Vorhofflimmern (VHF): Leitlinie 2018 (NHFA/CSANZ)
📋Auf einen Blick
- •Ein opportunistisches Screening auf Vorhofflimmern wird bei Patienten ab 65 Jahren empfohlen.
- •Bei Erstdiagnose soll standardmäßig eine transthorakale Echokardiographie (TTE) erfolgen.
- •Zur Schlaganfallprävention wird der geschlechtsneutrale CHA2DS2-VA-Score angewendet.
- •NOAKs sind bei nicht-valvulärem Vorhofflimmern (N-VAF) gegenüber Warfarin zu bevorzugen.
- •Thrombozytenaggregationshemmer sind zur reinen Schlaganfallprävention nicht empfohlen.
Hintergrund
Vorhofflimmern (VHF) tritt bei 2-4 % der Bevölkerung in Industrienationen auf und ist die häufigste rezidivierende Arrhythmie in der klinischen Praxis. Die Leitlinie der NHFA und CSANZ (2018) legt einen starken Fokus auf integrierte Versorgung, Risikominimierung und eine strukturierte Therapie.
Screening und Diagnostik
- Opportunistisches Screening: Wird bei Personen ab 65 Jahren mittels EKG empfohlen (Stark).
- Schrittmacher/Defibrillatoren: Sollen regelmäßig auf atriale Hochfrequenzepisoden (AHREs) überprüft werden (Stark).
- Echokardiographie: Eine transthorakale Echokardiographie (TTE) soll bei allen Patienten mit neu diagnostiziertem VHF durchgeführt werden (Stark).
- Risikofaktoren: Begleiterkrankungen (Hypertonie, Diabetes, Herzinsuffizienz) sowie neue Risikofaktoren (Adipositas, Schlafapnoe, Bewegungsmangel) müssen identifiziert und behandelt werden (Stark).
Frequenz- und Rhythmuskontrolle
Für alle Patienten muss eine Strategie zur Frequenz- oder Rhythmuskontrolle festgelegt, dokumentiert und regelmäßig überprüft werden (Stark).
Frequenzkontrolle
| Situation | 1. Wahl | Alternativen / Bemerkung |
|---|---|---|
| Akut (hämodynamisch stabil) | Beta-Blocker oder Non-DHP-Calciumantagonisten (Verapamil/Diltiazem) | Digoxin oder Amiodaron (bei Herzinsuffizienz) |
| Langzeit | Beta-Blocker oder Non-DHP-Calciumantagonisten | Digoxin (2. Wahl), Amiodaron (letzte Wahl) |
Rhythmuskontrolle
| Indikation | Therapieoption | Bemerkung |
|---|---|---|
| Akut (instabil) | Elektrische Kardioversion | Dringliche Durchführung empfohlen (Stark) |
| Akut (stabil) | Flecainid (i.v. oder p.o.) | Nur bei Patienten ohne LV-Dysfunktion, moderater LV-Hypertrophie oder KHK (Stark) |
| Langzeit | Flecainid | Erhalt des Sinusrhythmus (ohne LV-Dysfunktion/KHK) (Stark) |
| Langzeit | Amiodaron | 1. Wahl bei LV-Dysfunktion/KHK, sonst 2. Wahl (Stark) |
- Katheterablation: Sollte bei symptomatischem paroxysmalem oder persistierendem VHF erwogen werden, das refraktär gegenüber mindestens einem Antiarrhythmikum der Klasse I oder III ist (Stark).
Schlaganfallprävention
Die Leitlinie empfiehlt den geschlechtsneutralen CHA2DS2-VA-Score zur Vorhersage des Schlaganfallrisikos (Stark).
| Buchstabe | Kriterium | Punkte |
|---|---|---|
| C | Herzinsuffizienz (inkl. HFpEF, HFrEF) | 1 |
| H | Hypertonie | 1 |
| A2 | Alter ≥ 75 Jahre | 2 |
| D | Diabetes mellitus | 1 |
| S2 | Schlaganfall, TIA oder Thromboembolie in der Anamnese | 2 |
| V | Vaskuläre Erkrankung (Z.n. Myokardinfarkt, pAVK, Aortenplaque) | 1 |
| A | Alter 65–74 Jahre | 1 |
Indikation zur Antikoagulation
| CHA2DS2-VA Score | Empfehlung zur oralen Antikoagulation (OAK) | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| ≥ 2 | OAK empfohlen | Stark |
| 1 | OAK sollte erwogen werden | Stark |
| 0 | OAK nicht empfohlen | Schwach |
- Medikamentenwahl: Bei nicht-valvulärem VHF (N-VAF) werden NOAKs (Apixaban, Dabigatran, Rivaroxaban) gegenüber Warfarin empfohlen (Stark).
- Thrombozytenaggregationshemmer: Sind zur Schlaganfallprävention bei N-VAF nicht empfohlen (Stark).
- Blutungsrisiko: Reversible Blutungsrisikofaktoren (z.B. Hypertonie, NSAR-Einnahme, Alkoholkonsum) sollen identifiziert und korrigiert werden (Stark). Blutungs-Scores sollen nicht verwendet werden, um eine Antikoagulation vorzuenthalten.
Integrierte Versorgung
Ein multidisziplinärer, patientenzentrierter Ansatz wird empfohlen (Stark). Die Adhärenz bezüglich der Pharmakotherapie (Rhythmuskontrolle und Antikoagulation) soll regelmäßig überwacht und durch patientenzentrierte Strategien unterstützt werden (Stark).
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie zur Risikostratifizierung den geschlechtsneutralen CHA2DS2-VA-Score. Verzichten Sie auf Thrombozytenaggregationshemmer (wie ASS) zur reinen Schlaganfallprävention bei Vorhofflimmern, da diese nicht empfohlen sind und das Blutungsrisiko unnötig erhöhen.