FGM-Komplikationen: Leitlinie zur Behandlung (WHO)
📋Auf einen Blick
- •Die Medikalisierung von FGM durch medizinisches Personal ist unter keinen Umständen ethisch vertretbar.
- •Bei FGM Typ III wird die Deinfibulation zur Prävention und Behandlung von geburtshilflichen und urologischen Komplikationen stark empfohlen.
- •Die Deinfibulation kann zur Erleichterung der Geburt entweder antepartum oder intrapartum durchgeführt werden.
- •Kognitive Verhaltenstherapie (CBT) sollte bei diagnostizierten Angststörungen, Depressionen oder PTBS in Betracht gezogen werden.
- •Vor chirurgischen Eingriffen zur Korrektur von FGM-Komplikationen muss psychologische Unterstützung angeboten werden.
Hintergrund
Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) umfasst alle Eingriffe, die eine teilweise oder vollständige Entfernung der äußeren weiblichen Genitalien oder andere Verletzungen der weiblichen Geschlechtsorgane aus nicht-medizinischen Gründen beinhalten. FGM hat keinerlei gesundheitliche Vorteile und führt zu schwerwiegenden kurz- und langfristigen Komplikationen.
Die WHO klassifiziert FGM in vier Typen:
| Typ | Beschreibung |
|---|---|
| Typ I | Partielle oder totale Entfernung der Klitoris (Klitoridektomie) und/oder der Vorhaut |
| Typ II | Partielle oder totale Entfernung der Klitoris und der kleinen Schamlippen (Exzision) |
| Typ III | Verengung des Vaginaleingangs durch Durchtrennung und Aneinanderlegen der Schamlippen (Infibulation) |
| Typ IV | Alle anderen schädlichen Eingriffe (z. B. Stechen, Piercen, Einschneiden, Kauterisieren) |
Gesundheitsrisiken durch FGM
Frauen und Mädchen mit FGM leiden häufig unter vielfältigen Beschwerden:
| Kategorie | Mögliche Komplikationen |
|---|---|
| Unmittelbar | Hämorrhagie, Schock, Gewebeschwellung, akute Infektionen, Harnverhalt |
| Geburtshilflich | Kaiserschnitt, postpartale Blutung (>500 ml), Episiotomie, verlängerte Wehen, Dammrisse, Totgeburten |
| Urologisch & Langzeit | Rezidivierende Harnwegsinfekte (HWI), chronische Schmerzen, Menstruationsbeschwerden |
| Psychologisch | Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Angststörungen, Depressionen |
| Sexuell | Dyspareunie, verminderte sexuelle Zufriedenheit, reduzierte Lubrikation |
Leitprinzipien der WHO
- Mädchen und Frauen mit FGM haben eine schädliche Praxis erlitten und müssen eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung erhalten.
- Alle Akteure müssen Maßnahmen zur Primärprävention von FGM ergreifen.
- Die Medikalisierung von FGM ist niemals akzeptabel. Die Durchführung durch medizinisches Personal verstößt gegen die medizinische Ethik, da die Risiken jeden vermeintlichen Nutzen überwiegen und die Praxis dadurch aufrechterhalten wird.
Deinfibulation bei FGM Typ III
Die Deinfibulation ist ein kleiner chirurgischer Eingriff zur Wiedereröffnung des Vaginaleingangs bei Frauen mit FGM Typ III.
| Indikation | Empfehlung | Evidenzgrad |
|---|---|---|
| Geburtshilfliche Komplikationen | Deinfibulation zur Prävention und Behandlung | Starke Empfehlung |
| Erleichterung der Geburt | Antepartum oder intrapartum je nach Kontext | Bedingte Empfehlung |
| Urologische Komplikationen | Prävention/Behandlung von rezidivierenden HWI & Harnverhalt | Starke Empfehlung |
Zeitpunkt der Deinfibulation zur Geburt
Da die geburtshilflichen Ergebnisse bei ante- und intrapartaler Deinfibulation vergleichbar sind, sollte die Entscheidung basierend auf folgenden Faktoren getroffen werden:
- Präferenz der Frau: Für optimale ästhetische Ergebnisse und Heilung ist die antepartale Deinfibulation zu bevorzugen.
- Zugang zu Kliniken: Bei zu erwartenden Verzögerungen auf dem Weg zur Klinik sollte antepartal deinfibuliert werden.
- Geburtsort: Bei häufigen Hausgeburten oder hoher Auslastung der Klinik ist die antepartale Durchführung sicherer.
- Erfahrung des Personals: Intrapartale Gewebeödeme können den Eingriff erschweren. Bei unerfahrenem Personal ist die antepartale Deinfibulation vorzuziehen.
Best Practice für die Deinfibulation
- Präoperative Aufklärung: Patientinnen müssen über zu erwartende anatomische und physiologische Veränderungen (z. B. schnelleres Wasserlassen, vermehrter Ausfluss) aufgeklärt werden.
- Lokalanästhesie: Der Eingriff sollte stets unter Lokalanästhesie erfolgen (Ausnahme: lebensbedrohliche Notfälle unter der Geburt, falls keine Anästhesie verfügbar ist).
Psychische Gesundheit
FGM stellt einen massiven psychologischen Stressor dar.
- Kognitive Verhaltenstherapie (CBT): Sollte bei Mädchen und Frauen mit FGM in Betracht gezogen werden, die Symptome von Angststörungen, Depressionen oder PTBS aufweisen (Bedingte Empfehlung). Voraussetzung ist eine gesicherte psychiatrische Diagnose und geschultes Personal.
- Psychologische Unterstützung: Muss für alle Patientinnen verfügbar sein, die sich einem chirurgischen Eingriff zur Korrektur von FGM-Komplikationen unterziehen, da solche Eingriffe das ursprüngliche Trauma reaktivieren können.
Sexuelle Gesundheit und Aufklärung
- Sexuelle Beratung: Wird zur Prävention oder Behandlung von weiblichen sexuellen Funktionsstörungen bei Frauen mit FGM empfohlen (Bedingte Empfehlung).
- Gesundheitsaufklärung: Gesundheitsdienstleister müssen klare, verständliche und akkurate Informationen über FGM, die verschiedenen Typen und die damit verbundenen Gesundheitsrisiken vermitteln. Dabei muss unmissverständlich kommuniziert werden, dass eine Medikalisierung inakzeptabel ist.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie vor einer Deinfibulation immer ein ausführliches Aufklärungsgespräch über die zu erwartenden anatomischen und physiologischen Veränderungen (z. B. schnelleres Wasserlassen, veränderter Ausfluss), um Ängste zu nehmen und die Adhärenz zu fördern.