Mundhöhlenkarzinom Leitlinie: Diagnostik & Therapie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Tabak- und Alkoholkonsum sind die Hauptrisikofaktoren; eine routinemäßige HPV-Diagnostik hat keinen prognostischen Nutzen.
- •Jede über zwei Wochen bestehende unklare Schleimhautveränderung muss fachärztlich abgeklärt werden.
- •Zur Beurteilung des Primärtumors sollte eine CT oder MRT (bevorzugt bei Metallartefakten) vor der Biopsie erfolgen.
- •Bei klinisch unauffälligem Hals (cN0) soll unabhängig von der T-Kategorie eine elektive Neck Dissection durchgeführt werden.
- •Die chirurgische Resektion zielt auf tumorfreie Ränder ab (orientierend 10 mm klinisch, 3-5 mm histologisch).
Hintergrund
Das Mundhöhlenkarzinom macht etwa 5 % aller malignen Tumoren aus, wobei es sich zu 95 % um Plattenepithelkarzinome handelt. Die Hauptrisikofaktoren sind chronischer Tabak- und Alkoholabusus. Im Gegensatz zum Oropharynxkarzinom hat die HPV-Diagnostik beim Mundhöhlenkarzinom keinen validen Nutzen als prognostischer Faktor. HPV-positive Tumoren sollen daher nicht anders behandelt werden als Noxen-assoziierte Karzinome.
Primärdiagnostik
Die Früherkennung ist für die Prognose entscheidend. Die Untersuchung soll eine Inspektion der gesamten Mundschleimhaut beinhalten.
- soll: Alle Patienten mit einer mehr als zwei Wochen bestehenden unklaren Schleimhautveränderung unverzüglich zu einem Spezialisten überweisen.
- soll: Panendoskopie zum Ausschluss synchroner Zweittumoren nur bei spiegelbefundlich oder radiologisch auffälligen Befunden durchführen.
Bildgebende Verfahren
Zur Festlegung der lokalen Ausdehnung und zum Staging kommen verschiedene Verfahren zum Einsatz. Wichtig: Die Tumorbiopsie sollte erst nach der Schichtbildgebung erfolgen, um Verfälschungen des Kontrastmittelverhaltens zu vermeiden.
| Verfahren | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| CT oder MRT | Beurteilung des Primärtumors | MRT bevorzugt bei zu erwartenden Metallartefakten (z. B. Zahnfüllungen). |
| Panorama-Schichtaufnahme | Zahnärztliche Basisdiagnostik | Sollte vor Beginn der spezifischen Tumortherapie vorliegen. |
| CT oder MRT (Hals) | Lymphknoten-Staging (N-Kategorie) | Soll die gesamte Region von Schädelbasis bis oberer Thoraxapertur erfassen. |
| Thorax-CT | Ausschluss Fernmetastasen/Zweittumor | Soll bei fortgeschrittenen Stadien (III, IV) durchgeführt werden. |
| PET-CT | Rezidivverdacht | Hat keinen Stellenwert in der Primärdiagnostik der lokalen Ausdehnung. |
Biopsie und Histopathologie
Die Probeentnahme soll aus dem Randbereich (Progressionszone) des Tumors erfolgen und nicht aus dem nekrotischen Zentrum.
- soll: Bei unklarem Befund die Biopsie wiederholen.
- sollte: Histologisch ein Abstand vom Resektatrand zum Primärtumor am Formalin-fixierten Präparat von mindestens 3-5 mm eingehalten werden. Der klinische Orientierungswert beträgt 10 mm vom tastbaren Tumorrand.
- soll: Der histopathologische Befund muss Parameter wie Tumorlokalisation, Größe, Grading, Invasionstiefe, Gefäß-/Nerveninvasion und den R-Status umfassen.
Chirurgische Therapie
Die Behandlung soll interdisziplinär in Tumorboards geplant werden. Sofern der Allgemeinzustand es zulässt, sollte bei kurativ resektablen Karzinomen die Operation (ggf. mit sofortiger Rekonstruktion) erfolgen.
- sollte: Bei mikroskopisch verbliebenem Tumorrest (R1) eine gezielte Nachresektion erfolgen.
- sollte: Die Kontinuität des Unterkiefers erhalten bleiben, sofern kein Nachweis einer Knocheninvasion vorliegt.
Halslymphknotenausräumung (Neck Dissection)
Beim Mundhöhlenkarzinom kommt es in 20-40 % zu einer okkulten Metastasierung, meist in die Level I-III.
| Level | Bezeichnung | Anatomische Begrenzung |
|---|---|---|
| I (A/B) | Submentale / submandibuläre Knoten | Ventral/dorsal des vorderen Digastrikusbauches |
| II (A/B) | Obere juguläre Gruppe | Ventral/dorsal der V. jugularis |
| III | Mittlere juguläre Gruppe | Zwischen Zungenbein und Membrana cricothyroidea |
| IV | Untere juguläre Gruppe | Zwischen Membrana cricothyroidea und Clavicula |
| V (A/B) | Hinteres Halsdreieck | Zwischen SCM und Trapezius |
| VI | Anteriore prätracheale Gruppe | Zwischen Höhe des Hyoids und Jugulum |
Empfehlungen zur Neck Dissection:
- soll (Empfehlungsgrad A): Bei klinisch unauffälligem Lymphknotenstatus (cN0) unabhängig von der T-Kategorie eine elektive Neck Dissection (Level I-III) durchführen.
- kann: Beim cT1cN0-Karzinom des Oberkiefers auf eine Neck Dissection verzichtet werden, wenn der Tumor auf Alveolarfortsatz/harten Gaumen beschränkt ist, die Invasionstiefe <3 mm beträgt und eine engmaschige Nachsorge gesichert ist.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie die Biopsie des Tumors erst nach der Kontrastmittel-gestützten Bildgebung (CT/MRT) durch, um Verfälschungen des Kontrastmittelverhaltens zu vermeiden. Senden Sie das Präparat mit klarer anatomischer Faden- oder Farbmarkierung an die Pathologie.