Hepatitis B und C: Prävention, Diagnostik & Therapie (WHO)
📋Auf einen Blick
- •Alle Neugeborenen sollen innerhalb von 24 Stunden eine Hepatitis-B-Impfung erhalten.
- •Schwangere mit HBsAg-Nachweis und HBV-DNA ≥200.000 IU/ml sollen eine TDF-Prophylaxe erhalten.
- •Die Therapie der chronischen Hepatitis B erfolgt primär mit Tenofovir (TDF) oder Entecavir.
- •Für Hepatitis C wird eine pangenotypische DAA-Therapie für alle Patienten ab 3 Jahren empfohlen.
- •Bei Leberzirrhose ist eine lebenslange HBV-Therapie sowie ein HCC-Screening indiziert.
Hintergrund
Die WHO-Leitlinie (2026) definiert globale Strategien zur Eliminierung von Virushepatitis als öffentliches Gesundheitsproblem bis 2030. Ziel ist eine Reduktion der Neuinfektionen um 90 % und der Mortalität um 65 %. Die Leitlinie fokussiert sich auf einen Public-Health-Ansatz mit vereinfachten, dezentralisierten Versorgungsstrukturen.
Prävention
Die primäre Prävention umfasst Impfungen, Infektionskontrolle und Harm-Reduction-Strategien.
| Maßnahme | Zielgruppe | Empfehlung |
|---|---|---|
| Hepatitis-B-Impfung | Neugeborene | 1. Dosis innerhalb von 24 Stunden nach Geburt, gefolgt von 2-3 weiteren Dosen. |
| Mutter-Kind-Übertragung | Schwangere | HBsAg-Screening für alle Schwangeren. Starke Empfehlung für antivirale Prophylaxe mit Tenofovir (TDF) ab dem 2. Trimenon bei HBV-DNA ≥200.000 IU/ml oder HBeAg-Positivität. |
| Harm Reduction | IV-Drogenkonsumenten | Zugang zu sterilen Spritzen und Nadeln sowie Opioid-Agonisten-Therapie. Starke Empfehlung. |
| Blutsicherheit | Blutspender | Obligatorisches Screening aller Spenden auf HIV, HBV (HBsAg), HCV (Anti-HCV) und Syphilis. |
Diagnostik und Testing
Die Diagnostik soll durch Reflex-Testing und Point-of-Care-Tests (POC) vereinfacht werden, um die Anbindung an die Therapie (Linkage to Care) zu verbessern.
| Virus | Teststrategie | Bestätigungsdiagnostik |
|---|---|---|
| Hepatitis B | HBsAg-Serologie (RDT oder Labor) | HBV-DNA (quantitativ oder qualitativ) zur Therapieentscheidung. |
| Hepatitis C | Anti-HCV-Serologie | HCV-RNA (Labor oder POC) oder HCV-Core-Antigen zum Nachweis einer virämischen Infektion. |
| Hepatitis D | Anti-HDV-Antikörper bei HBsAg-Positiven | HDV-RNA bei positivem Anti-HDV-Test. |
Therapie der chronischen Hepatitis B
Die Therapieentscheidung basiert auf dem Fibrosegrad, der Viruslast und den Transaminasen. Als nicht-invasiver Test wird der APRI-Score oder die transiente Elastographie (TE) empfohlen.
Therapieindikationen (Erwachsene und Adoleszente)
Eine starke Empfehlung zur Therapie besteht bei:
- Signifikanter Fibrose (≥F2: APRI >0.5 oder TE >7.0 kPa) oder Zirrhose (F4: APRI >1.0 oder TE >12.5 kPa), unabhängig von HBV-DNA oder ALT.
- HBV-DNA >2.000 IU/ml und ALT über dem oberen Normwert (ULN: 30 U/l für Männer, 19 U/l für Frauen).
- Koinfektionen (HIV, HCV, HDV), Familienanamnese für Leberkrebs/Zirrhose, Immunsuppression oder extrahepatischen Manifestationen.
Medikamentöse Therapie
| Wirkstoff | Indikation / Besonderheit | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Tenofovir (TDF) oder Entecavir | Bevorzugte First-Line-Therapie (hohe genetische Barriere). | Starke Empfehlung |
| Entecavir oder TAF | Bei Osteoporose, Niereninsuffizienz oder für Kinder/Adoleszente. | Starke Empfehlung |
| Lamivudin, Adefovir, Telbivudin | Wegen niedriger genetischer Barriere und Resistenzgefahr nicht empfohlen. | Starke Empfehlung (dagegen) |
Die Therapie ist bei Zirrhose lebenslang durchzuführen (starke Empfehlung).
Therapie der chronischen Hepatitis C
Die WHO empfiehlt eine pangenotypische DAA-Therapie (Direct-Acting Antivirals) für alle Erwachsenen, Adoleszenten und Kinder ab 3 Jahren mit chronischer HCV-Infektion, unabhängig vom Krankheitsstadium (starke Empfehlung).
Empfohlene DAA-Regime
| Regime | Dauer | Zielgruppe |
|---|---|---|
| Sofosbuvir + Daclatasvir | 12 Wochen | Ohne Zirrhose (24 Wochen bei Zirrhose/Therapieerfahrung). |
| Sofosbuvir + Velpatasvir | 12 Wochen | Pangenotypisch. |
| Glecaprevir + Pibrentasvir | 8 Wochen | Pangenotypisch. |
Monitoring und HCC-Screening
Patienten unter HBV-Therapie sollen mindestens jährlich mittels APRI/TE, ALT, HBsAg und HBV-DNA überwacht werden.
Ein routinemäßiges Screening auf das hepatozelluläre Karzinom (HCC) mittels Abdomen-Sonographie und Alpha-Fetoprotein (AFP) alle 6 Monate wird empfohlen für:
- Patienten mit Zirrhose (starke Empfehlung).
- Patienten mit familiärer HCC-Anamnese (starke Empfehlung).
Versorgungsstrukturen (Service Delivery)
Zur Erhöhung der Reichweite empfiehlt die WHO:
- Dezentralisierung: Testung und Therapie in peripheren Gesundheitseinrichtungen oder in der Primärversorgung.
- Integration: Einbindung in bestehende HIV-, TB- oder Harm-Reduction-Programme.
- Task-Sharing: Durchführung von Diagnostik und Therapie durch geschulte Nicht-Fachärzte und Pflegekräfte (starke Empfehlung).
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie bei HBsAg-positiven Patienten stets den APRI-Score (>0,5 indiziert eine signifikante Fibrose) zur schnellen Therapieentscheidung. Nutzen Sie zudem Reflex-Testing bei positiver HCV-Serologie, um direkt aus derselben Probe die HCV-RNA anzufordern.