Lenacapavir zur HIV-PrEP: Neue WHO-Leitlinie 2025
📋Auf einen Blick
- •Lenacapavir (LEN) wird als zusätzliche langwirksame HIV-PrEP (alle 26 Wochen subkutan) stark empfohlen.
- •Die Initiierung erfordert eine orale Aufsättigungsdosis (600 mg an Tag 1 und 2) parallel zur ersten Injektion.
- •HIV-Schnelltests (RDTs) werden für die Initiierung und Verlaufskontrolle der langwirksamen PrEP anstelle von NAT empfohlen.
- •LEN zeigt eine sehr hohe Wirksamkeit bei ähnlichem Sicherheitsprofil wie orale PrEP, jedoch mit häufigen lokalen Injektionsreaktionen.
- •Es gibt keine klinisch relevanten Wechselwirkungen mit geschlechtsangleichender Hormontherapie oder hormonellen Kontrazeptiva.
Hintergrund
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt in ihrer Leitlinie von 2025 den Einsatz von Lenacapavir (LEN) als zusätzliche Option zur HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP).
- Starke Empfehlung, moderate bis hohe Evidenz: Langwirksames injizierbares Lenacapavir sollte als zusätzliche Präventionsoption für Personen mit HIV-Risiko im Rahmen von Kombinationspräventionsansätzen angeboten werden.
Die Empfehlung basiert auf den Studien PURPOSE 1 und PURPOSE 2, in denen LEN eine signifikante Reduktion der HIV-Akquisition im Vergleich zur Hintergrundinzidenz (96-100 % Wirksamkeit) und zur täglichen oralen PrEP (89-100 % Wirksamkeit) zeigte.
Dosierung und Verabreichung
Lenacapavir ist ein HIV-1-Kapsidinhibitor. Die Verabreichung erfolgt subkutan, erfordert jedoch eine initiale orale Aufsättigung.
| Stufe | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| Tag 1 | 600 mg oral (2x 300 mg) + 927 mg s.c. (2x 1,5 ml) | Orale Aufsättigung und erste Injektion am selben Tag |
| Tag 2 | 600 mg oral (2x 300 mg) | Abschluss der oralen Aufsättigung |
| Erhaltung | 927 mg s.c. (2x 1,5 ml) alle 26 Wochen | Zeitfenster: +/- 2 Wochen um den geplanten Termin |
Wenn ein Patient nach mehr als 28 Wochen zur Erhaltungsinjektion erscheint und LEN fortsetzen möchte, muss die orale Aufsättigung (Tag 1 und 2) wiederholt werden.
Wirksamkeit und Sicherheit
Das Sicherheitsprofil von LEN ist vergleichbar mit dem der oralen PrEP (TDF/FTC).
- Injektionsstellenreaktionen (ISRs): Treten häufig auf (z. B. Knötchen, Schmerzen, Erytheme), sind jedoch meist mild und nehmen im Laufe der Zeit ab.
- Schwangerschaft: Bisherige Daten zeigen keine Zunahme von unerwünschten Schwangerschafts- oder Geburtsausgängen. Eine Dosisanpassung während der Schwangerschaft ist nicht erforderlich.
- Resistenzen: Bei Durchbruchsinfektionen kann es zu Kapsidinhibitor-Resistenzmutationen (N74D) kommen. Da LEN "First-in-Class" ist, wird der aktuelle Public-Health-Impact als gering eingeschätzt.
- Pharmakokinetischer Tail: LEN kann bis zu 12 Monate nach der letzten Injektion im Körper verbleiben. Bei Absetzen muss eine alternative HIV-Prävention angeboten werden, um Resistenzen in dieser Phase zu vermeiden.
HIV-Teststrategien für langwirksame PrEP
Die WHO spricht eine starke Empfehlung (sehr niedrige Evidenz) für die Verwendung von HIV-Schnelltests (RDTs) aus:
- Empfehlung: RDTs können für die Initiierung, Fortführung und Beendigung der langwirksamen PrEP (LA-PrEP) verwendet werden.
- Vorteile: RDTs sind kostengünstiger, ermöglichen schnellere Ergebnisse (Same-Day-Initiierung) und reduzieren Barrieren im Vergleich zu Nukleinsäuretests (NAT) oder laborbasierten Verfahren.
- HIV-Selbsttests (HIVST): Für LA-PrEP gibt es derzeit noch unzureichende Evidenz für eine formelle Empfehlung, sie bleiben jedoch für orale PrEP und PEP empfohlen.
Arzneimittelinteraktionen
Lenacapavir wird minimal metabolisiert, ist jedoch ein moderater Inhibitor von CYP3A4.
| Wirkstoffklasse | Wirkstoffe | Interaktion & Management |
|---|---|---|
| Tuberkulostatika | Rifampicin, Rifabutin, Rifapentin | Induktion von CYP3A4 reduziert LEN-Spiegel. Dosisanpassung/Vermeidung erforderlich. |
| Antikonvulsiva | Carbamazepin, Phenobarbital, Phenytoin | Induktion von CYP3A4 reduziert LEN-Spiegel. Dosisanpassung/Vermeidung erforderlich. |
| Freizeitdrogen | Ketamin | LEN erhöht Ketamin-Spiegel (Gefahr von Atemdepression). |
| PDE-5-Hemmer | Sildenafil, Tadalafil, Vardenafil | LEN erhöht Spiegel der PDE-5-Hemmer. |
| Geschlechtsangleichende Hormone | Estradiol, Testosteron | Keine klinisch relevante Interaktion. Keine Dosisanpassung nötig. |
| Hormonelle Kontrazeptiva | Ethinylestradiol, Levonorgestrel u.a. | Keine klinisch relevante Interaktion. Keine Dosisanpassung nötig. |
💡Praxis-Tipp
Achten Sie strikt auf das Zeitfenster von +/- 2 Wochen für die Erhaltungsinjektionen. Klären Sie Patienten über den 'pharmakokinetischen Tail' auf: Bei Absetzen von Lenacapavir muss zwingend eine alternative PrEP verordnet werden, da der Wirkstoff noch bis zu 12 Monate subtherapeutisch im Körper verbleibt.