Typ-2-Diabetes: Aktuelle Leitlinie (RACGP 2024)
📋Auf einen Blick
- •Ein Screening auf Typ-2-Diabetes wird bei Normalrisiko ab 40 Jahren alle 3 Jahre mittels validiertem Risikoscore empfohlen.
- •Das allgemeine HbA1c-Ziel liegt bei ≤7 % (53 mmol/mol), muss jedoch individuell an Alter und Komorbiditäten angepasst werden.
- •Eine Diabetes-Remission kann durch niedrigkalorische Diäten (800-850 kcal/Tag) oder metabolische Chirurgie erreicht werden.
- •Metformin bleibt Erstlinientherapie; bei kardiovaskulärem Risiko oder chronischer Nierenerkrankung (CKD) sind SGLT2-Inhibitoren oder GLP-1-Rezeptoragonisten indiziert.
- •Ein jährliches Screening auf mikrovaskuläre Komplikationen (Retinopathie, Neuropathie, Nephropathie) ist obligatorisch.
Hintergrund
Die Prävalenz des Typ-2-Diabetes steigt kontinuierlich an. Die hausärztliche Praxis spielt eine zentrale Rolle bei der Früherkennung, der optimalen Einstellung und der Prävention von Folgeerkrankungen. Die vorliegende Leitlinie des Royal Australian College of General Practitioners (RACGP, 2024) fasst die aktuelle Evidenz zur ganzheitlichen und patientenzentrierten Versorgung zusammen.
Diagnostik und Screening
Das Screening auf Typ-2-Diabetes sollte risikoadaptiert erfolgen. Zur Diagnostik eignen sich der Nüchternblutzucker (NBZ), der HbA1c-Wert oder der orale Glukosetoleranztest (oGTT).
| Risikogruppe | Alter | Screening-Intervall | Methode |
|---|---|---|---|
| Normalrisiko | >40 Jahre | Alle 3 Jahre | Validierter Risikoscore (z. B. AUSDRISK) |
| Hochrisiko (z. B. Adipositas, positive FA, PCOS) | Variabel | Alle 3 Jahre | NBZ oder HbA1c |
| Prädiabetes (IGT/IFG) | Variabel | Jährlich | NBZ oder HbA1c |
Therapieziele
Die Therapieziele müssen individuell mit dem Patienten vereinbart werden (Shared Decision Making). Bei älteren oder gebrechlichen Patienten sollten die Ziele zur Vermeidung von Hypoglykämien gelockert werden.
| Parameter | Zielwert | Bemerkung |
|---|---|---|
| HbA1c | ≤7 % (53 mmol/mol) | Individuell anzupassen |
| Blutdruck | ≤140/90 mmHg | <130/80 mmHg bei CKD oder hohem Schlaganfallrisiko |
| UACR (Urin-Albumin-Kreatinin-Quotient) | Frauen <3,5 mg/mmol, Männer <2,5 mg/mmol | Jährliche Kontrolle |
| Gewicht | 5-10 % Gewichtsverlust | Bei Übergewicht/Adipositas |
| Körperliche Aktivität | ≥150 Min./Woche aerob + 2-3x Krafttraining | Längeres Sitzen alle 30 Min. unterbrechen |
Lebensstilintervention und Remission
Eine Remission des Typ-2-Diabetes (definiert als HbA1c <6,5 % für mindestens 3 Monate ohne blutzuckersenkende Medikation) ist möglich und sollte bei geeigneten Patienten angestrebt werden.
- Niedrigkalorische Diät: 800-850 kcal/Tag für 3-5 Monate (mit Mahlzeitenersatzprodukten) zur Erzielung eines Gewichtsverlusts von >15 kg. Indiziert bei BMI 27-45 kg/m², Diabetesdauer <6 Jahre, HbA1c <12 % und fehlender Insulintherapie.
- Metabolische Chirurgie: Empfohlen bei einem BMI ≥35 kg/m² oder bei einem BMI von 30-34,9 kg/m² mit unzureichender glykämischer Kontrolle trotz optimaler medikamentöser Therapie.
Medikamentöse Therapie
Die Wahl der Medikation richtet sich nach Komorbiditäten, Hypoglykämierisiko, Gewichtseffekten und Patientenpräferenz.
- Metformin ist in der Regel die Erstlinientherapie (geringes Hypoglykämierisiko, gewichtsneutral).
- SGLT2-Inhibitoren oder GLP-1-Rezeptoragonisten werden dringend empfohlen bei Patienten mit:
- Etablierter kardiovaskulärer Erkrankung (CVD)
- Multiplen kardiovaskulären Risikofaktoren
- Chronischer Nierenerkrankung (CKD)
- Insulintherapie: Bei metabolischer Dekompensation (Ketonämie, starker Gewichtsverlust, ausgeprägte Hyperglykämie) frühzeitig initiieren.
Komplikationsmanagement
Ein strukturiertes Screening auf Folgeerkrankungen ist essenziell, um Morbidität und Mortalität zu senken.
| Komplikation | Screening / Diagnostik | Therapeutische Konsequenz |
|---|---|---|
| Kardiovaskulär (CVD) | Regelmäßige Risikostratifizierung | Statine bei hohem Risiko/CVD; LDL-Reduktion ≥50 % (Ziel <1,4 mmol/L bei Sekundärprävention); ASS bei bekannter CVD |
| Nephropathie (CKD) | Jährlich: UACR und eGFR | ACE-Hemmer/ARB bei Hypertonie + Albuminurie; SGLT2-Inhibitoren zur Verzögerung der CKD-Progression |
| Retinopathie | Bei Diagnose, dann alle 1-2 Jahre | Optimierung von BZ, RR und Lipiden; ggf. Fenofibrat zur Progressionsverzögerung |
| Neuropathie & Fuß | Jährlich: 10-g-Monofilament, Inspektion | Risikostratifizierung (IWGDF); Druckentlastung bei Ulzera; Pregabalin/Duloxetin bei Schmerzen |
Gestationsdiabetes (GDM) und Schwangerschaft
- Präkonzeptionell: HbA1c <6,5 % anstreben. Potenziell teratogene Medikamente (ACE-Hemmer, ARB, Statine) absetzen. Folsäure-Supplementierung (2,5-5 mg/Tag).
- Screening: Alle Schwangeren ohne bekannten Diabetes sollten in der 24.-28. SSW einen 75-g-oGTT erhalten.
- Diagnosekriterien (oGTT): Nüchtern ≥5,3 mmol/L; nach 1h ≥10,6 mmol/L; nach 2h ≥9,0-11,0 mmol/L.
- Postpartal: Erneuter oGTT 6-12 Wochen nach der Entbindung zur Re-Klassifizierung.
Ältere Patienten
Bei älteren Patienten steht der Erhalt der Lebensqualität im Vordergrund. Eine Übertherapie ist häufig und sollte vermieden werden. Die Deintensivierung komplexer Therapieregime wird empfohlen, um das Risiko schwerer Hypoglykämien zu minimieren.
💡Praxis-Tipp
Prüfen Sie bei jedem Typ-2-Diabetiker mit kardiovaskulären Vorerkrankungen oder Niereninsuffizienz aktiv die Indikation für einen SGLT2-Inhibitor oder GLP-1-Rezeptoragonisten – unabhängig vom aktuellen HbA1c-Wert. Vermeiden Sie zudem strikte HbA1c-Ziele bei geriatrischen Patienten, um gefährliche Hypoglykämien zu verhindern.