Thermische Verletzungen bei Kindern: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Verbrühungen sind mit über 70 % die häufigste Ursache für thermische Verletzungen im Kindesalter.
- •Eine Kühlung darf nur bei kleinflächigen Verbrennungen für maximal 10 Minuten erfolgen; ab 15 % KOF ist sie wegen Hypothermiegefahr obsolet.
- •Die Volumentherapie ist ab 15 % KOF essenziell, Zielkriterium ist eine Urinausscheidung von 1-2 ml/kg/h bei Kleinkindern.
- •Bei Verbrennungen ab Grad 2b ist eine chirurgische Nekrektomie mit anschließender Spalthauttransplantation indiziert.
- •Bei unklarem Unfallhergang oder untypischen Verletzungsmustern muss zwingend eine Kinderschutzgruppe hinzugezogen werden.
Hintergrund
Thermische Verletzungen gehören zu den schwersten Traumen im Kindesalter. In über 70 % der Fälle handelt es sich um Verbrühungen, gefolgt von Kontakt- und Feuerverbrennungen. Die Behandlung erfordert ein interdisziplinäres Team und sollte bei schweren Verläufen in spezialisierten Zentren für schwerbrandverletzte Kinder erfolgen.
Beurteilung und Gradeinteilung
Die Ausdehnung der Verbrennung wird in Prozent der Körperoberfläche (KOF) nach dem Lund-Browder-Schema oder der Handflächenregel (Handfläche inkl. Finger = 1 % KOF) bestimmt. Die Tiefe wird klinisch beurteilt:
| Grad | Tiefe | Klinisches Bild |
|---|---|---|
| Grad 1 | Epidermal | Rötung, Schwellung, intaktes Epithel |
| Grad 2a | Oberflächlich dermal | Blasenbildung, feuchter hyperämischer Wundgrund, prompte Rekapillarisierung |
| Grad 2b | Tief dermal | Blasenbildung, weißlicher feuchter Wundgrund, verzögerte Rekapillarisierung |
| Grad 3 | Komplett dermal | Trockene, weiße/elfenbeinfarbige Nekrose, keine Schmerzen |
| Grad 4 | Subkutan/Muskel/Knochen | Verkohlung |
Empfehlung: Die klinische Beurteilung soll von einer in der Verbrennungsmedizin erfahrenen Ärztin durchgeführt werden.
Erstmaßnahmen und Kühlung
Die präklinische Erstversorgung fokussiert sich auf die Sicherung der Vitalfunktionen, Analgosedierung und den Schutz vor Auskühlung.
- Kleinflächige Verbrennungen: Dürfen aus analgetischen Gründen für maximal 10 Minuten mit handwarmem Wasser gekühlt werden.
- Großflächige Verbrennungen (>15 % KOF): Kühlung ist obsolet, da eine Hypothermie signifikant mit einer erhöhten Letalität einhergeht.
- Säuglinge/Neugeborene: Keine Kühlung.
- Stamm/Kopf: Keine Kühlung.
Alle Manipulationen am Patienten sollen in adäquater Analgosedierung (z. B. mit Esketamin, Midazolam oder Fentanyl) stattfinden.
Flüssigkeitstherapie und Monitoring
Ab etwa 10 % KOF soll die Volumensubstitution mit isotonen, kristalloiden Lösungen erfolgen. Ab 15 % KOF besteht ein zusätzlicher Flüssigkeitsbedarf aufgrund des Kapillarlecks.
| Altersgruppe | Angestrebte Urinausscheidung |
|---|---|
| Säuglinge und Kleinkinder | 1 - 2 ml/kg KG/h |
| Schulkinder | 0,5 - 1 ml/kg KG/h |
Empfehlung: Die engmaschige Kontrolle des Flüssigkeitsregimes ist entscheidend, um sowohl eine Unterversorgung (Organversagen) als auch eine Überwässerung (Lungenödem, Kompartmentsyndrom) zu vermeiden.
Lokale und chirurgische Therapie
Die Behandlungsstrategie richtet sich strikt nach der Verbrennungstiefe:
| Grad | Therapiestrategie | Bemerkung |
|---|---|---|
| Grad 1 | Konservativ | Externa, kein Debridement nötig |
| Grad 2a | Konservativ / Wunddebridement | Abtragung von Blasen unter aseptischen Bedingungen, antiseptische Wundauflagen |
| Grad 2b | Chirurgisch | Tangentiale Nekrektomie und Spalthauttransplantation |
| Grad 3 | Chirurgisch | Zeitnahe tangentiale Nekrektomie und Spalthauttransplantation |
Kernaussage: Die bevorzugte Entnahmestelle für Spalthaut im Kindesalter soll die behaarte Kopfhaut sein, da diese eine große Fläche bietet und die Entnahme durch den Haarwuchs später unsichtbar wird.
Besonderheiten bei Stromunfällen
Stromverbrennungen können tiefe Gewebe-, Muskel- und Organschäden verursachen, die äußerlich nicht sofort erkennbar sind.
- EKG-Monitoring: Bei brandverletzten Kindern nach Stromunfall großzügig indizieren.
- Volumentherapie: Bei Myoglobinurie (dunkler Urin) muss die Volumengabe gesteigert werden, bis die Urinausscheidung etwa doppelt so hoch ist wie bei normalen Verbrennungen, um ein Nierenversagen zu verhindern.
- Chirurgie: Die erste Nekrektomie sollte innerhalb der ersten 5 Tage erfolgen.
Therapie des Juckreizes (Pruritus)
Juckreiz ist eine quälende Langzeitfolge. Die Therapie erfolgt stufenweise:
| Stufe | Maßnahme | Beispiele |
|---|---|---|
| 1. Physikalisch | Kühlen, Massagen, Kompression | Rückfettende Cremes, Tapping |
| 2. Medikamentös (Basis) | Antihistaminika | Dimetindenmaleat, Cetirizin |
| 3. Medikamentös (Eskalation) | Gabapentin (Off-Label) | Bei schwerem, therapieresistentem Juckreiz |
Kindeswohlgefährdung
Etwa 10 % der nachgewiesenen Kindesmisshandlungen werden durch thermische Verletzungen verursacht.
Warnsignale für Misshandlung:
- Immersionsverletzungen (Handschuh-/Strumpfmuster)
- Isolierte Verbrühungen des Gesäßes/Perineums mit scharfen Begrenzungen
- Kontaktverbrennungen mit geometrischen Mustern
- Inkompatible Anamnese zum Verletzungsmuster
Empfehlung: Bei Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung muss eine interdisziplinäre Kinderschutzgruppe hinzugezogen werden.
💡Praxis-Tipp
Kühlen Sie großflächige Verbrennungen (>15 % KOF) oder Verletzungen am Stamm niemals, um eine lebensbedrohliche Hypothermie zu vermeiden. Achten Sie bei der Volumentherapie streng auf die Urinausscheidung (Ziel: 1-2 ml/kg/h bei Säuglingen).