Laborsicherheit: WHO-Leitlinie zur Biosafety (LBM4)
📋Auf einen Blick
- •Die LBM4-Leitlinie etabliert einen risiko- und evidenzbasierten Ansatz für die biologische Sicherheit, der den starren 'One size fits all'-Ansatz ablöst.
- •Ein zentraler Fokus liegt auf der Good Microbiological Practice and Procedure (GMPP).
- •Risikobewertungen müssen in fünf standardisierten Schritten erfolgen: Informationen sammeln, Risiken bewerten, Strategie entwickeln, Maßnahmen implementieren und überprüfen.
- •Neben biologischen Gefahren müssen auch physische (Feuer, Strom) und chemische Risiken systematisch bewertet werden.
- •Für 'Man-down'-Situationen (kollabierte Personen) gelten strikte, gefahrenspezifische Rettungsprotokolle.
Hintergrund
Die 4. Ausgabe des WHO Laboratory Biosafety Manuals (LBM4) führt einen risiko- und evidenzbasierten Ansatz für die biologische Sicherheit ein. Dieser ersetzt den bisherigen "One size fits all"-Ansatz und fokussiert sich auf die tatsächlichen Tätigkeiten und nicht nur auf den Erreger. Ein zentraler Bestandteil ist die Good Microbiological Practice and Procedure (GMPP), welche die Kompetenz und Fähigkeiten des Laborpersonals in den Vordergrund stellt.
Expositionswege von Pathogenen
Je nach Probenart bestehen unterschiedliche Übertragungswege im Laboralltag:
| Übertragungsweg | Probenart (Beispiele) | Typische Erreger |
|---|---|---|
| Blutübertragen (intravenös) | Vollblut, Serum, Gewebe, Sputum | HIV, HBV, HCV, Plasmodium falciparum, Tollwut |
| Tröpfchen/Aerosole (Inhalation) | Atemwegslavage, Sputum, Abstriche | M. tuberculosis, B. anthracis, Influenza, SARS-CoV-2 |
| Fäkal-oral (Ingestion) | Stuhl, Urin, Lebensmittelproben | E. coli, Salmonella spp., Vibrio cholerae |
| Hautkontakt | Stuhl, Urin, Abstriche, Gewebe | HSV, Staphylococcus aureus, Clostridium tetani |
Der Risikobewertungsprozess
Die Risikobewertung ist ein standardisierter, schrittweiser Prozess zur Identifikation und Kontrolle von Gefahren:
- 1. Informationen sammeln: Identifikation der biologischen Arbeitsstoffe, Verfahren und Ausrüstung.
- 2. Risiken bewerten: Beurteilung der Wahrscheinlichkeit und der Konsequenzen einer Exposition.
- 3. Kontrollstrategie entwickeln: Festlegung der Ressourcen und anwendbaren Strategien.
- 4. Maßnahmen auswählen und implementieren: Umsetzung von physischen und operativen Kontrollen.
- 5. Überprüfung: Regelmäßige Reevaluation bei Änderungen von Verfahren oder Personal.
Physische und chemische Risiken
Neben biologischen Gefahren müssen auch physische und chemische Risiken bewertet werden:
| Gefahrenquelle | Risiko | Präventionsmaßnahme |
|---|---|---|
| Druckgase (O2, N2, CO2) | Explosion, Asphyxie | Zylinder anketten, gute Belüftung, Sauerstoffmonitoring |
| Flüssigstickstoff / Trockeneis | Erfrierungen, Asphyxie, Explosion | Thermohandschuhe, Gesichtsschutz, nie in geschlossenen Behältern lagern |
| Feuer / Rauch | Asphyxie durch toxische Gase | Rauchmelder, Fluchtwege freihalten, jährliche Brandschutzübungen |
| Elektrizität | Stromschlag, Kurzschluss | Keine Überlastung von Schaltkreisen, regelmäßige Wartung |
Notfallmanagement ("Man-down" Situationen)
Bei kollabierten oder bewusstlosen Personen im Labor gelten strikte Vorgehensweisen:
| Situation | Erste Maßnahme | Spezifische Aktion |
|---|---|---|
| Biologischer/Chemischer Spill | Hilfe rufen, Behälter schließen | Person aus dem Labor ziehen (ggf. mit Hängematte), Kontaminierte PSA entfernen |
| Rauch/Feuer | Hilfe rufen, Feuerwehr alarmieren | Person mit N95-Maske und Handschuhen aus dem Raum retten |
| Gasleck (CO2, N2) | Tür zur Belüftung offenhalten | Eine Minute warten bis Gas verfliegt, dann Person bergen |
| Stromschlag | Stromquelle abschalten | Kontakt zwischen Person und Stromquelle mit nicht-leitendem Gegenstand trennen |
Spezifische Labortypen und Mitigation
Für verschiedene Fachbereiche gelten spezifische Mitigationsstrategien:
- Virologie: Arbeiten mit infektiösen Proben immer in einer zertifizierten Biological Safety Cabinet (BSC). Bei Zentrifugation Sicherheitsdeckel verwenden.
- Bakteriologie: Verzicht auf offene Flammen in der BSC (Ersatz durch elektrische Sterilisatoren). Glas durch Einwegplastik ersetzen.
- Parasitologie/Entomologie: Mikroskopie auf ebenen Flächen, Insektarien mit Schleusen (Ante-Room) und Netzen sichern.
- Hämatologie: Röhrchen in aufrechter Position im Rack öffnen, nicht auf Personen richten.
💡Praxis-Tipp
Lagern Sie Flüssigstickstoff oder Trockeneis niemals in dicht verschlossenen Behältern, da der Druckaufbau zu einer Explosion führen kann. Führen Sie bei einem 'Man-down'-Notfall immer zuerst eine Gefahrenbeurteilung durch, bevor Sie den Raum betreten.