Autismus-Spektrum-Störung (ASS): Diagnostik & Therapie
Hintergrund
Die SIGN-Leitlinie 145 behandelt die Erkennung, Diagnostik und Behandlung von Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) über die gesamte Lebensspanne. ASS ist eine komplexe Entwicklungsstörung, die durch Beeinträchtigungen in der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie durch stereotype Verhaltensweisen gekennzeichnet ist.
Die Prävalenz liegt bei etwa 1 Prozent der Bevölkerung, wobei Jungen deutlich häufiger diagnostiziert werden als Mädchen. Die Leitlinie betont, dass sich die Symptomatik je nach Alter, Geschlecht und intellektuellen Fähigkeiten stark unterscheiden kann.
Eine frühzeitige Diagnose und individuell angepasste Interventionen können Betroffenen helfen, ihr Potenzial bestmöglich auszuschöpfen. Dabei wird ein multidisziplinärer Ansatz unter Einbeziehung von Angehörigen und Betreuern als optimaler Weg beschrieben.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen:
Diagnostik
Laut Leitlinie wird für die Diagnose die Verwendung der aktuellen Version von ICD oder DSM empfohlen (starke Empfehlung). Ein populationsweites Screening auf ASS wird nicht empfohlen.
Stattdessen sollte im Rahmen der regulären Gesundheitsüberwachung auf Warnsignale geachtet werden. Bei Verdacht wird eine umfassende Beurteilung durch ein multidisziplinäres Team empfohlen.
Dabei sollte beachtet werden, dass Mädchen mit ASS ein anderes Symptomprofil aufweisen können als Jungen. Die Leitlinie empfiehlt folgende genetische Basisdiagnostik (First Tier) bei Verdacht auf ASS:
| Untersuchung | Indikation |
|---|---|
| Drei-Generationen-Familienanamnese | Alle Patienten |
| Klinische Untersuchung | Fokus auf dysmorphe Merkmale |
| Chromosomale Microarray-Analyse | Alle Patienten |
| DNA-Test auf Fragiles X | Routinemäßig nur bei männlichen Patienten |
Nicht-medikamentöse Therapie bei Kindern
Es wird empfohlen, elternvermittelte Interventionsprogramme für Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen in Betracht zu ziehen. Für die Unterstützung der Kommunikation können laut Leitlinie folgende Ansätze erwogen werden:
-
Picture Exchange Communication System (PECS)
-
Visuelle Umgebungsunterstützungen (z. B. Bilder oder Objekte)
-
Interventionen zur Förderung der sozialen Kommunikation
Bei Angststörungen bei Kindern mit durchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten kann eine kognitive Verhaltenstherapie (CBT) erwogen werden. Die Leitlinie rät strikt von der gestützten Kommunikation (Facilitated Communication) ab.
Nicht-medikamentöse Therapie bei Erwachsenen
Psychosoziale Interventionen sollten zur Behandlung von Begleiterkrankungen in Betracht gezogen werden. Auch bei Erwachsenen wird von der gestützten Kommunikation abgeraten.
Dosierung
Die Leitlinie nennt folgende medikamentöse Therapieoptionen für spezifische Begleitsymptome bei ASS:
| Wirkstoff | Indikation | Anmerkung |
|---|---|---|
| Atypische Antipsychotika (z. B. Risperidon, Aripiprazol) | Schwere Reizbarkeit und Hyperaktivität | Kurzzeitige Anwendung (8 Wochen); Überprüfung nach 3-4 Wochen empfohlen |
| Methylphenidat | Begleitende ADHS-Symptome | Testdosis zur Überprüfung der Verträglichkeit wird empfohlen |
| Melatonin | Therapieresistente Einschlafstörungen | Nur nach erfolgloser Verhaltenstherapie; regelmäßige Überprüfung erforderlich |
| Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) | Begleitende Depression oder Angststörung | Nicht zur Behandlung von ASS-Kernsymptomen empfohlen |
Kontraindikationen
Die Leitlinie rät ausdrücklich davon ab, Antipsychotika zur Behandlung der Kernsymptome von Autismus-Spektrum-Störungen bei Kindern und Jugendlichen einzusetzen. Ebenso wird der Einsatz von Sekretin zur Behandlung von ASS-Symptomen nicht empfohlen.
Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sollen nicht für die Kernsymptome (z. B. repetitive Verhaltensweisen) verwendet werden.
Die gestützte Kommunikation (Facilitated Communication) wird aufgrund ethischer Bedenken und fehlender Wirksamkeit bei allen Altersgruppen strikt abgelehnt.
💡Praxis-Tipp
Ein wichtiger Hinweis der Leitlinie ist, dass Mädchen mit ASS häufig andere Symptomprofile zeigen als Jungen und oft bessere Bewältigungsstrategien besitzen. Dies kann dazu führen, dass ASS bei Mädchen übersehen oder erst später diagnostiziert wird. Zudem wird betont, dass herausforderndes Verhalten oft auf mangelnde Fähigkeiten oder Umweltfaktoren zurückzuführen ist und als Bewältigungsstrategie des Individuums verstanden werden sollte.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie kann Autismus von erfahrenen Fachkräften bereits im Alter von 2 bis 3 Jahren zuverlässig diagnostiziert werden. Bei jüngeren Kindern können die typischen Verhaltensweisen noch unauffällig sein.
Ein populationsweites Screening auf Autismus-Spektrum-Störungen wird nicht empfohlen. Stattdessen wird eine erhöhte Wachsamkeit im Rahmen der regulären kindlichen Gesundheitsüberwachung angeraten.
Die Leitlinie stellt klar, dass es keine medikamentösen Therapien für die Kernsymptome von ASS gibt. Medikamente wie Antipsychotika oder Melatonin werden nur für spezifische Begleitsymptome wie Reizbarkeit oder Schlafstörungen empfohlen.
Es wird empfohlen, zunächst verhaltenstherapeutische Maßnahmen und eine gute Schlafhygiene anzuwenden. Erst wenn diese nicht ausreichen, kann ein Versuch mit Melatonin erwogen werden.
Die Leitlinie fand keine ausreichende Evidenz für den Nutzen von gluten- oder kaseinfreien Diäten zur Verbesserung der ASS-Symptomatik. Gastrointestinale Beschwerden sollten wie bei Kindern ohne ASS behandelt werden.
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Quelle: SIGN 145: Assessment, Diagnosis and Interventions for Autism Spectrum Disorders (SIGN, 2016). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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