Autismus-Spektrum-Störungen: Diagnostik & Komorbidität (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Die Prävalenz von Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) liegt aktuell bei etwa 0,9 bis 1,1 %.
- •Das Geschlechterverhältnis beträgt 2-3:1 (männlich zu weiblich), wobei Mädchen häufiger unerkannt bleiben.
- •Nach DSM-5 werden die bisherigen Subgruppen (z.B. Asperger) zu einer einzigen dimensionalen Diagnose (ASS) zusammengefasst.
- •Entwicklungsstörungen (Sprache, Motorik, Intelligenzminderung) sind die häufigsten komorbiden Störungen.
- •Es gibt keine generell erhöhte Delinquenzrate bei Personen mit ASS im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.
Hintergrund
Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) sind durch altersunabhängige Defizite in der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie durch eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster gekennzeichnet. Die Symptome bestehen von frühester Kindheit an und bleiben lebenslang präsent.
- Prävalenz: Aktuell wird von einer Prävalenz von 0,9 bis 1,1 % ausgegangen.
- Geschlechterverteilung: Das Verhältnis von Jungen zu Mädchen liegt bei ca. 2-3:1. Mädchen bleiben aufgrund besserer Anpassungsleistungen und Kompensationsmechanismen häufiger unerkannt oder erhalten die Diagnose später.
Klassifikation: ICD-10 vs. DSM-5
Während in Deutschland aktuell nach ICD-10 diagnostiziert wird, bringt das DSM-5 (und zukünftig die ICD-11) wesentliche konzeptionelle Änderungen mit sich. Die empirische Evidenz zeigt, dass sich Untergruppen (wie das Asperger-Syndrom) nicht verlässlich abgrenzen lassen.
| Merkmal | ICD-10 | DSM-5 |
|---|---|---|
| Kategorien | Frühkindlicher Autismus, Atypischer Autismus, Asperger-Syndrom u.a. | Eine einzige Diagnose: Autismus-Spektrum-Störung (ASS) |
| Symptom-Domänen | 3 (Interaktion, Kommunikation, stereotypes Verhalten) | 2 (Soziale Kommunikation/Interaktion, restriktive/repetitive Verhaltensweisen) |
| Schweregrade | Indirekt über die jeweilige Unterklassifikation | 3 Schweregrade je Domäne |
| Beginn | Vor dem 3. Lebensjahr (außer atypischer Autismus) | Frühe Kindheit (Manifestation ggf. erst bei höheren sozialen Anforderungen) |
Komorbide psychische und somatische Störungen
Entwicklungsstörungen bezüglich Sprache, Motorik und der kognitiven Entwicklung stellen die häufigsten komorbiden Störungen dar und liegen bei mehr als der Hälfte der Betroffenen vor.
Kinder und Jugendliche
| Störungsbereich | Häufige Komorbiditäten |
|---|---|
| Psychisch | ADHS (bis 45 %), Angststörungen (bis 62 %), oppositionelles Verhalten (bis 23 %) |
| Somatisch | Schlafstörungen (bis 61 %), Epilepsie (bis 24 %), gastrointestinale Probleme |
| Entwicklung | Intelligenzminderung (bis 76 %), motorische Störungen |
Erwachsene
Das Profil der Komorbiditäten bei Erwachsenen unterscheidet sich stark in Abhängigkeit von der kognitiven Leistungsfähigkeit:
- Ohne Intelligenzminderung: Sehr hohe Prävalenz von Persönlichkeitsstörungen, affektiven Störungen (Depressionen), Angststörungen, ADHS und Tic-Störungen.
- Mit Intelligenzminderung: Häufiges Auftreten von Problemverhalten (verbal/körperlich aggressiv, selbstverletzend) und Epilepsie.
Autismus und Delinquenz
Es besteht keine überproportional erhöhte Rate an Delinquenz bei Personen mit ASS im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.
- Die höchste Rate an delinquentem Verhalten innerhalb des Spektrums findet sich beim Asperger-Syndrom, liegt aber nicht über der von Kontrollgruppen.
- Wenn Straftaten auftreten, handeln diese häufiger von Gewalt gegen Personen in Auseinandersetzungen oder Straftaten im Schulkontext.
- Eigentumsdelikte und Verletzungen von Bewährungsauflagen kommen bei Jugendlichen mit ASS signifikant seltener vor.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei der Diagnostik besonders auf Mädchen: Aufgrund besserer Anpassungsleistungen und Kompensationsmechanismen bleiben sie häufiger unerkannt oder erhalten die Diagnose später als Jungen.