STI-Leitlinie 2026: Diagnostik & Therapie (WHO)
📋Auf einen Blick
- •Die syndromische Therapie bleibt in ressourcenlimitierten Settings essenziell, sollte aber durch ätiologische Diagnostik (NAAT) ergänzt werden.
- •Alle schwangeren Frauen müssen beim ersten Vorsorgetermin routinemäßig auf Syphilis getestet werden.
- •Die First-Line-Therapie der unkomplizierten Gonorrhö besteht aus 1 g Ceftriaxon i.m. als Einzeldosis.
- •Partner-Management ist ein essenzieller Bestandteil der STI-Kontrolle und umfasst auch die beschleunigte Partnertherapie (EPT).
Hintergrund
Sexuell übertragbare Infektionen (STI) stellen weltweit ein erhebliches Gesundheitsproblem dar. Unbehandelt können sie zu schwerwiegenden Komplikationen wie Unfruchtbarkeit, ektopen Schwangerschaften, Totgeburten (insbesondere bei Syphilis) und einem erhöhten HIV-Übertragungsrisiko führen. Die WHO-Leitlinie 2026 fokussiert sich auf die gesamte Versorgungskaskade von der Prävention bis zum Partner-Management.
Prävention und Screening
Die primäre Prävention umfasst Aufklärung, die Bereitstellung von Kondomen und Gleitmitteln sowie Impfungen (HPV, Hepatitis B). Ein gezieltes asymptomatisches Screening wird für bestimmte Risikogruppen empfohlen:
| Zielgruppe | Screening-Empfehlung | Häufigkeit |
|---|---|---|
| Schwangere Frauen | Syphilis-Test (unabhängig von Prävalenz) | Beim ersten Vorsorgetermin (ggf. Wiederholung im 3. Trimenon) |
| MSM & Transgender | Syphilis-Serologie, Gonorrhö/Chlamydien (NAAT) | Basierend auf lokaler Epidemiologie und Risiko |
| Sexarbeiter:innen | Syphilis-Serologie, Gonorrhö/Chlamydien | Basierend auf lokaler Epidemiologie und Risiko |
| HIV-PrEP-Nutzer | Syphilis, Gonorrhö, Chlamydien | Oft gekoppelt an PrEP-Follow-up (z. B. alle 3-6 Monate) |
Diagnostik
Die Diagnostik stützt sich auf zwei Hauptsäulen:
- Syndromisches Management: Nutzung standardisierter Flowcharts zur sofortigen Therapieentscheidung am Tag der Vorstellung (z. B. bei urethralem/vaginalem Ausfluss oder genitalen Ulzera).
- Ätiologische Diagnostik: Wo verfügbar, sollte eine erregerspezifische Testung erfolgen. Die Nukleinsäure-Amplifikationstechnik (NAAT) ist der Goldstandard für C. trachomatis, N. gonorrhoeae und M. genitalium.
- Point-of-Care-Tests (POCT): Duale HIV/Syphilis-Schnelltests werden besonders in der Schwangerenvorsorge und bei Schlüsselpopulationen empfohlen. Selbsttests und Selbstabstrich-Verfahren erhöhen die Akzeptanz.
Therapie der häufigsten STIs
Die Behandlung sollte idealerweise am Tag der Diagnose beginnen. Die folgende Tabelle fasst die First-Line-Therapien für Erwachsene und Jugendliche zusammen:
| Infektion | First-Line-Therapie (Erwachsene) | Therapie in der Schwangerschaft |
|---|---|---|
| Gonorrhö | Ceftriaxon 1 g i.m. (Einzeldosis) | Wie Erwachsene |
| Chlamydien | Doxycyclin 100 mg p.o. (2x/Tag für 7 Tage) | Azithromycin 1 g p.o. (Einzeldosis) |
| Syphilis (Frühstadium) | Benzathin-Penicillin 2,4 Mio. IE i.m. (Einzeldosis) | Wie Erwachsene |
| Syphilis (Spätstadium) | Benzathin-Penicillin 2,4 Mio. IE i.m. (1x/Woche für 3 Wochen) | Wie Erwachsene |
| Trichomoniasis | Metronidazol 400/500 mg p.o. (2x/Tag für 7 Tage) | Wie Erwachsene |
| Bakterielle Vaginose | Metronidazol 400/500 mg p.o. (2x/Tag für 7 Tage) | Wie Erwachsene |
| M. genitalium | Doxycyclin (7 Tage), gefolgt von Azithromycin oder Moxifloxacin | Pristinamycin 1 g p.o. (4x/Tag für 10 Tage) |
Partner-Management
Um Reinfektionen zu vermeiden und Infektionsketten zu unterbrechen, müssen Sexualpartner in die Behandlung einbezogen werden. Die WHO empfiehlt verschiedene Ansätze:
- Patient Referral: Der Indexpatient informiert seine Partner selbst.
- Provider Referral: Das medizinische Personal kontaktiert die Partner direkt (mit Einverständnis).
- Expedited Partner Therapy (EPT): Der Indexpatient erhält Medikamente oder ein Rezept zur direkten Weitergabe an den Partner (ohne vorherige ärztliche Untersuchung des Partners), sofern national zulässig.
Überwachung und Resistenzen
Die Überwachung von Antibiotikaresistenzen, insbesondere bei N. gonorrhoeae, hat höchste Priorität. Nationale Leitlinien sollten angepasst werden, wenn die Resistenzrate für eine First-Line-Therapie ≥5 % erreicht.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei fehlender Laborkapazität die syndromischen Flowcharts der WHO für einen sofortigen Therapiebeginn am selben Tag, um die Weiterverbreitung und Komplikationen zu minimieren.