Vorhofflimmern: Schlaganfallprophylaxe (SIGN-Leitlinie)
📋Auf einen Blick
- •Ein opportunistisches Screening mittels Pulskontrolle wird für alle Patienten ab 65 Jahren empfohlen.
- •Die Risikostratifizierung für thromboembolische Ereignisse soll routinemäßig mit dem CHADS2- oder CHA2DS2-VASc-Score erfolgen.
- •Patienten mit niedrigem Risiko (CHA2DS2-VASc 0 bei Männern, 1 bei Frauen) benötigen keine antithrombotische Therapie.
- •Warfarin (Ziel-INR 2,5) oder DOAKs (Dabigatran, Rivaroxaban, Apixaban) sind ab einem Score von 1 indiziert.
- •Die Kombination von Aspirin und Warfarin wird aufgrund des erhöhten Blutungsrisikos nicht empfohlen.
Hintergrund
Vorhofflimmern (VHF) ist eine häufige Erkrankung, die über 6 % der Bevölkerung im Alter von über 65 Jahren betrifft. Patienten mit Vorhofflimmern haben ein fünffach erhöhtes Schlaganfallrisiko. Die Prävention von Schlaganfällen ist das primäre Ziel der Behandlung, jedoch wird VHF häufig unterdiagnostiziert und orale Antikoagulanzien (OAK) werden unzureichend eingesetzt.
Diagnostik und Screening
Die Leitlinie empfiehlt klare Strategien zur frühzeitigen Erkennung von Vorhofflimmern im hausärztlichen Bereich:
- Opportunistisches Screening: Die kosteneffektivste Methode ist die Pulskontrolle (Arteria radialis) bei Personen ab 65 Jahren.
- 12-Kanal-EKG: Bei einem unregelmäßigen Puls muss schnellstmöglich ein 12-Kanal-EKG abgeleitet werden. Ein 1-Kanal-EKG bei Symptomen kann helfen, ersetzt aber nicht das 12-Kanal-EKG.
- Langzeit-Monitoring: Bei klinischem Verdacht auf paroxysmales Vorhofflimmern (z. B. nach ischämischem Schlaganfall oder TIA) sollten längere EKG-Aufzeichnungen (mindestens 24 Stunden) oder Event-Recorder eingesetzt werden.
Risikostratifizierung
Das Risiko für systemische Thromboembolien muss bei allen Patienten routinemäßig bewertet werden. Hierfür haben sich der CHADS2- und der detailliertere CHA2DS2-VASc-Score etabliert.
| CHA2DS2-VASc Risikofaktor | Punkte |
|---|---|
| Herzinsuffizienz (inkl. linksventrikuläre Dysfunktion) | 1 |
| Hypertonie | 1 |
| Alter ≥ 75 Jahre | 2 |
| Diabetes mellitus | 1 |
| Schlaganfall / TIA / Thromboembolie in der Anamnese | 2 |
| Vaskuläre Erkrankung (Z.n. Myokardinfarkt, pAVK, Aortenplaque) | 1 |
| Alter 65-74 Jahre | 1 |
| Weibliches Geschlecht | 1 |
Therapieentscheidung nach Risiko:
- Niedriges Risiko: Patienten <65 Jahre mit isoliertem VHF (CHA2DS2-VASc = 0 bei Männern, = 1 bei Frauen) benötigen keine antithrombotische Therapie.
- Mittleres/Hohes Risiko: Ab einem Score von ≥ 1 sollte eine orale Antikoagulation erwogen werden.
Therapie zur Schlaganfallprävention
Die medikamentöse Prophylaxe senkt das Schlaganfallrisiko signifikant. Die Entscheidung sollte jährlich mit dem Patienten besprochen werden.
| Therapieoption | Indikation & Bemerkung |
|---|---|
| Warfarin (VKA) | Ziel-INR 2,5 (Bereich 2,0-3,0). Reduziert das Schlaganfallrisiko um 60 % (vs. 20 % bei Aspirin). Mittel der Wahl bei guter INR-Einstellung. |
| DOAKs | Dabigatran, Rivaroxaban und Apixaban sind empfohlene Alternativen zu Warfarin bei ≥ 1 Risikofaktor. |
| Thrombozytenhemmer (Aspirin) | Nur erwägen, wenn Warfarin oder DOAKs vom Patienten abgelehnt werden. |
Wichtige klinische Empfehlungen:
- Keine Kombinationstherapie: Die Kombination von Aspirin und Warfarin wird bei VHF nicht empfohlen, da sie das Risiko für schwere Blutungen erhöht, ohne arterielle Thromboembolien weiter zu senken.
- Monotherapie bei KHK: Wenn Warfarin indiziert ist, sollte es auch bei Vorliegen einer stabilen kardiovaskulären Erkrankung allein eingesetzt werden.
- DOAK-Auswahl: Bei der Wahl eines neuen oralen Antikoagulans (DOAK) müssen die im Vergleich zu Warfarin geringere Langzeiterfahrung, das (zum Zeitpunkt der Leitlinienerstellung) Fehlen von Antidots sowie limitierte Daten bei extremem Körpergewicht und Leberinsuffizienz berücksichtigt werden.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie bei allen Patienten ab 65 Jahren opportunistisch eine Pulskontrolle durch. Bei unregelmäßigem Puls muss zeitnah ein 12-Kanal-EKG geschrieben werden.