Fiskalpolitik für gesunde Ernährung: WHO-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die WHO empfiehlt nachdrücklich die Besteuerung von zuckergesüßten Getränken (SSBs).
- •Für die Besteuerung von Lebensmitteln, die nicht zu einer gesunden Ernährung beitragen, wird eine bedingte Empfehlung ausgesprochen.
- •Die WHO empfiehlt bedingt Subventionen für gesunde Lebensmittel auf Einzelhandelsebene.
- •Steuern auf SSBs zeigen eine hohe Wirksamkeit: Eine Preiserhöhung um 10 % führt zu einem Rückgang der Käufe um etwa 16 %.
- •Fiskalpolitische Maßnahmen fördern die gesundheitliche Chancengleichheit und gelten als kosteneffektiv.
Hintergrund
Ungesunde Ernährung ist ein weltweit führendes Gesundheitsrisiko und trägt zu allen Formen der Mangelernährung sowie zu ernährungsbedingten nicht übertragbaren Krankheiten (NCDs) bei. Die Erschwinglichkeit von Lebensmitteln ist ein zentrales Merkmal des Ernährungsumfelds und beeinflusst das Kauf- und Konsumverhalten maßgeblich.
Die WHO-Leitlinie (2024) bewertet fiskalpolitische Maßnahmen (Steuern und Subventionen), um den Konsum ungesunder Lebensmittel zu verringern und die Wahl gesunder Alternativen zu fördern.
WHO-Empfehlungen zu Fiskalpolitiken
Die Leitlinie formuliert drei zentrale Empfehlungen zur Preisgestaltung von Lebensmitteln und Getränken:
| Maßnahme | Zielprodukte | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Besteuerung von Getränken | Zuckergesüßte Getränke (SSBs) | Starke Empfehlung |
| Besteuerung von Lebensmitteln | Lebensmittel, die nicht zu einer gesunden Ernährung beitragen | Bedingte Empfehlung |
| Subventionierung | Lebensmittel, die zu einer gesunden Ernährung beitragen | Bedingte Empfehlung |
Definition der Zielprodukte
- Zuckergesüßte Getränke (SSBs): Alle alkoholfreien Getränke, die freie Zucker enthalten (z. B. Limonaden, Fruchtsäfte, Konzentrate, Energydrinks, aromatisierte Milch).
- Ungesunde Lebensmittel: Produkte mit hohem Gehalt an gesättigten Fettsäuren, Transfettsäuren, freien Zuckern und/oder Salz sowie Produkte mit Nicht-Zucker-Süßstoffen.
- Gesunde Lebensmittel: Nährstoffdichte Lebensmittel, reich an Ballaststoffen oder ungesättigten Fettsäuren, arm an schädlichen Fetten, Zuckern und Salz.
Evidenz und Wirksamkeit
Die systematische Überprüfung der WHO zeigt deutliche Effekte von Preisinterventionen auf das Konsumverhalten.
| Intervention | Preistransmission (Pass-through) | Preiselastizität | Beobachteter Effekt |
|---|---|---|---|
| SSB-Steuern | 82 % | -1,59 | 10 % Preiserhöhung führt zu ca. 16 % weniger Käufen. |
| Lebensmittelsteuern | Nicht quantifiziert | Nicht quantifiziert | Modellierungen zeigen große positive Gesundheitseffekte. |
| Subventionen | Nicht quantifiziert | Nicht quantifiziert | Signifikanter Anstieg beim Kauf von subventioniertem Obst und Gemüse. |
Implementierung und Kontextfaktoren
Die Umsetzung fiskalpolitischer Maßnahmen erfordert die Berücksichtigung verschiedener Kontextfaktoren:
- Gesundheitliche Chancengleichheit: Steuern auf ungesunde Lebensmittel und Subventionen für gesunde Lebensmittel verringern gesundheitliche Ungleichheiten, da sie Verhaltensänderungen umgebungsbedingt fördern.
- Akzeptanz: Die öffentliche Zustimmung für SSB-Steuern liegt bei 39–66 % und steigt, wenn die Steuereinnahmen für Gesundheitszwecke verwendet werden. Die Akzeptanz in der Industrie ist hingegen sehr gering.
- Wirtschaftlichkeit: Die Maßnahmen gelten als kosteneffektiv oder sogar kostensparend.
- Regressivität: Das Argument, Lebensmittelsteuern seien sozial ungerecht (regressiv), greift laut WHO zu kurz. Es ignoriert die überproportionalen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schäden durch ungesunde Ernährung in einkommensschwachen Gruppen.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie die Evidenz dieser Leitlinie in der gesundheitspolitischen Beratung, um den Einfluss von Lebensmittelpreisen auf das Ernährungsverhalten zu verdeutlichen.