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Polytrauma-Versorgung: S3-Leitlinie (AWMF)

KI-generierte Zusammenfassung · Basiert auf AWMF Leitlinie · Erstellt: April 2026 · Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung

📋Auf einen Blick

  • Ein festes Stufenschema (Kompression, Verband, Tourniquet) wird zur prähospitalen Blutungskontrolle an Extremitäten empfohlen.
  • Die Schockraum-Aktivierung erfolgt nach definierten Verletzungsmustern, prähospitalen Interventionen oder kritischen Vitalparametern (z.B. Schockindex >0,9).
  • Bei lebensbedrohlichen Blutungen sollen frühzeitig Tranexamsäure (1 g) und Fibrinogen (3-6 g) verabreicht werden.
  • Die Ganzkörper-CT ist die Standarddiagnostik, sofern der systolische Blutdruck nicht unter 60 mmHg liegt und keine Sofort-OP ansteht.
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Hintergrund

Ungestoppter Blutverlust führt innerhalb der ersten Stunden nach einem schweren Unfalltrauma zum Tod und ist nach dem schweren Schädel-Hirn-Trauma die zweithäufigste Todesursache in der Frühphase. In etwa 30 % aller Fälle ist das Verbluten die Todesursache beim Schwerverletzten. Die Leitlinie definiert evidenzbasierte Standards für die prähospitale und innerklinische Akutversorgung.

Prähospitale Phase und Blutungskontrolle

Aktive Blutungen der Extremitäten sollen durch folgendes Stufenschema behandelt werden (Empfehlungsgrad A):

StufeMaßnahmeBemerkung
1Manuelle KompressionErste Maßnahme zur Blutungskontrolle
2KompressionsverbandWenn möglich in Kombination mit einem Hämostyptikum
3TourniquetWenn lebensgefährliche Blutung anders nicht zeitgerecht gestoppt werden kann

Atemwegsmanagement und Zugänge

  • Kapnometrie/-grafie: Soll prähospital und innerklinisch im Rahmen der endotrachealen Intubation zur Tubuslagekontrolle und danach zur Dislokations- und Beatmungskontrolle angewendet werden (Empfehlungsgrad A).
  • Gefäßzugang: Bei Traumapatienten, bei denen ein venöser Zugang nicht gelingt, soll ein intraossärer Zugang zur Infusions- und Medikamententherapie gelegt werden (Empfehlungsgrad A).
  • Analgesie: Fentanyl, Ketamin und Morphin weisen eine vergleichbare Effektivität auf und sollen zur Analgesie des spontanatmenden schwerverletzten Patienten zur Anwendung kommen (Empfehlungsgrad A).

Schockraum-Management

Das interprofessionelle Schockraum-Team soll aus mindestens 2 Pflegekräften und mindestens 2 Ärzten bestehen, die die notfallmedizinische und notfallchirurgische Kompetenz abbilden (GPP).

Die Aktivierung des Schockraumteams soll bei folgenden Kriterien erfolgen (Empfehlungsgrad A):

KategorieKriterien für Schockraum-Aktivierung
VerletzungenInstabiler Thorax, mechanisch instabile Beckenverletzung, penetrierende Verletzungen (Rumpf-Hals), Amputation proximal Hände/Füße, sensomotorisches Defizit nach WS-Trauma
InterventionenErforderliche Atemwegssicherung, Thoraxentlastung, Katecholamingabe, Pericardiozentese, Anlage Tourniquet
VitalparameterSpO2 <90%, AF <10 oder >29/min, systolischer RR <90 mmHg, HF >120/min, Schockindex >0,9, positiver eFAST, GCS ≤12, Hypothermie <35,0°C

Während der kardiopulmonalen Reanimation sollen zeitgleich leitliniengerecht traumaspezifische reversible Ursachen (nach xABCDE-Schema, z.B. Spannungspneumothorax, Hypovolämie) diagnostiziert und therapiert werden (Empfehlungsgrad A).

Gerinnungsmanagement und Volumentherapie

Die Gerinnungsdiagnostik und -therapie soll über viskoelastische Testverfahren gesteuert werden (Empfehlungsgrad A). Bei Patienten mit lebensbedrohlichen Blutungen und/oder im Schock gelten folgende medikamentöse Empfehlungen (Empfehlungsgrad A):

WirkstoffDosisIndikation
Tranexamsäure (TxA)1 g über 10 Min (ggf. + 1 g über 8h)Lebensbedrohliche Blutung, Schock, nachgewiesene Hyperfibrinolyse (möglichst prähospital)
FibrinogenInitial 3-6 g (bzw. 30-60 mg/kg)Lebensbedrohliche Blutung und/oder Schock

Diagnostik

Im Rahmen der Diagnostik von Schwerverletzten soll eine zeitnahe Ganzkörper-Computertomografie (Kopf bis einschließlich Becken, CCT nativ) mit traumaspezifischem Protokoll durchgeführt werden (Empfehlungsgrad A).

Voraussetzung hierfür ist, dass keine sofort interventions-, operations- und/oder reanimationspflichtige Situation vorliegt und der systolische Blutdruck nicht unter 60 mmHg ist.

💡Praxis-Tipp

Aktivieren Sie das Schockraum-Team nicht nur basierend auf dem Verletzungsmuster, sondern achten Sie strikt auf kritische Vitalparameter wie einen Schockindex >0,9 oder eine Atemfrequenz <10 bzw. >29/min. Nutzen Sie bei frustranem venösem Zugangszustand zügig den intraossären Zugang.

Häufig gestellte Fragen

Ein Tourniquet soll angewendet werden, wenn eine lebensgefährliche Blutung der Extremitäten durch manuelle Kompression und Kompressionsverband nicht zeitgerecht gestoppt werden kann.
Fentanyl, Ketamin und Morphin weisen eine vergleichbare Effektivität auf und sollen zur Analgesie des spontanatmenden schwerverletzten Patienten zur Anwendung kommen.
Wenn eine sofortige interventions-, operations- oder reanimationspflichtige Situation vorliegt oder der systolische Blutdruck unter 60 mmHg liegt.
Möglichst frühzeitig (prähospital) 1 g über 10 Minuten, gegebenenfalls gefolgt von einer Infusion von 1 g über 8 Stunden.

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