungen: Dürfen aus analgetischen Gründen für maximal 10 Minuten mit handwarmem Wasser gekühlt werden.
  • Großflächige Verbrennungen (>15 % KOF): Kühlung ist obsolet, da eine Hypothermie signifikant mit einer erhöhten Letalität einhergeht.
  • Säuglinge/Neugeborene: Keine Kühlung.
  • Stamm/Kopf: Keine Kühlung.

Alle Manipulationen am Patienten sollen in adäquater Analgosedierung (z. B. mit Esketamin, Midazolam oder Fentanyl) stattfinden.

Flüssigkeitstherapie und Monitoring

Ab etwa 10 % KOF soll die Volumensubstitution mit isotonen, kristalloiden Lösungen erfolgen. Ab 15 % KOF besteht ein zusätzlicher Flüssigkeitsbedarf aufgrund des Kapillarlecks.

AltersgruppeAngestrebte Urinausscheidung
Säuglinge und Kleinkinder1 - 2 ml/kg KG/h
Schulkinder0,5 - 1 ml/kg KG/h

Empfehlung: Die engmaschige Kontrolle des Flüssigkeitsregimes ist entscheidend, um sowohl eine Unterversorgung (Organversagen) als auch eine Überwässerung (Lungenödem, Kompartmentsyndrom) zu vermeiden.

Lokale und chirurgische Therapie

Die Behandlungsstrategie richtet sich strikt nach der Verbrennungstiefe:

GradTherapiestrategieBemerkung
Grad 1KonservativExterna, kein Debridement nötig
Grad 2aKonservativ / WunddebridementAbtragung von Blasen unter aseptischen Bedingungen, antiseptische Wundauflagen
Grad 2bChirurgischTangentiale Nekrektomie und Spalthauttransplantation
Grad 3ChirurgischZeitnahe tangentiale Nekrektomie und Spalthauttransplantation

Kernaussage: Die bevorzugte Entnahmestelle für Spalthaut im Kindesalter soll die behaarte Kopfhaut sein, da diese eine große Fläche bietet und die Entnahme durch den Haarwuchs später unsichtbar wird.

Besonderheiten bei Stromunfällen

Stromverbrennungen können tiefe Gewebe-, Muskel- und Organschäden verursachen, die äußerlich nicht sofort erkennbar sind.

  • EKG-Monitoring: Bei brandverletzten Kindern nach Stromunfall großzügig indizieren.
  • Volumentherapie: Bei Myoglobinurie (dunkler Urin) muss die Volumengabe gesteigert werden, bis die Urinausscheidung etwa doppelt so hoch ist wie bei normalen Verbrennungen, um ein Nierenversagen zu verhindern.
  • Chirurgie: Die erste Nekrektomie sollte innerhalb der ersten 5 Tage erfolgen.

Therapie des Juckreizes (Pruritus)

Juckreiz ist eine quälende Langzeitfolge. Die Therapie erfolgt stufenweise:

StufeMaßnahmeBeispiele
1. PhysikalischKühlen, Massagen, KompressionRückfettende Cremes, Tapping
2. Medikamentös (Basis)AntihistaminikaDimetindenmaleat, Cetirizin
3. Medikamentös (Eskalation)Gabapentin (Off-Label)Bei schwerem, therapieresistentem Juckreiz

Kindeswohlgefährdung

Etwa 10 % der nachgewiesenen Kindesmisshandlungen werden durch thermische Verletzungen verursacht.

Warnsignale für Misshandlung:

  • Immersionsverletzungen (Handschuh-/Strumpfmuster)
  • Isolierte Verbrühungen des Gesäßes/Perineums mit scharfen Begrenzungen
  • Kontaktverbrennungen mit geometrischen Mustern
  • Inkompatible Anamnese zum Verletzungsmuster

Empfehlung: Bei Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung muss eine interdisziplinäre Kinderschutzgruppe hinzugezogen werden.

💡Praxis-Tipp

Kühlen Sie großflächige Verbrennungen (>15 % KOF) oder Verletzungen am Stamm niemals, um eine lebensbedrohliche Hypothermie zu vermeiden. Achten Sie bei der Volumentherapie streng auf die Urinausscheidung (Ziel: 1-2 ml/kg/h bei Säuglingen).

Häufig gestellte Fragen

Maximal 10 Minuten mit handwarmem Wasser, und nur bei kleinflächigen Verbrennungen an den Extremitäten.
Ab etwa 10 % KOF sollte ein Zugang gelegt werden, ab 15 % KOF besteht ein zusätzlicher Flüssigkeitsbedarf.
Die behaarte Kopfhaut, da sie in Relation zum Körper eine große Fläche bietet und die Entnahmestelle durch den erneuten Haarwuchs später nicht sichtbar ist.
Verbrennungen im Gesicht, versengte Gesichts- und Nasenbehaarung, Ruß im Gesicht oder Sputum sowie Zeichen einer Atemwegsobstruktion wie Stridor.

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