Kohlenhydratzufuhr: WHO-Leitlinie (2023)
📋Auf einen Blick
- •Kohlenhydrate sollten primär aus Vollkornprodukten, Gemüse, Obst und Hülsenfrüchten stammen.
- •Erwachsene sollten täglich mindestens 400 g Gemüse und Obst konsumieren.
- •Die tägliche Ballaststoffzufuhr für Erwachsene sollte bei mindestens 25 g aus natürlichen Nahrungsquellen liegen.
- •Für Kinder ab 2 Jahren gelten altersadaptierte, gestaffelte Zielwerte für Gemüse, Obst und Ballaststoffe.
- •Es werden keine spezifischen Empfehlungen zum glykämischen Index (GI) oder zur glykämischen Last (GL) ausgesprochen.
Hintergrund
Nichtübertragbare Krankheiten (NCDs) sind weltweit die häufigste Todesursache. Die Qualität der aufgenommenen Kohlenhydrate (z. B. Anteil an Ballaststoffen, Art der Polysaccharide) ist ein entscheidender Modulator für das Risiko von NCDs und Adipositas. Die WHO-Leitlinie fokussiert sich auf die Kohlenhydratqualität und empfiehlt Nahrungsquellen, die nachweislich gesundheitliche Vorteile bieten.
Allgemeine Empfehlungen zur Kohlenhydratquelle
- Starke Empfehlung: Die Kohlenhydratzufuhr sollte primär aus Vollkornprodukten, Gemüse, Obst und Hülsenfrüchten stammen (gilt für alle Personen ab 2 Jahren).
- Die Empfehlungen beziehen sich auf natürlich vorkommende Ballaststoffe in Lebensmitteln, nicht auf extrahierte oder synthetische Ballaststoffpräparate.
- Vollkornprodukte sollten so wenig wie möglich verarbeitet sein.
Zielwerte für Gemüse und Obst
Die WHO gibt spezifische Zielwerte für den täglichen Konsum von Gemüse und Obst vor. Die Evidenz zeigt eine Dosis-Wirkungs-Beziehung, bei der das Risiko für NCDs und Mortalität mit steigender Zufuhr (bis zu 800 g/Tag) sinkt. Als praktikabler Mindestwert wurden 400 g/Tag definiert.
| Altersgruppe | Empfohlene Mindestmenge | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| 2–5 Jahre | 250 g / Tag | Bedingt |
| 6–9 Jahre | 350 g / Tag | Bedingt |
| ≥ 10 Jahre & Erwachsene | 400 g / Tag | Stark |
Zielwerte für Ballaststoffe
Eine höhere Ballaststoffzufuhr ist mit einer reduzierten Gesamtmortalität sowie einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und Krebs assoziiert. Der größte Nutzen in Beobachtungsstudien zeigte sich bei 25–29 g pro Tag.
| Altersgruppe | Empfohlene Mindestmenge | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| 2–5 Jahre | 15 g / Tag | Bedingt |
| 6–9 Jahre | 21 g / Tag | Bedingt |
| ≥ 10 Jahre & Erwachsene | 25 g / Tag | Stark |
Glykämischer Index und Glykämische Last
Die Leitliniengruppe hat die Evidenz zu glykämischem Index (GI) und glykämischer Last (GL) geprüft. Da Beobachtungsstudien keinen konsistenten Nutzen in Bezug auf Mortalität oder NCDs zeigten und randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs) kaum Verbesserungen der kardiometabolischen Risikofaktoren belegten, werden keine spezifischen Empfehlungen zu GI oder GL ausgesprochen. Der Fokus liegt stattdessen auf der Nahrungsquelle (Ballaststoffe, Vollkorn).
Hinweise zur Zubereitung und Verarbeitung
- Verarbeitung: Frische oder minimal verarbeitete Lebensmittel ohne zugesetztes Fett, Zucker oder Salz sind zu bevorzugen.
- Konserven/Tiefkühlkost: Gemüse und Obst aus der Dose oder tiefgekühlt sind ebenfalls geeignet, sofern auf zugesetzten Natrium- oder Zuckergehalt geachtet wird. Fruchtsäfte und Trockenobst können viel freien Zucker enthalten.
- Antinutritiva: Pflanzliche Lebensmittel enthalten Verbindungen (z. B. Phytate, Oxalate), die die Nährstoffaufnahme hemmen können. Bei einer abwechslungsreichen Ernährung ist dies klinisch meist nicht signifikant. Einweichen, Erhitzen oder Fermentieren kann diese Effekte weiter reduzieren.
💡Praxis-Tipp
Raten Sie Patienten von isolierten Ballaststoff-Supplementen (Pulver, Kapseln) ab, da die Evidenz für gesundheitliche Vorteile primär auf natürlich in Lebensmitteln vorkommenden Ballaststoffen basiert. Empfehlen Sie stattdessen minimal verarbeitete Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte.