Borderline-Persönlichkeitsstörung: S3-Leitlinie (AWMF)
📋Auf einen Blick
- •Psychotherapie (z.B. DBT, MBT) ist die primäre Behandlungsmethode der Borderline-Persönlichkeitsstörung.
- •Medikamente sollen nicht als Primärtherapie eingesetzt werden und Polypharmazie ist zu vermeiden.
- •Die Diagnose kann und soll bei Erfüllung der Kriterien bereits ab 12 Jahren gestellt werden.
- •Die Behandlung soll primär im ambulanten Setting erfolgen.
- •Die Diagnose soll den Betroffenen und (bei Zustimmung) den Angehörigen transparent mitgeteilt werden.
Hintergrund
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) weist in der Allgemeinbevölkerung eine Prävalenz von ca. 0,7 bis 2,7 % auf. In klinischen Settings ist sie deutlich häufiger (ca. 10 % ambulant, 20 % stationär). Die Ätiologie wird durch ein bio-psycho-soziales Modell erklärt, welches genetische Vulnerabilitäten (z.B. Einschränkungen der Emotionsregulation) und soziale Risikofaktoren (z.B. traumatische Kindheitserfahrungen, Missbrauch, Vernachlässigung) umfasst. Entgegen früherer Annahmen remittieren viele BPS-Symptome (insbesondere Impulsivität) im Lauf des Lebens, jedoch bleiben psychosoziale Einschränkungen oft bestehen.
Diagnostik
Die fachgerechte Abklärung einer BPS soll bei wiederholtem suizidalen/selbstverletzenden Verhalten, erheblicher emotionaler Instabilität oder stark beeinträchtigtem Funktionsniveau erfolgen. Wichtig: Die Diagnose soll bei Erfüllung der Kriterien bereits bei Jugendlichen ab 12 Jahren gestellt werden, um frühzeitig spezifische Interventionen einzuleiten.
Screening-Instrumente
Zur ersten Einschätzung können validierte Screening-Fragebögen genutzt werden:
| Instrument | Dauer | Fokus |
|---|---|---|
| BSL-23 | 10 Min | Intrapsychische Belastung, Verlaufskontrolle |
| ADP-IV | 20 Min | Screening aller DSM-IV Persönlichkeitsstörungen |
| FGG | 5-10 Min | BPS-spezifische Gedanken und Gefühle |
Diagnosestellung
Die endgültige Diagnose soll durch eine sorgfältige klinische Diagnostik, idealerweise unterstützt durch halbstrukturierte Interviews, erfolgen:
| Instrument | Dauer (BPS-Teil) | Bemerkung |
|---|---|---|
| SKID-5-PD | ca. 20 Min | Nach DSM-5 Kriterien |
| DIPS | bis 30 Min | Open Access verfügbar (DSM-IV/ICD-10) |
| IPDE | ca. 20 Min | Nach ICD-10 Kriterien |
Sobald die Diagnose feststeht, soll sie den Betroffenen (und bei Zustimmung den Angehörigen) transparent mitgeteilt und erklärt werden, um Stigmatisierung abzubauen und Behandlungswege aufzuzeigen.
Therapie
Die Behandlung der BPS basiert primär auf strukturierter, störungsspezifischer Psychotherapie.
Psychotherapie
- Empfohlene Verfahren: Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) oder Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT), insbesondere wenn die Reduktion von selbstverletzendem oder suizidalem Verhalten im Fokus steht.
- Frequenz: Möglichst mindestens eine Sitzung pro Woche.
- Gruppentherapie: Wenn keine Einzeltherapie verfügbar ist, soll mit einer störungsspezifischen Gruppentherapie (z.B. DBT-Skillstraining) begonnen werden.
- Psychoedukation: Ist ein essenzieller Bestandteil der Therapie.
Medikation
Medikamente spielen in der BPS-Therapie eine stark untergeordnete Rolle. Es gelten folgende Grundsätze:
| Prinzip | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Primärtherapie | Nicht empfohlen | Medikamente sollen Psychotherapie nicht ersetzen |
| Polypharmazie | Vermeiden | So wenige Präparate wie möglich einsetzen |
| Krisenintervention | Zeitlich begrenzt | Nach Abklingen der Krise sofort absetzen |
| Abhängigkeitspotenzial | Verzicht | Keine Medikamente mit Suchtpotenzial |
| Toxizität | Zurückhaltung | Wegen Suizidrisiko keine bei Überdosierung tödlichen Präparate |
Hinweis: Komorbide Störungen (z.B. schwere Depression, ADHS) sollen nach den jeweiligen Leitlinien psychopharmakologisch mitbehandelt werden.
Versorgung und Setting
- Ambulant vor Stationär: Die Behandlung soll im Allgemeinen ambulant durchgeführt werden.
- Stationäre Behandlung: Sollte auf kurzzeitige Kriseninterventionen (z.B. akute Eigengefährdung) oder zeitlich definierte, störungsspezifische Programme beschränkt sein.
- Unspezifische Aufenthalte: Längere stationäre Aufenthalte ohne BPS-spezifisches Konzept sollen vermieden werden.
💡Praxis-Tipp
Kommunizieren Sie die BPS-Diagnose offen und entstigmatisierend mit dem Patienten. Verzichten Sie auf Polypharmazie und setzen Sie Medikamente bei BPS-Patienten nur äußerst restriktiv und zeitlich begrenzt ein.