Speicheldrüsentumoren: Diagnostik & Therapie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Sonografie ist die primäre bildgebende Modalität bei Raumforderungen der großen Speicheldrüsen.
- •Bei Verdacht auf ein Malignom sollte eine kontrastmittelverstärkte MRT mit Diffusionswichtung (ADC) erfolgen.
- •Die Enukleation von Speicheldrüsentumoren ist obsolet; bei benignen Parotistumoren wird die extrakapsuläre Dissektion oder laterale Parotidektomie empfohlen.
- •Die primäre Therapie von Speicheldrüsenkarzinomen ist die chirurgische R0-Resektion (z.B. totale Parotidektomie).
- •Eine therapeutische Neck Dissection ist bei positiven Lymphknoten zwingend, eine elektive bei High-Risk-Tumoren (T3/T4, high-grade) indiziert.
Hintergrund
Speicheldrüsentumoren umfassen eine Vielzahl histomorphologischer Entitäten. Die Inzidenz liegt bei 6-8/100.000 Einwohnern, wobei bis zu 20 % der Tumoren maligne sind. Da sich klinisch auch bösartige Tumoren lange wie gutartige verhalten können, ist eine strukturierte Diagnostik und Therapie essenziell. Die S3-Leitlinie behandelt sowohl benigne als auch maligne Tumoren der großen und kleinen Kopfspeicheldrüsen.
Diagnostik
Die Abklärung einer schmerzlosen Schwellung mit Wachstumstendenz oder Malignitätszeichen (z.B. Fazialisparese) erfordert nach dem Primärkontakt die Überweisung in eine spezialisierte Fachklinik (MKG oder HNO).
Bildgebung
| Modalität | Indikation | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Sonografie | Primäre Bildgebung bei großen Speicheldrüsen und zervikalen Lymphknoten | A (Primärtumor) / B (Lymphknoten) |
| MRT (mit KM) | Primärdiagnostik bei Malignomverdacht (inkl. Diffusionswichtung/ADC und Fettsättigung) | B |
| CT (mit KM) | Verdacht auf Infiltration knöcherner Strukturen | Konsens |
| PET-CT | Ergänzende Maßnahme, primär untergeordnete Rolle | 0 |
Zytologische und histologische Sicherung
Die Indikation zur Biopsie richtet sich nach dem Malignitätsverdacht und der Lokalisation:
| Befund / Lokalisation | Empfohlenes Vorgehen | Bemerkung |
|---|---|---|
| Große Speicheldrüse (benigne imponierend) | Primäre operative Entfernung | Exzisionsbiopsie (Konsens) |
| Große Speicheldrüse (Malignomverdacht) | Feinnadelaspirationszytologie (FNAC) oder Hohlnadelbiopsie | Hohe Spezifität (Konsens) |
| Kleine Speicheldrüse | Primär vollständige Exzision | Falls nicht möglich: repräsentative Biopsie (Konsens) |
Chirurgische Therapie: Gutartige Raumforderungen
Glandula parotidea
- Bei allen Eingriffen an der Parotis sollen Neuromonitoring und Vergrößerungshilfen verwendet werden.
- Die Enukleation eines Speicheldrüsentumors soll nicht durchgeführt werden, da das Rezidivrisiko inakzeptabel hoch ist.
- Bei klinisch benignen, oberflächlichen und verschieblichen Tumoren sollte die extrakapsuläre Dissektion einer lateralen Parotidektomie vorgezogen werden (Empfehlungsgrad B).
- Bei intraoperativem Malignomverdacht soll ein Schnellschnitt erfolgen (Empfehlungsgrad A).
Weitere Lokalisationen
- Glandula submandibularis: Vollständige Entfernung der Drüse (Submandibulektomie).
- Kleine Speicheldrüsen: Subperiostale Resektion am Gaumen bzw. Resektion mit knappem Sicherheitsabstand im Weichgewebe.
Chirurgische Therapie: Bösartige Raumforderungen
Die Therapieentscheidung soll in einer interdisziplinären Tumorkonferenz getroffen werden.
Primärtumor der Glandula parotidea
Die primäre Therapie besteht in der chirurgischen Resektion (R0) unter Mitnahme von umgebendem Gewebe bis hin zur totalen Parotidektomie (Empfehlungsgrad A).
| Tumorstadium / Befund | Chirurgisches Vorgehen | Umgang mit N. facialis |
|---|---|---|
| Kleine, niedrig-maligne Karzinome (superfiziell) | Laterale Parotidektomie (wenn Saum gesunden Gewebes möglich) | Erhalt anstreben (Empfehlungsgrad B) |
| Fortgeschrittene Karzinome / High-grade | Totale Parotidektomie | Erhalt anstreben, sofern nicht infiltriert |
| Adenoid-zystisches Karzinom mit Nervinfiltration | Selektive Entfernung infiltrierter Äste oder adjuvante Radiotherapie | Resektion verbessert lokale Kontrolle |
Lymphknotenchirurgie (Neck Dissection)
Die Indikation zur Neck Dissection (ND) richtet sich nach dem klinischen N-Status und den Tumoreigenschaften:
- Therapeutische ND: Bei positivem zervikalen Lymphknotenbefund soll eine modifiziert radikale Dissektion erfolgen (Empfehlungsgrad A).
- Elektive ND: Bei High-grade-Histologien, T3/T4-Tumoren oder extraparenchymalem Wachstum soll eine elektive ND erfolgen (Empfehlungsgrad A).
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie bei benignen Parotistumoren zwingend auf eine Enukleation, da das Rezidivrisiko hoch ist. Nutzen Sie stattdessen die extrakapsuläre Dissektion unter konsequentem Einsatz von Neuromonitoring und Lupenbrille.