Cabotegravir (CAB-LA) zur HIV-PrEP: WHO-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •CAB-LA wird als zusätzliche PrEP-Option für Personen mit erheblichem HIV-Risiko empfohlen.
- •Die Dosierung beträgt 600 mg intramuskulär, initial im Abstand von 4 Wochen, danach alle 8 Wochen.
- •In Studien zeigte CAB-LA eine 79%ige Risikoreduktion im Vergleich zur oralen PrEP, primär durch bessere Adhärenz.
- •Vor jeder Injektion muss zwingend ein HIV-Test erfolgen, um Resistenzen bei unerkannter Infektion zu vermeiden.
- •Bei behandlungsbedürftiger Hepatitis B ist eine TDF-basierte orale PrEP vorzuziehen.
Hintergrund
Die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) ist ein zentraler Baustein der HIV-Prävention. Bisher empfahl die WHO die orale PrEP (TDF-basiert) sowie den Dapivirin-Vaginalring (DVR). Da die tägliche Tabletteneinnahme für viele Anwender eine Hürde darstellt, wurde langwirksames injizierbares Cabotegravir (CAB-LA) als neue Methode evaluiert. Die vorliegende WHO-Leitlinie bewertet die Evidenz und gibt Empfehlungen zum Einsatz von CAB-LA.
Empfehlung und Dosierung
Die WHO spricht eine bedingte Empfehlung (moderate Evidenz) aus: Langwirksames injizierbares Cabotegravir (CAB-LA) kann als zusätzliche Präventionsoption für Personen mit erheblichem HIV-Infektionsrisiko im Rahmen von Kombinationspräventionsansätzen angeboten werden.
CAB-LA ist ein Integrase-Strangtransfer-Inhibitor (INSTI). Das Dosierungsschema gestaltet sich wie folgt:
| Phase | Zeitpunkt | Dosis und Applikation |
|---|---|---|
| Initialphase | Monat 0 und Monat 1 (4 Wochen Abstand) | 600 mg intramuskulär |
| Erhaltungsphase | Alle 8 Wochen | 600 mg intramuskulär |
Wirksamkeit und Adhärenz
Zwei große randomisierte kontrollierte Studien (HPTN 083 und HPTN 084) zeigten eine hohe Wirksamkeit von CAB-LA.
| Parameter | CAB-LA | Orale PrEP (TDF/FTC) |
|---|---|---|
| Relative Risikoreduktion | 79 % (gepoolt) | Referenz |
| Adhärenz (Studien) | > 92 % der Injektionen zeitgerecht | Häufig unzureichend (< 2 Dosen/Woche) |
Die Überlegenheit von CAB-LA in den Studien wird primär auf die deutlich bessere Adhärenz bei der Injektionstherapie im Vergleich zur täglichen Tabletteneinnahme zurückgeführt.
Sicherheit und Nebenwirkungen
CAB-LA gilt als sicher und gut verträglich. Schwere unerwünschte Ereignisse traten in den Studien bei nur 2 bis 5,3 % der Teilnehmer auf und unterschieden sich nicht signifikant von der Kontrollgruppe.
- Reaktionen an der Einstichstelle (ISR): Sehr häufig (bis zu 81,5 % in HPTN 083), jedoch meist mild. Die Raten nahmen im Studienverlauf ab. Abbrüche aufgrund von ISR waren selten (2,4 %).
- Gewichtszunahme: In einer Studie wurde eine leicht erhöhte jährliche Gewichtszunahme unter CAB-LA beobachtet (1,23 kg vs. 0,37 kg unter TDF/FTC).
- Hepatotoxizität: In seltenen Fällen wurde Hepatotoxizität berichtet. Bei bestätigter Hepatotoxizität sollte CAB-LA abgesetzt werden.
Diagnostik und Monitoring
Ein zentrales Risiko bei der Anwendung von CAB-LA ist die Entwicklung von INSTI-Resistenzen (z. B. Kreuzresistenzen gegen Dolutegravir), falls die PrEP bei einer unerkannten HIV-Infektion fortgeführt wird oder eine Infektion in der pharmakokinetischen "Tail"-Phase (nach Absetzen) auftritt.
| Maßnahme | Zeitpunkt | Empfehlung der WHO |
|---|---|---|
| HIV-Test | Vor Initiierung & vor jeder Injektion | Nationale Testalgorithmen (Serologie) nutzen. NAT kann erwogen werden, ist aber nicht zwingend. |
| HBV/HCV-Serologie | Vor Initiierung | Bei behandlungsbedürftiger HBV-Infektion ist eine TDF-basierte orale PrEP zu bevorzugen. |
| Leberwerte (ALT) | Vor und während der Nutzung | Injektionen nicht wegen ausstehender Laborwerte verzögern. |
Spezielle Patientengruppen
- Hepatitis B (HBV): CAB-LA ist nicht gegen HBV wirksam. Personen, die eine HBV-Therapie benötigen, sollten eine TDF-basierte orale PrEP erhalten.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Bisherige, limitierte Daten zeigen keine erhöhten Raten an angeborenen Fehlbildungen oder schwangerschaftsbedingten Komplikationen. Eine Anwendung kann unter Monitoring erwogen werden.
- Schlüsselpopulationen: Die Studien schlossen MSM, Transfrauen und Cis-Frauen ein. Daten zu Personen, die Drogen injizieren (PWID), und Sexarbeitenden fehlen bislang weitgehend, ein Einsatz ist jedoch prinzipiell möglich.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie zwingend vor jeder einzelnen CAB-LA-Injektion einen HIV-Test durch. Verzögern Sie die Injektionen jedoch nicht wegen ausstehender Leberwerte, um den PrEP-Schutz lückenlos aufrechtzuerhalten.