Weibliche Genitalverstümmelung (FGM): Deinfibulation
Hintergrund
Die WHO-Leitlinie (2023) adressiert das Management von gesundheitlichen Komplikationen durch weibliche Genitalverstümmelung (FGM). Weltweit sind über 200 Millionen Mädchen und Frauen von den physischen und psychischen Folgen dieser Praxis betroffen.
FGM hat keinerlei medizinischen Nutzen und stellt eine schwere Verletzung der Menschenrechte dar. Die Entfernung oder Beschädigung gesunden Genitalgewebes führt zu vielfältigen akuten und chronischen urogenitalen, geburtshilflichen sowie psychologischen Risiken.
Ein zentrales Anliegen der Leitlinie ist die Bekämpfung der Medikalisierung von FGM. Es wird nachdrücklich betont, dass die Durchführung von FGM durch medizinisches Personal unter allen Umständen unethisch und inakzeptabel ist.
Empfehlungen
Klassifikation
Die Leitlinie teilt FGM in vier Haupttypen ein:
| FGM-Typ | Beschreibung |
|---|---|
| Typ I | Partielle oder vollständige Entfernung der Klitoris und/oder der Klitorisvorhaut |
| Typ II | Partielle oder vollständige Entfernung der Klitoris und der kleinen Schamlippen |
| Typ III | Infibulation: Verengung des Vaginaleingangs durch Aneinanderlegen der Schamlippen |
| Typ IV | Alle anderen schädlichen Eingriffe (z.B. Stechen, Piercen, Einschneiden) |
Deinfibulation bei Typ III
Laut Leitlinie wird die Deinfibulation zur Prävention und Behandlung geburtshilflicher Komplikationen empfohlen (starke Empfehlung, sehr niedrige Evidenz). Um die Geburt zu erleichtern, kann der Eingriff je nach Kontext antepartum oder intrapartum erfolgen (bedingte Empfehlung).
Zudem wird die Deinfibulation zur Behandlung urologischer Komplikationen wie rezidivierenden Harnwegsinfekten und Harnverhalt empfohlen (starke Empfehlung). Vor dem Eingriff sollte gemäß Leitlinie eine ausführliche Aufklärung über anatomische Veränderungen erfolgen.
Die Leitlinie hält fest, dass die Deinfibulation grundsätzlich unter Lokalanästhesie durchgeführt werden sollte. In ressourcenschwachen Notfallsituationen unter der Geburt kann sie jedoch auch ohne Anästhesie zur Abwendung lebensbedrohlicher Zustände erfolgen.
Psychologische und sexuelle Gesundheit
Mädchen und Frauen mit FGM weisen ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen auf. Die Leitlinie formuliert hierzu folgende Empfehlungen:
-
Kognitive Verhaltenstherapie (CBT) sollte bei Symptomen von Angststörungen, Depressionen oder posttraumatischer Belastungsstörung (PTSD) erwogen werden (bedingte Empfehlung).
-
Bei chirurgischen Eingriffen zur Korrektur von FGM-Komplikationen sollte stets psychologische Unterstützung angeboten werden.
-
Zur Prävention oder Behandlung weiblicher sexueller Dysfunktion wird eine Sexualberatung empfohlen (bedingte Empfehlung).
Aufklärung und Kommunikation
Es wird empfohlen, betroffenen Frauen gesundheitliche Aufklärungsangebote zu FGM und Deinfibulation bereitzustellen. Die Leitlinie betont, dass medizinisches Personal klare, korrekte und kultursensible Informationen vermitteln muss, um eine informierte Entscheidungsfindung zu ermöglichen.
💡Praxis-Tipp
Ein zentraler Warnhinweis der Leitlinie betrifft die Medikalisierung von FGM. Es wird strengstens davor gewarnt, FGM oder Re-Infibulationen nach einer Entbindung als medizinisches Personal selbst durchzuführen, auch nicht als vermeintliche Maßnahme zur Schadensbegrenzung. Die Leitlinie stellt klar, dass dies einen Verstoß gegen die medizinische Ethik darstellt und die Praxis der Genitalverstümmelung legitimiert.
Häufig gestellte Fragen
Laut Leitlinie kann die Deinfibulation entweder antepartum oder intrapartum erfolgen. Die Entscheidung sollte basierend auf der Präferenz der Frau, dem Zugang zu Gesundheitseinrichtungen und der Erfahrung des medizinischen Personals getroffen werden.
Die Leitlinie empfiehlt den Einsatz der kognitiven Verhaltenstherapie (CBT) bei diagnostizierten Angststörungen, Depressionen oder posttraumatischer Belastungsstörung. In ressourcenschwachen Settings können laut Leitlinie auch alternative Stressbewältigungstechniken durch geschulte Gesundheitshelfer angeboten werden.
Die Leitlinie spricht aufgrund mangelnder Evidenz und hoher Komplikationsraten derzeit keine Empfehlung für die Klitorisrekonstruktion aus. Stattdessen wird primär eine Sexualberatung zur Behandlung sexueller Dysfunktionen empfohlen.
Es wird eine Deinfibulation zur Prävention und Behandlung urologischer Komplikationen wie Harnverhalt und wiederkehrenden Harnwegsinfekten empfohlen. Die Leitlinie stuft dies als starke Empfehlung ein, um schwerwiegende Folgeerkrankungen zu vermeiden.
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Quelle: WHO Guidelines on the Management of Health Complications from Female Genital Mutilation (WHO, 2023). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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