Diabetes in der Schwangerschaft: SIGN-Leitlinie 2024
📋Auf einen Blick
- •Frauen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes sollten präkonzeptionell einen möglichst niedrigen HbA1c-Wert ohne schwere Hypoglykämien anstreben.
- •Allen Schwangeren mit Typ-1-Diabetes muss ein kontinuierliches Glukosemonitoring (CGM) angeboten werden (Ziel: >70 % Time in Range).
- •Die Diagnose eines Gestationsdiabetes (GDM) erfolgt mittels 75-g-oGTT (Nüchtern ≥5,3 mmol/l, 2-Stunden-Wert ≥9,0 mmol/l).
- •Bei unkompliziertem Typ-1- oder Typ-2-Diabetes wird die Entbindung zwischen 37+0 und 38+6 Schwangerschaftswochen empfohlen.
- •Ein HbA1c ≥48 mmol/mol in der Frühschwangerschaft spricht für einen manifesten Diabetes, Werte von 42-47 mmol/mol für ein hohes GDM-Risiko.
Hintergrund
Die schottische SIGN-Leitlinie 171 (2024) fasst die evidenzbasierten Empfehlungen zum Management von vorbestehendem Diabetes (Typ 1 und Typ 2) sowie Gestationsdiabetes (GDM) während der Schwangerschaft zusammen. Ziel ist es, mütterliche und fetale Komplikationen wie Makrosomie, Präeklampsie und neonatale Hypoglykämien durch eine optimale Blutzuckereinstellung zu minimieren.
Präkonzeptionelle Betreuung
Eine geplante Schwangerschaft und die Optimierung der Stoffwechsellage vor der Konzeption verbessern die Outcomes signifikant.
- HbA1c-Ziel: So niedrig wie möglich, ohne exzessive Hypoglykämien zu provozieren. Ein Wert <48 mmol/mol minimiert das Risiko für perinatale Mortalität und Morbidität.
- Kontraindikation: Bei einem HbA1c >86 mmol/mol sollte eine Schwangerschaft vermieden werden.
- Supplementation: 5 mg Folsäure täglich für mindestens 3 Monate vor der Konzeption und während des gesamten ersten Trimenons.
- Medikationscheck: Überprüfung und ggf. Umstellung potenziell ungeeigneter Medikamente (z. B. Statine, bestimmte Antihypertensiva, GLP-1-Analoga, DPP-4-Inhibitoren, SGLT2-Inhibitoren und Sulfonylharnstoffe).
Antenatale Überwachung und Zielwerte
Die Nutzung von Diabetestechnologie wird zur Erreichung der strengen Zielwerte stark empfohlen.
- CGM-Nutzung: Allen Schwangeren mit Typ-1-Diabetes muss der Zugang zu kontinuierlichem Glukosemonitoring (CGM) ermöglicht werden. Bei Typ-2-Diabetes sollte es erwogen werden.
- Time in Range (TIR): Das Ziel für die TIR (3,5-7,8 mmol/l) liegt bei mindestens 70 %.
- Ketonmessung: Schwangere mit Typ-1-Diabetes sollten bei Blutzuckerwerten ≥10 mmol/l oder bei akuter Krankheit Blutketone messen.
| Parameter | Zielwert in der Schwangerschaft | Bemerkung |
|---|---|---|
| Nüchternglukose | <5,5 mmol/l | Gilt für GDM, Orientierung für T1DM/T2DM |
| 1-Stunde postprandial | <8,0 mmol/l | Gilt für GDM, Orientierung für T1DM/T2DM |
| 2-Stunden postprandial | <7,0 mmol/l | Gilt für GDM, Orientierung für T1DM/T2DM |
| Präprandial (unter Insulin) | <5,5 mmol/l | Bei GDM mit Insulintherapie |
Gestationsdiabetes (GDM)
Ein HbA1c in der Frühschwangerschaft (erstes Trimenon) hilft bei der Risikostratifizierung und Erkennung eines unerkannten präexistenten Diabetes:
- HbA1c ≥48 mmol/mol: Diagnose eines manifesten (overt) Diabetes.
- HbA1c 42-47 mmol/mol: Hohes Risiko für GDM. Glukosemonitoring und Diät ab dem 2. Trimenon empfohlen.
Die definitive Diagnose eines GDM wird durch einen 75-g-oGTT gestellt. Ein einziger pathologischer Wert reicht für die Diagnose aus:
| Messzeitpunkt (75-g-oGTT) | Diagnostischer Grenzwert |
|---|---|
| Nüchtern | ≥5,3 mmol/l |
| Nach 1 Stunde | ≥10,6 mmol/l (falls gemessen) |
| Nach 2 Stunden | ≥9,0 mmol/l |
Wichtige Risikofaktoren für GDM:
- BMI >30 kg/m²
- Vorangegangenes makrosomes Kind (≥4,5 kg)
- Z.n. Gestationsdiabetes
- Verwandte 1. Grades mit Diabetes
- Polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS, Odds Ratio 2-3)
- Alter >35 Jahre
Entbindungszeitpunkt
Die Planung der Entbindung sollte frühzeitig besprochen und im dritten Trimenon festgelegt werden.
| Diabetestyp | Empfohlener Entbindungszeitraum | Bemerkung |
|---|---|---|
| Typ 1 oder Typ 2 (unkompliziert) | 37+0 bis 38+6 SSW | Elektive Einleitung oder primäre Sectio (falls indiziert) |
| Gestationsdiabetes (GDM) | Spätestens bis 40+6 SSW | Bei maternalen oder fetalen Komplikationen auch früher erwägen |
💡Praxis-Tipp
Bestimmen Sie den HbA1c-Wert bereits bei der ersten Schwangerschaftsvorsorge (Booking). Ein Wert ≥48 mmol/mol beweist einen vorbestehenden Diabetes, während Werte zwischen 42 und 47 mmol/mol ein sehr hohes Risiko für einen späteren Gestationsdiabetes anzeigen.