Prävention & Remission von Typ-2-Diabetes: SIGN-Leitlinie
📋Auf einen Blick
- •Das Screening auf Prädiabetes erfolgt zweistufig: Zuerst eine Risikobewertung, gefolgt von einem Bluttest bei hohem Risiko.
- •Prädiabetes ist definiert als HbA1c von 42–47 mmol/mol (6,0–6,4 %) oder Nüchternblutzucker von 6,1–6,9 mmol/L.
- •Eine Gewichtsreduktion von 5–10 % senkt das Risiko für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes signifikant.
- •Zur medikamentösen Prävention können GLP-1-Rezeptor-Agonisten, Tirzepatid, Metformin oder Orlistat eingesetzt werden.
- •Eine Remission ist durch eine Gewichtsabnahme von >15 kg (z. B. durch eine Diät mit 800–850 kcal/Tag) möglich.
Hintergrund
Typ-2-Diabetes gilt dank neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht mehr als unumkehrbare Erkrankung. Prävention und Remission sind durch klinisch wirksame Interventionen, insbesondere durch Gewichtsverlust, möglich. Soziale Determinanten und Ethnizität spielen eine große Rolle: Menschen aus bestimmten ethnischen Minderheiten (z. B. südasiatischer Abstammung) erkranken im Durchschnitt jünger und bei einem niedrigeren Body-Mass-Index (BMI).
Risikobewertung und Diagnostik
Ein bevölkerungsweites Screening wird nicht empfohlen. Stattdessen sollte eine zweistufige Strategie angewendet werden:
- Risikobewertung: Angeboten für alle Erwachsenen ab 40 Jahren, für Erwachsene ab 25 Jahren aus ethnischen Risikogruppen sowie für Personen mit assoziierten Erkrankungen (z. B. kardiovaskuläre Erkrankungen, PCOS, Gestationsdiabetes).
- Bluttest: Bei einem hohen Risikoscore sollte ein venöser Bluttest (HbA1c oder Nüchternplasmaglukose) durchgeführt werden.
| Parameter | Prädiabetes-Kriterien | Typ-2-Diabetes-Kriterien |
|---|---|---|
| HbA1c | 42–47 mmol/mol (6,0–6,4 %) | ≥ 48 mmol/mol (≥ 6,5 %) |
| Nüchternplasmaglukose (FPG) | 6,1–6,9 mmol/L | ≥ 7,0 mmol/L |
Hinweis: Bei asymptomatischen Patienten mit Werten im Diabetes-Bereich muss ein zweiter Bluttest innerhalb von 3 bis 6 Monaten zur Bestätigung erfolgen.
Prävention durch Lebensstilintervention
Patienten mit Prädiabetes sollten an strukturierten, evidenzbasierten Programmen zur Lebensstiländerung teilnehmen.
- Gewichtsmanagement: Empfohlen wird eine Kalorienreduktion mit dem Ziel eines anfänglichen Gewichtsverlusts von 5–10 %.
- Ernährung: Erhöhter Konsum von Vollkornprodukten, Gemüse und Ballaststoffen sowie eine Reduktion von Gesamtfett und gesättigten Fettsäuren.
- Programmstruktur: Intensive Programme sollten mindestens 8 Sitzungen über 9 bis 18 Monate umfassen (mindestens 16 Stunden Kontaktzeit).
Medikamentöse Prävention
Medikamente zur Gewichtsreduktion oder Blutzuckersenkung können als Ergänzung zu einer kalorienreduzierten Diät und erhöhter körperlicher Aktivität eingesetzt werden.
| Wirkstoff | Indikation (Prävention) | Bemerkung |
|---|---|---|
| Liraglutid | BMI ≥35 kg/m² + Prädiabetes + hohes kardiovaskuläres Risiko | Niedrigerer BMI-Cut-off bei ethnischen Risikogruppen. |
| Semaglutid | BMI ≥30 kg/m² + gewichtsbedingte Komorbidität | Einsatz im spezialisierten Gewichtsmanagement. |
| Tirzepatid | BMI ≥30 kg/m² + Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes | Niedrigerer BMI-Cut-off bei ethnischen Risikogruppen. |
| Metformin | Verschlechterung der Werte trotz Lebensstiländerung oder BMI >35 kg/m² | Start mit 500 mg/Tag, Steigerung auf 1.500–2.000 mg/Tag. Jährliche Kontrolle von Nierenfunktion und Vitamin B12 erforderlich. |
| Orlistat | BMI ≥28 kg/m² | Teil eines umfassenden Plans zum Gewichtsmanagement. |
Remission des Typ-2-Diabetes
Eine Remission ist definiert als ein HbA1c-Wert unter 48 mmol/mol (<6,5 %) für mindestens 3 Monate ohne Diabetes-Medikamente. Sie ist direkt mit dem Ausmaß des Gewichtsverlusts verbunden.
- Diätetische Intervention: Eine niedrigkalorische Diät (ca. 800 bis 850 kcal/Tag) mit Mahlzeitenersatzprodukten für 3 bis 5 Monate wird empfohlen, um einen Gewichtsverlust von >15 kg zu erreichen.
- Bariatrische und metabolische Chirurgie: Eine Überweisung zur multidisziplinären Beurteilung sollte angeboten werden bei Patienten mit Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes und einem BMI >35 kg/m² (oder >32,5 kg/m² bei ethnischen Risikogruppen), sofern nicht-chirurgische Maßnahmen ausgeschöpft sind. Lebenslange Nachsorge ist zwingend erforderlich.
💡Praxis-Tipp
Nutzen Sie bei Patienten mit hohem Risiko stets die zweistufige Diagnostik (erst Risikoscore, dann Bluttest). Denken Sie bei Patienten unter Metformin-Therapie unbedingt an die jährliche Kontrolle der Nierenfunktion und des Vitamin-B12-Spiegels, um Neuropathien und Anämien vorzubeugen.