Vorhofflimmern (VHF): Aktuelle CCS-Leitlinie (2018)
📋Auf einen Blick
- •NOAKs werden gegenueber Warfarin zur Schlaganfallpraevention bei nicht-valvulaerem Vorhofflimmern stark bevorzugt.
- •Die Indikation zur Antikoagulation richtet sich nach dem CHADS-65-Algorithmus (Alter >= 65 Jahre oder CHADS2-Score >= 1).
- •Bei elektiver Kardioversion ist eine therapeutische Antikoagulation fuer 3 Wochen davor und 4 Wochen danach zwingend erforderlich.
- •Fuer die Frequenzkontrolle sind Beta-Blocker und Nicht-Dihydropyridin-Calciumkanalblocker (Diltiazem/Verapamil) Mittel der ersten Wahl.
- •Bei Patienten mit VHF und KHK (nach PCI) wird initial eine Triple-Therapie, gefolgt von einer dualen Therapie empfohlen.
Hintergrund
Die kanadische Leitlinie (CCS 2018) bietet praxisnahe Empfehlungen zum Management von Vorhofflimmern (VHF). Die Schwere der Symptomatik wird anhand des SAF-Scores (Severity of Atrial Fibrillation) klassifiziert:
| Klasse | Symptomatik | Einfluss auf Lebensqualitaet |
|---|---|---|
| 0 | Asymptomatisch | Keiner |
| 1 | Minimal | Minimal |
| 2 | Leicht | Gering |
| 3 | Moderat | Moderat |
| 4 | Schwer | Schwer |
Diagnostik
Zur Basis-Evaluation jedes Patienten gehoeren:
- Anamnese & koerperliche Untersuchung: Muster (paroxysmal, persistierend, permanent), Schweregrad, reversible Ursachen.
- 12-Kanal-EKG: Dokumentation des VHF, Ausschluss struktureller/elektrischer Herzerkrankungen.
- Echokardiographie: Beurteilung von Ventrikelfunktion, Vorhofgroesse und Ausschluss von Vitien.
- Labor: Blutbild, Gerinnung, Nierenfunktion, Schilddruese, Leberwerte, Nuechtern-Glukose und -Lipide.
Schlaganfallpraevention (CHADS-65)
Die Indikation zur oralen Antikoagulation (OAK) richtet sich nach dem CHADS-65-Algorithmus:
- Alter >= 65 Jahre ODER CHADS2-Risikofaktor >= 1 (Herzinsuffizienz, Hypertonie, Diabetes, Z.n. Schlaganfall/TIA).
- Starke Empfehlung: Bei Indikation zur OAK bei nicht-valvulaerem VHF sollen NOAKs (Dabigatran, Rivaroxaban, Apixaban, Edoxaban) gegenueber Warfarin bevorzugt werden.
- Patienten < 65 Jahre ohne CHADS2-Risikofaktoren benoetigen keine OAK. Bei Vorliegen einer KHK/pAVK erfolgt eine Thrombozytenaggregationshemmung.
Dosisanpassung der NOAKs bei Niereninsuffizienz (CrCl 30-49 ml/min)
| Wirkstoff | Standarddosis | Dosis bei CrCl 30-49 ml/min |
|---|---|---|
| Dabigatran | 150 mg bid | Erwaegung 110 mg bid |
| Rivaroxaban | 20 mg tgl. | 15 mg tgl. |
| Apixaban | 5 mg bid | 5 mg bid (2,5 mg bid bei 2 von 3 Kriterien*) |
| Edoxaban | 60 mg tgl. | 30 mg tgl. |
*Kriterien fuer Apixaban-Reduktion: Alter >80 J., Gewicht <60 kg, Kreatinin >133 µmol/L.
Frequenz- und Rhythmuskontrolle
Frequenzkontrolle
- Starke Empfehlung: Beta-Blocker und Nicht-Dihydropyridin-Calciumkanalblocker (Diltiazem, Verapamil) sind Mittel der ersten Wahl.
- Calciumkanalblocker sind bei Herzinsuffizienz oder reduzierter LV-Funktion kontraindiziert.
- Digoxin kann bei unzureichendem Ansprechen oder Inaktivitaet erwogen werden.
Rhythmuskontrolle
Die Wahl des Antiarrhythmikums richtet sich nach Begleiterkrankungen:
- Keine Herzinsuffizienz: Flecainid, Propafenon, Sotalol, Dronedaron oder Katheterablation.
- Herzinsuffizienz (EF > 35%): Amiodaron, Sotalol oder Katheterablation.
- Herzinsuffizienz (EF < 35%): Amiodaron oder Katheterablation.
| Wirkstoff | Dosierung | Bemerkung / Toxizitaet |
|---|---|---|
| Flecainid | 50 - 150 mg bid | Kontraindiziert bei KHK/LV-Dysfunktion. Immer mit AV-Blocker kombinieren. |
| Amiodaron | 100 - 200 mg tgl. | Geringes Proarrhythmie-Risiko, aber systemische Nebenwirkungen (Schilddruese, Lunge, Leber). |
| Sotalol | 80 - 160 mg bid | Risiko fuer Torsades de pointes (besonders Frauen >65 J. mit Diuretika). |
Pill-in-the-Pocket (PIP)
Fuer ausgewaehlte Patienten mit seltenem, symptomatischem VHF.
- Vorgehen: Einnahme eines AV-Knoten-Blockers (z.B. Diltiazem 60 mg, Verapamil 80 mg, Metoprolol 25 mg). 30 Minuten spaeter Einnahme eines Klasse-Ic-Antiarrhythmikums (Flecainid oder Propafenon).
- Kontraindikationen: Strukturelle Herzerkrankung (EF < 50%, KHK), QRS > 120 ms, Hypotonie.
Kardioversion
- Starke Empfehlung: Bei elektiver Kardioversion (elektrisch oder pharmakologisch) muss eine therapeutische Antikoagulation fuer mindestens 3 Wochen vor dem Eingriff erfolgen.
- Alternativ kann ein TEE zum Ausschluss von Vorhofthromben durchgefuehrt werden.
- Nach der Kardioversion ist eine Antikoagulation fuer mindestens 4 Wochen erforderlich, unabhaengig vom CHADS-65-Score.
- Bei haemodynamischer Instabilitaet (Hypotonie, ACS, Lungenoedem) ist eine sofortige elektrische Kardioversion indiziert.
Vorhofflimmern und KHK (nach PCI)
Patienten mit VHF und Stent-Implantation (PCI) benoetigen eine massgeschneiderte antithrombotische Therapie:
- Starke Empfehlung: Initial Triple-Therapie (OAK + ASS 81 mg + Clopidogrel 75 mg) fuer bis zu 6 Monate nach PCI.
- ASS kann bei niedrigem Ischaemie- und hohem Blutungsrisiko bereits am Tag nach der PCI abgesetzt werden.
- Anschliessend duale Therapie (OAK + Clopidogrel) fuer bis zu 12 Monate.
💡Praxis-Tipp
Bei der 'Pill-in-the-Pocket'-Strategie muss der Patient 30 Minuten vor dem Klasse-Ic-Antiarrhythmikum (z.B. Flecainid) zwingend einen AV-Knoten-Blocker einnehmen, um ein 1:1 uebergeleitetes Vorhofflattern zu vermeiden.