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Dekubitus bei Querschnittlähmung: Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Spezifische Risikoskalen (wie Braden oder Norton) werden bei Querschnittlähmung nicht empfohlen.
  • Dekubitus der Kategorien I und II werden primär konservativ mit absoluter Druckentlastung behandelt.
  • Bei Kategorie III und IV ist primär eine operative Therapie (Lappendeckung) indiziert.
  • Die MRT ist das empfohlene bildgebende Verfahren zur Beurteilung einer begleitenden Osteomyelitis.
  • Nach einer operativen Deckung in Sitzbelastungszonen ist eine Entlastung von 4 bis 8 Wochen erforderlich.
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Hintergrund

Patienten mit Querschnittlähmung haben aufgrund von eingeschränkter oder fehlender Sensibilität, Trophik- und Mikrozirkulationsstörungen sowie Spastizität ein besonders hohes Risiko für die Entstehung eines Dekubitus. Die Leitlinie fokussiert sich auf diese querschnittspezifischen Besonderheiten in Diagnostik und Therapie.

Klassifikation

Die Einteilung des Dekubitus erfolgt nach der EPUAP-Klassifikation (European Pressure Ulcer Advisory Panel):

Kategorie / StufeKlinisches BildGewebeverlust
Kategorie INicht wegdrückbare Rötung bei intakter HautKein Gewebeverlust
Kategorie IIFlaches Ulcus (rot/rosa) oder intakte/rupturierte BlaseTeilverlust der Haut (bis in die Dermis)
Kategorie IIIZerstörung aller Hautschichten, subkutanes Fett ggf. sichtbarVerlust der Haut (keine Knochen/Muskeln sichtbar)
Kategorie IVFreiliegende Knochen, Sehnen oder MuskelnVollständiger Gewebeverlust
Tiefe unbekanntBasis von Belägen/Schorf bedecktVollständiger Gewebeverlust
Vermutete tiefe SchädigungLivid/rötlichbraune Verfärbung oder blutgefüllte BlaseTiefe unbekannt

Risikobewertung und Diagnostik

Spezifische Assessmentinstrumente (wie die Norton-, Gosnell- oder Braden-Skala) werden nicht empfohlen, da sie die speziellen Risiken querschnittgelähmter Patienten nicht ausreichend berücksichtigen.

Anatomische Risikoregionen

RegionHäufigkeit / Relevanz
Sitzbein, Kreuz-/Steißbein, Trochanter major, FerseÜberwiegende Lokalisation (Hauptrisikozonen)
Hinterhaupt, Schulter, Ellenbogen, Knie, KnöchelWeitere gefährdete Regionen

Bildgebende Diagnostik

  • Röntgen (konventionell): Basisabklärung knöcherner Läsionen in 2 Ebenen.
  • Sonographie: Abgrenzung von Weichteilprozessen (Abszess, Ödem).
  • MRT: Von der Expertengruppe empfohlen zur Abgrenzung in der Tiefe und Beurteilung einer Osteomyelitis.
  • CT / Angiographie: Bei knöchernen Läsionen oder vaskulären Fragestellungen.

Therapie-Stufenschema

Die Therapie richtet sich primär nach der EPUAP-Kategorie:

KategoriePrimäre TherapieBemerkung
Kategorie IKonservativAbsolute Druckentlastung bis zur vollständigen Abheilung.
Kategorie IIKonservativWundmanagement. Operatives Vorgehen nur bei protrahiertem Verlauf.
Kategorie III & IVOperativPrimär operative Deckung indiziert. Konservativ nur bei Kontraindikationen.

Konservative Therapie und Wundmanagement

Unabdingbare Grundlage ist die absolute Druckentlastung der geschädigten Region und die Verhinderung von Scherkräften.

Wundreinigung und Debridement

VerfahrenOptionen / WirkstoffeHinweise
WundspülungNaCl, Ringerlösung, Octenidin 0,1%, Polihexanid 0,04%Leitungswasser nur bei ausreichender Qualität/Sterilfilter.
AutolytischHydrogele, AlginateEinsatz im feuchten Wundmilieu.
BiochirurgischMadentherapie (Lucilia sericata)Kontraindiziert bei Pseudomonas/Proteus oder Blutungsneigung.
Enzymatisch-Wird von der Expertengruppe nicht empfohlen.

Lokale Unterdrucktherapie (NPWT)

Die NPWT dient der Verkleinerung von Wundhöhlen und der Wundkonditionierung vor einer Lappendeckung.

  • Voraussetzung: Chirurgische Wundreinigung.
  • Kontraindikation: Die Anwendung auf nekrotischem Gewebe ist strikt kontraindiziert! Ebenso bei anaeroben Infekten oder freiliegenden Gefäßen.

Operative Therapie

Ziel ist die Wiederherstellung belastbarer Weichteilverhältnisse. Der Algorithmus sieht primär fasziokutane Lappenplastiken vor (z.B. gluteale Rotationslappen, dorsaler Oberschenkellappen), um myokutane Lappen als Rückzugsoption für Rezidive zu erhalten.

Postoperative Nachbehandlung:

  • Absolute Entlastung des Operationsgebietes.
  • Eine belastungsstabile Narbe ist erst nach ca. 6 Wochen vorhanden.
  • In Sitzbelastungszonen (Sitz- und Steißbeinregion) ist eine Entlastung von 4 bis 8 Wochen ab Wundverschluss erforderlich.
  • Die Mobilisation darf nur schrittweise mit anfänglich kurzen Belastungszeiten und unmittelbarer lokaler Kontrolle erfolgen.

💡Praxis-Tipp

Verwenden Sie bei querschnittgelähmten Patienten keine Standard-Risikoskalen (wie die Braden-Skala), da diese das spezifische Risiko nicht abbilden. Setzen Sie bei Nekrosen niemals eine lokale Unterdrucktherapie (NPWT) ein.

Häufig gestellte Fragen

Keine. Standard-Skalen wie Norton oder Braden berücksichtigen die speziellen Risiken querschnittgelähmter Patienten nicht ausreichend und werden daher nicht empfohlen.
Primär bei Dekubitus der Kategorien III und IV. Bei Kategorie II ist primär ein konservatives Vorgehen indiziert.
Eine belastungsstabile Narbe liegt erst nach ca. 6 Wochen vor. In Sitzbelastungszonen ist eine Entlastung von 4 bis 8 Wochen ab Wundverschluss erforderlich.
Die Expertengruppe empfiehlt die MRT-Diagnostik zur Beurteilung einer Osteomyelitis und zur Abgrenzung der Gewebsschädigung in der Tiefe.

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