Gastroenteritis bei Kindern <5: NICE-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose wird klinisch gestellt; Durchfall dauert meist 5-7 Tage, Erbrechen 1-2 Tage.
- •Die Beurteilung der Dehydratation und das Erkennen von Schockzeichen (Red Flags) leiten die Therapie.
- •Bei klinischer Dehydratation ist eine niedrigosmolare orale Rehydratationslösung (ORS) mit 50 ml/kg über 4 Stunden indiziert.
- •Antidiarrhoika sind kontraindiziert, Antibiotika werden nur in streng definierten Ausnahmefällen empfohlen.
- •Fruchtsäfte und kohlensäurehaltige Getränke sollen strikt vermieden werden.
Hintergrund
Die infektiöse Gastroenteritis bei Kleinkindern ist durch plötzlichen Durchfall, mit oder ohne Erbrechen, gekennzeichnet. Die Erkrankung ist meist viral bedingt und selbstlimitierend. Die typische Dauer beträgt für Durchfall 5–7 Tage (maximal 2 Wochen) und für Erbrechen 1–2 Tage (maximal 3 Tage).
Differenzialdiagnosen und Warnzeichen
Bei folgenden Symptomen sollten andere Diagnosen als eine unkomplizierte Gastroenteritis in Betracht gezogen werden:
- Temperatur ≥38 °C (bei Kindern <3 Monaten) oder ≥39 °C (bei Kindern ≥3 Monaten)
- Atemnot oder Tachypnoe
- Bewusstseinsveränderungen oder Nackensteifigkeit
- Vorwölbende Fontanelle bei Säuglingen
- Nicht wegdrückbarer Ausschlag (Petechien)
- Blut und/oder Schleim im Stuhl
- Galliges (grünes) Erbrechen
- Starke oder lokalisierte Bauchschmerzen, Abwehrspannung
Beurteilung der Dehydratation
Die klinische Einschätzung der Dehydratation ist entscheidend für die Therapie. Kinder <1 Jahr, mit niedrigem Geburtsgewicht oder >5 Durchfällen/>2 Erbrechen in 24h haben ein erhöhtes Risiko.
| Klinisches Zeichen | Keine Dehydratation | Klinische Dehydratation | Klinischer Schock |
|---|---|---|---|
| Allgemeinzustand | Wirkt gesund | Wirkt krank/verschlechtert sich (Red Flag) | Vermindertes Bewusstsein |
| Verhalten | Wach und ansprechbar | Veränderte Reagibilität, z.B. reizbar (Red Flag) | Vermindertes Bewusstsein |
| Urinausscheidung | Normal | Vermindert | - |
| Hautfarbe | Unverändert | Unverändert | Blass oder marmoriert |
| Extremitäten | Warm | Warm | Kalt |
| Augen | Nicht eingesunken | Eingesunken (Red Flag) | - |
| Schleimhäute | Feucht | Trocken | - |
| Herzfrequenz | Normal | Tachykardie (Red Flag) | Tachykardie |
| Atmung | Normal | Tachypnoe (Red Flag) | Tachypnoe |
| Pulse | Normal | Normal | Schwach |
| Rekapillarisierungszeit | Normal | Normal | Verlängert |
| Hautturgor | Normal | Vermindert (Red Flag) | - |
| Blutdruck | Normal | Normal | Hypotension |
Flüssigkeitsmanagement und Therapie
1. Keine klinische Dehydratation
- Stillen und Milchnahrung fortsetzen.
- Flüssigkeitszufuhr fördern (keine Fruchtsäfte oder kohlensäurehaltigen Getränke).
- Bei erhöhtem Risiko: Orale Rehydratationslösung (ORS) als Ergänzung anbieten.
2. Klinische Dehydratation
- Orale Rehydratationstherapie (ORT): Niedrigosmolare ORS (240–250 mOsm/l).
- Dosierung: 50 ml/kg Körpergewicht über 4 Stunden (plus Erhaltungsbedarf).
- Häufig in kleinen Mengen verabreichen.
- Bei Verweigerung oder anhaltendem Erbrechen: Gabe über Magensonde erwägen.
3. Intravenöse Therapie (bei Schock oder Versagen der ORT)
- Bei Verdacht auf oder bestätigtem Schock: 10 ml/kg 0,9 % NaCl als schnelle i.v.-Infusion (Bolus). Bei anhaltendem Schock wiederholen und Intensivmediziner hinzuziehen.
- Zur Rehydratation (ohne Hypernatriämie): Isotonische Lösung (z.B. 0,9 % NaCl oder 0,9 % NaCl mit 5 % Glukose).
- Nach Schockbehandlung: 100 ml/kg (bzw. 50 ml/kg ohne initialen Schock) zum Erhaltungsbedarf addieren.
Medikamentöse und Ernährungs-Therapie
- Ernährung: Während der Rehydratation keine feste Nahrung geben. Nach erfolgreicher Rehydratation sofort wieder unverdünnte Milch und gewohnte feste Nahrung einführen.
- Antidiarrhoika: Dürfen nicht verwendet werden.
- Antibiotika: Nicht routinemäßig empfohlen. Nur bei Verdacht auf Sepsis, extraintestinaler Ausbreitung, Salmonellen bei Säuglingen <6 Monaten/Immundefizienz oder spezifischen Erregern (z.B. C. difficile, Giardiasis, Cholera).
Prävention und Hygiene
Händewaschen mit Seife unter fließendem warmem Wasser ist die wichtigste Maßnahme. Kinder dürfen Gemeinschaftseinrichtungen (Schule, Kita) erst frühestens 48 Stunden nach der letzten Episode von Durchfall oder Erbrechen wieder besuchen. Schwimmen ist für 2 Wochen nach dem letzten Durchfall untersagt.
💡Praxis-Tipp
Verzichten Sie auf Antidiarrhoika und routinemäßige Antibiotika. Setzen Sie bei klinischer Dehydratation primär auf niedrigosmolare ORS (50 ml/kg über 4h) in kleinen, häufigen Gaben.