Kontrazeption bei hohem HIV-Risiko: WHO-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Frauen mit hohem HIV-Risiko können alle hormonellen Kontrazeptiva und Intrauterinpessare (IUDs) ohne Einschränkung nutzen (MEC-Kategorie 1).
- •Die ECHO-Studie zeigte keinen signifikanten Unterschied in der HIV-Aquisition zwischen DMPA (Dreimonatsspritze), Kupfer-IUD und LNG-Implantat.
- •Hormonelle Methoden und IUDs schützen nicht vor HIV oder anderen STIs; die zusätzliche Nutzung von Kondomen bleibt essenziell.
- •Familienplanung und HIV/STI-Präventionsangebote (inklusive PrEP) sollten dringend integriert werden.
Hintergrund
Der Zugang zu sicheren und effektiven Kontrazeptionsmethoden ist für Frauen mit einem hohen Risiko für eine HIV-Infektion essenziell. In der Vergangenheit gab es aufgrund von Beobachtungsstudien Bedenken, dass bestimmte hormonelle Kontrazeptiva (insbesondere Depot-Medroxyprogesteronacetat, DMPA) das Risiko einer HIV-Aquisition erhöhen könnten. Basierend auf neuen, hochqualitativen Daten hat die WHO ihre Leitlinien aktualisiert und medizinische Barrieren für die Verhütung abgebaut.
Medical Eligibility Criteria (MEC)
Die WHO klassifiziert die medizinische Eignung von Kontrazeptiva in vier Kategorien:
| Kategorie | Bedeutung | Klinische Handlungsempfehlung |
|---|---|---|
| 1 | Keine Einschränkung | Methode kann unter allen Umständen angewendet werden |
| 2 | Vorteile überwiegen | Methode kann generell angewendet werden |
| 3 | Risiken überwiegen | Methode in der Regel nicht empfohlen, außer es gibt keine Alternativen |
| 4 | Inakzeptables Risiko | Methode darf nicht angewendet werden |
Empfehlungen zur Kontrazeption
Für Frauen mit hohem HIV-Risiko gelten nun alle hormonellen Methoden und Intrauterinpessare (IUDs) als MEC-Kategorie 1. Sie können ohne Einschränkung angewendet werden.
| Methode | Beispiele | MEC-Kategorie | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Gestagen-Monopräparate | POP, DMPA (i.m./s.c.), NET-EN, LNG/ETG-Implantate | 1 | Keine Einschränkung |
| Intrauterinpessare (IUD) | Cu-IUD, LNG-IUD | 1 | Bei zusätzlichem STI-Risiko: STI-Screening vor Einlage beachten |
| Kombinierte hormonelle Kontrazeptiva | COC, CIC, Pflaster, Vaginalring | 1 | Keine Einschränkung |
- Wichtig: Weder hormonelle Kontrazeptiva noch IUDs schützen vor HIV oder anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI).
- Bei bestehendem STI/HIV-Risiko wird die korrekte und konsistente Nutzung von Kondomen (männlich oder weiblich) dringend empfohlen.
Evidenzgrundlage (ECHO-Studie)
Die Änderung der Empfehlungen basiert primär auf der ECHO-Studie (Evidence for Contraceptive Options and HIV Outcomes). Diese randomisierte, klinische Studie (RCT) mit 7.829 Frauen untersuchte die HIV-Inzidenz unter drei Methoden:
- DMPA intramuskulär
- Kupfer-IUD
- Levonorgestrel (LNG)-Implantat
Kernaussage: Es gab keinen statistisch signifikanten Unterschied in der HIV-Aquisition zwischen diesen drei Methoden. Frühere Beobachtungsstudien, die ein erhöhtes Risiko unter DMPA suggerierten, waren höchstwahrscheinlich durch ungemessene Störfaktoren (Confounding) verzerrt.
Klinisches Management und Prävention
Das Risiko einer HIV-Infektion darf die Wahl der Kontrazeption nicht einschränken. Dennoch zeigte die ECHO-Studie eine alarmierend hohe HIV- und STI-Inzidenz bei Frauen, die Familienplanungsdienste in Anspruch nehmen.
- Integration von Services: Familienplanung und HIV/STI-Prävention müssen integriert werden.
- PrEP: In Hochprävalenzgebieten sollte allen Frauen eine Präexpositionsprophylaxe (PrEP) angeboten werden.
- Testung: Routinemäßiges HIV- und STI-Screening sollte Teil der gynäkologischen Versorgung von Risikopatientinnen sein.
💡Praxis-Tipp
Klären Sie Patientinnen darüber auf, dass hormonelle Verhütung und Spiralen das HIV-Risiko weder erhöhen noch davor schützen. Bieten Sie bei hohem Risiko aktiv Kondome und in Hochprävalenzgebieten eine PrEP an.