Dekubitus bei Querschnittlähmung: Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Spezifische Risikoskalen (wie Braden oder Norton) werden bei Querschnittlähmung nicht empfohlen.
- •Dekubitus der Kategorien I und II werden primär konservativ mit absoluter Druckentlastung behandelt.
- •Bei Kategorie III und IV ist primär eine operative Therapie (Lappendeckung) indiziert.
- •Die MRT ist das empfohlene bildgebende Verfahren zur Beurteilung einer begleitenden Osteomyelitis.
- •Nach einer operativen Deckung in Sitzbelastungszonen ist eine Entlastung von 4 bis 8 Wochen erforderlich.
Hintergrund
Patienten mit Querschnittlähmung haben aufgrund von eingeschränkter oder fehlender Sensibilität, Trophik- und Mikrozirkulationsstörungen sowie Spastizität ein besonders hohes Risiko für die Entstehung eines Dekubitus. Die Leitlinie fokussiert sich auf diese querschnittspezifischen Besonderheiten in Diagnostik und Therapie.
Klassifikation
Die Einteilung des Dekubitus erfolgt nach der EPUAP-Klassifikation (European Pressure Ulcer Advisory Panel):
| Kategorie / Stufe | Klinisches Bild | Gewebeverlust |
|---|---|---|
| Kategorie I | Nicht wegdrückbare Rötung bei intakter Haut | Kein Gewebeverlust |
| Kategorie II | Flaches Ulcus (rot/rosa) oder intakte/rupturierte Blase | Teilverlust der Haut (bis in die Dermis) |
| Kategorie III | Zerstörung aller Hautschichten, subkutanes Fett ggf. sichtbar | Verlust der Haut (keine Knochen/Muskeln sichtbar) |
| Kategorie IV | Freiliegende Knochen, Sehnen oder Muskeln | Vollständiger Gewebeverlust |
| Tiefe unbekannt | Basis von Belägen/Schorf bedeckt | Vollständiger Gewebeverlust |
| Vermutete tiefe Schädigung | Livid/rötlichbraune Verfärbung oder blutgefüllte Blase | Tiefe unbekannt |
Risikobewertung und Diagnostik
Spezifische Assessmentinstrumente (wie die Norton-, Gosnell- oder Braden-Skala) werden nicht empfohlen, da sie die speziellen Risiken querschnittgelähmter Patienten nicht ausreichend berücksichtigen.
Anatomische Risikoregionen
| Region | Häufigkeit / Relevanz |
|---|---|
| Sitzbein, Kreuz-/Steißbein, Trochanter major, Ferse | Überwiegende Lokalisation (Hauptrisikozonen) |
| Hinterhaupt, Schulter, Ellenbogen, Knie, Knöchel | Weitere gefährdete Regionen |
Bildgebende Diagnostik
- Röntgen (konventionell): Basisabklärung knöcherner Läsionen in 2 Ebenen.
- Sonographie: Abgrenzung von Weichteilprozessen (Abszess, Ödem).
- MRT: Von der Expertengruppe empfohlen zur Abgrenzung in der Tiefe und Beurteilung einer Osteomyelitis.
- CT / Angiographie: Bei knöchernen Läsionen oder vaskulären Fragestellungen.
Therapie-Stufenschema
Die Therapie richtet sich primär nach der EPUAP-Kategorie:
| Kategorie | Primäre Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| Kategorie I | Konservativ | Absolute Druckentlastung bis zur vollständigen Abheilung. |
| Kategorie II | Konservativ | Wundmanagement. Operatives Vorgehen nur bei protrahiertem Verlauf. |
| Kategorie III & IV | Operativ | Primär operative Deckung indiziert. Konservativ nur bei Kontraindikationen. |
Konservative Therapie und Wundmanagement
Unabdingbare Grundlage ist die absolute Druckentlastung der geschädigten Region und die Verhinderung von Scherkräften.
Wundreinigung und Debridement
| Verfahren | Optionen / Wirkstoffe | Hinweise |
|---|---|---|
| Wundspülung | NaCl, Ringerlösung, Octenidin 0,1%, Polihexanid 0,04% | Leitungswasser nur bei ausreichender Qualität/Sterilfilter. |
| Autolytisch | Hydrogele, Alginate | Einsatz im feuchten Wundmilieu. |
| Biochirurgisch | Madentherapie (Lucilia sericata) | Kontraindiziert bei Pseudomonas/Proteus oder Blutungsneigung. |
| Enzymatisch | - | Wird von der Expertengruppe nicht empfohlen. |
Lokale Unterdrucktherapie (NPWT)
Die NPWT dient der Verkleinerung von Wundhöhlen und der Wundkonditionierung vor einer Lappendeckung.
- Voraussetzung: Chirurgische Wundreinigung.
- Kontraindikation: Die Anwendung auf nekrotischem Gewebe ist strikt kontraindiziert! Ebenso bei anaeroben Infekten oder freiliegenden Gefäßen.
Operative Therapie
Ziel ist die Wiederherstellung belastbarer Weichteilverhältnisse. Der Algorithmus sieht primär fasziokutane Lappenplastiken vor (z.B. gluteale Rotationslappen, dorsaler Oberschenkellappen), um myokutane Lappen als Rückzugsoption für Rezidive zu erhalten.
Postoperative Nachbehandlung:
- Absolute Entlastung des Operationsgebietes.
- Eine belastungsstabile Narbe ist erst nach ca. 6 Wochen vorhanden.
- In Sitzbelastungszonen (Sitz- und Steißbeinregion) ist eine Entlastung von 4 bis 8 Wochen ab Wundverschluss erforderlich.
- Die Mobilisation darf nur schrittweise mit anfänglich kurzen Belastungszeiten und unmittelbarer lokaler Kontrolle erfolgen.
💡Praxis-Tipp
Verwenden Sie bei querschnittgelähmten Patienten keine Standard-Risikoskalen (wie die Braden-Skala), da diese das spezifische Risiko nicht abbilden. Setzen Sie bei Nekrosen niemals eine lokale Unterdrucktherapie (NPWT) ein.