Gestationsdiabetes: WHO-Leitlinie zur Diagnostik (2013)
📋Auf einen Blick
- •Hyperglykämien in der Schwangerschaft werden in 'Diabetes mellitus in der Schwangerschaft' und 'Gestationsdiabetes mellitus (GDM)' unterteilt.
- •Die Diagnose eines manifesten Diabetes erfolgt nach den Standard-WHO-Kriterien (z.B. Nüchternblutzucker ≥ 7,0 mmol/l).
- •Für den Gestationsdiabetes gelten angepasste Grenzwerte im 75g-oGTT (Nüchtern ≥ 5,1 mmol/l, 1h ≥ 10,0 mmol/l, 2h ≥ 8,5 mmol/l).
- •Bereits ein einziger pathologischer Wert im oGTT reicht für die Diagnose eines Gestationsdiabetes aus.
- •Die Behandlung eines GDM senkt das Risiko für Makrosomie, Schulterdystokie und Präeklampsie signifikant.
Hintergrund
Die Prävalenz von Diabetes und Hyperglykämien bei Frauen im gebärfähigen Alter steigt weltweit. Die große multizentrische HAPO-Studie (Hyperglycemia and Adverse Pregnancy Outcome) konnte zeigen, dass das Risiko für unerwünschte Schwangerschaftsausgänge (wie Makrosomie und Präeklampsie) mit steigenden mütterlichen Blutzuckerwerten kontinuierlich zunimmt. Auf Basis dieser Daten hat die WHO ihre Kriterien von 1999 aktualisiert.
Klassifikation
Die WHO empfiehlt, eine erstmals in der Schwangerschaft entdeckte Hyperglykämie in zwei Kategorien zu unterteilen:
- Diabetes mellitus in der Schwangerschaft (entspricht den Kriterien für nicht-schwangere Erwachsene)
- Gestationsdiabetes mellitus (GDM)
Diese Unterscheidung ist wichtig, da Frauen mit manifestem Diabetes in der Schwangerschaft ein höheres Risiko für Komplikationen haben, häufiger eine pharmakologische Therapie benötigen und postpartal engmaschiger nachgesorgt werden müssen.
Diagnosekriterien: Diabetes in der Schwangerschaft
Ein manifester Diabetes in der Schwangerschaft wird anhand der regulären WHO-Kriterien (2006) diagnostiziert. Die Diagnose ist gesichert, wenn eines oder mehrere der folgenden Kriterien erfüllt sind:
| Parameter | Grenzwert (mmol/l) | Grenzwert (mg/dl) | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Nüchternplasmaglukose | ≥ 7,0 | ≥ 126 | - |
| 2-Stunden-Wert | ≥ 11,1 | ≥ 200 | Nach 75g oraler Glukose |
| Gelegenheitsglukose | ≥ 11,1 | ≥ 200 | Nur bei klassischen Diabetessymptomen |
Diagnosekriterien: Gestationsdiabetes (GDM)
Die Diagnose eines Gestationsdiabetes kann zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft gestellt werden. Es wird ein 75g-oraler Glukosetoleranztest (oGTT) empfohlen. Die Diagnose gilt als gesichert, wenn ein oder mehrere der folgenden Werte erreicht oder überschritten werden:
| Zeitpunkt | Grenzwert (mmol/l) | Grenzwert (mg/dl) |
|---|---|---|
| Nüchtern | 5,1 - 6,9 | 92 - 125 |
| Nach 1 Stunde | ≥ 10,0 | ≥ 180 |
| Nach 2 Stunden | 8,5 - 11,0 | 153 - 199 |
Hinweis: Nüchternwerte ≥ 7,0 mmol/l oder 2-Stunden-Werte ≥ 11,1 mmol/l fallen in die Kategorie "Diabetes in der Schwangerschaft". Für den 1-Stunden-Wert gibt es bei nicht-schwangeren Erwachsenen keine etablierten Kriterien für einen manifesten Diabetes.
Therapieeffekte
Die Behandlung eines Gestationsdiabetes (zunächst durch Lebensstiländerungen wie Ernährung und Bewegung, ggf. gefolgt von Insulin) ist hochwirksam. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen signifikante Risikoreduktionen für:
- Makrosomie und "Large for gestational age" (LGA) Neugeborene
- Schulterdystokie
- Präeklampsie und schwangerschaftsinduzierte Hypertonie
💡Praxis-Tipp
Führen Sie zur Diagnostik einen 75g-oGTT durch. Denken Sie daran, dass nach den aktuellen Kriterien bereits ein einziger pathologischer Wert (Nüchtern, 1h oder 2h) für die Diagnose eines Gestationsdiabetes ausreicht.