Polytrauma-Versorgung: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Ein festes Stufenschema (Kompression, Verband, Tourniquet) wird zur prähospitalen Blutungskontrolle an Extremitäten empfohlen.
- •Die Schockraum-Aktivierung erfolgt nach definierten Verletzungsmustern, prähospitalen Interventionen oder kritischen Vitalparametern (z.B. Schockindex >0,9).
- •Bei lebensbedrohlichen Blutungen sollen frühzeitig Tranexamsäure (1 g) und Fibrinogen (3-6 g) verabreicht werden.
- •Die Ganzkörper-CT ist die Standarddiagnostik, sofern der systolische Blutdruck nicht unter 60 mmHg liegt und keine Sofort-OP ansteht.
Hintergrund
Ungestoppter Blutverlust führt innerhalb der ersten Stunden nach einem schweren Unfalltrauma zum Tod und ist nach dem schweren Schädel-Hirn-Trauma die zweithäufigste Todesursache in der Frühphase. In etwa 30 % aller Fälle ist das Verbluten die Todesursache beim Schwerverletzten. Die Leitlinie definiert evidenzbasierte Standards für die prähospitale und innerklinische Akutversorgung.
Prähospitale Phase und Blutungskontrolle
Aktive Blutungen der Extremitäten sollen durch folgendes Stufenschema behandelt werden (Empfehlungsgrad A):
| Stufe | Maßnahme | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1 | Manuelle Kompression | Erste Maßnahme zur Blutungskontrolle |
| 2 | Kompressionsverband | Wenn möglich in Kombination mit einem Hämostyptikum |
| 3 | Tourniquet | Wenn lebensgefährliche Blutung anders nicht zeitgerecht gestoppt werden kann |
Atemwegsmanagement und Zugänge
- Kapnometrie/-grafie: Soll prähospital und innerklinisch im Rahmen der endotrachealen Intubation zur Tubuslagekontrolle und danach zur Dislokations- und Beatmungskontrolle angewendet werden (Empfehlungsgrad A).
- Gefäßzugang: Bei Traumapatienten, bei denen ein venöser Zugang nicht gelingt, soll ein intraossärer Zugang zur Infusions- und Medikamententherapie gelegt werden (Empfehlungsgrad A).
- Analgesie: Fentanyl, Ketamin und Morphin weisen eine vergleichbare Effektivität auf und sollen zur Analgesie des spontanatmenden schwerverletzten Patienten zur Anwendung kommen (Empfehlungsgrad A).
Schockraum-Management
Das interprofessionelle Schockraum-Team soll aus mindestens 2 Pflegekräften und mindestens 2 Ärzten bestehen, die die notfallmedizinische und notfallchirurgische Kompetenz abbilden (GPP).
Die Aktivierung des Schockraumteams soll bei folgenden Kriterien erfolgen (Empfehlungsgrad A):
| Kategorie | Kriterien für Schockraum-Aktivierung |
|---|---|
| Verletzungen | Instabiler Thorax, mechanisch instabile Beckenverletzung, penetrierende Verletzungen (Rumpf-Hals), Amputation proximal Hände/Füße, sensomotorisches Defizit nach WS-Trauma |
| Interventionen | Erforderliche Atemwegssicherung, Thoraxentlastung, Katecholamingabe, Pericardiozentese, Anlage Tourniquet |
| Vitalparameter | SpO2 <90%, AF <10 oder >29/min, systolischer RR <90 mmHg, HF >120/min, Schockindex >0,9, positiver eFAST, GCS ≤12, Hypothermie <35,0°C |
Während der kardiopulmonalen Reanimation sollen zeitgleich leitliniengerecht traumaspezifische reversible Ursachen (nach xABCDE-Schema, z.B. Spannungspneumothorax, Hypovolämie) diagnostiziert und therapiert werden (Empfehlungsgrad A).
Gerinnungsmanagement und Volumentherapie
Die Gerinnungsdiagnostik und -therapie soll über viskoelastische Testverfahren gesteuert werden (Empfehlungsgrad A). Bei Patienten mit lebensbedrohlichen Blutungen und/oder im Schock gelten folgende medikamentöse Empfehlungen (Empfehlungsgrad A):
| Wirkstoff | Dosis | Indikation |
|---|---|---|
| Tranexamsäure (TxA) | 1 g über 10 Min (ggf. + 1 g über 8h) | Lebensbedrohliche Blutung, Schock, nachgewiesene Hyperfibrinolyse (möglichst prähospital) |
| Fibrinogen | Initial 3-6 g (bzw. 30-60 mg/kg) | Lebensbedrohliche Blutung und/oder Schock |
Diagnostik
Im Rahmen der Diagnostik von Schwerverletzten soll eine zeitnahe Ganzkörper-Computertomografie (Kopf bis einschließlich Becken, CCT nativ) mit traumaspezifischem Protokoll durchgeführt werden (Empfehlungsgrad A).
Voraussetzung hierfür ist, dass keine sofort interventions-, operations- und/oder reanimationspflichtige Situation vorliegt und der systolische Blutdruck nicht unter 60 mmHg ist.
💡Praxis-Tipp
Aktivieren Sie das Schockraum-Team nicht nur basierend auf dem Verletzungsmuster, sondern achten Sie strikt auf kritische Vitalparameter wie einen Schockindex >0,9 oder eine Atemfrequenz <10 bzw. >29/min. Nutzen Sie bei frustranem venösem Zugangszustand zügig den intraossären Zugang.