Diabetes und Schwangerschaft: Leitlinie (Diabetes Canada)
📋Auf einen Blick
- •Präkonzeptionell sollte ein HbA1c-Wert von <=7,0 % (ideal <=6,5 %) sowie eine Folsäure-Gabe von 1 mg/Tag angestrebt werden.
- •Strenge Blutzuckerziele in der Schwangerschaft: Nüchtern <5,3 mmol/l, 1h postprandial <7,8 mmol/l und 2h postprandial <6,7 mmol/l.
- •Das GDM-Screening erfolgt in der 24.-28. SSW, bevorzugt als zweistufiges Verfahren (50-g-Suchtest, gefolgt von 75-g-oGTT).
- •Insulin ist die medikamentöse Therapie der ersten Wahl bei GDM, wenn Lebensstiländerungen nicht ausreichen.
- •Nach einem GDM muss 6 Wochen bis 6 Monate postpartal ein 75-g-oGTT zur Re-Evaluation durchgeführt werden.
Hintergrund
Die Betreuung von Frauen mit präexistentem Diabetes (Typ 1 und Typ 2) sowie Gestationsdiabetes (GDM) erfordert ein interdisziplinäres Team. Eine suboptimale Blutzuckereinstellung erhöht das Risiko für kongenitale Fehlbildungen, Präeklampsie, Makrosomie und perinatale Mortalität.
Präexistenter Diabetes (Typ 1 und Typ 2)
Eine strukturierte präkonzeptionelle Beratung ist essenziell, um mütterliche und fetale Risiken zu minimieren.
- HbA1c-Ziel: Präkonzeptionell <=7,0 % (ideal <=6,5 %). In der Schwangerschaft <=6,5 % (ideal <=6,1 %).
- Folsäure: 1 mg/Tag ab 3 Monaten vor Konzeption bis zur 12. SSW.
- Medikamenten-Umstellung: ACE-Hemmer, ARBs und Statine vor der Schwangerschaft absetzen. Frauen mit Typ-2-Diabetes sollten vor der Konzeption auf Insulin umgestellt werden.
- Präeklampsie-Prophylaxe: ASS 81 mg/Tag ab der 12.-16. SSW.
- Augenärztliche Kontrolle: Präkonzeptionell, im 1. Trimenon, nach Bedarf im Verlauf und im ersten Jahr postpartal.
Blutzucker-Zielwerte in der Schwangerschaft
Für alle Diabetestypen (Typ 1, Typ 2, GDM) gelten strenge Blutzuckerziele:
| Messzeitpunkt | Zielwert |
|---|---|
| Nüchtern / Präprandial | <5,3 mmol/l |
| 1 Stunde postprandial | <7,8 mmol/l |
| 2 Stunden postprandial | <6,7 mmol/l |
Gestationsdiabetes (GDM)
Das Screening auf GDM sollte bei allen Schwangeren ohne bekannten Diabetes zwischen der 24. und 28. SSW erfolgen. Bei hohem Risiko für Typ-2-Diabetes sollte bereits im 1. Trimenon ein HbA1c-Test durchgeführt werden.
Diagnostik-Algorithmen
Diabetes Canada empfiehlt bevorzugt ein zweistufiges Vorgehen, nennt aber auch den einstufigen Ansatz als Alternative.
| Ansatz | Schritt 1 (Screening) | Schritt 2 (Diagnostik) | Diagnosekriterien |
|---|---|---|---|
| Bevorzugt (2-stufig) | 50-g-Glukose-Suchtest (nicht nüchtern) | 75-g-oGTT (wenn Suchtest >=7,8 mmol/l) | Nüchtern >=5,3 mmol/l ODER 1h >=10,6 mmol/l ODER 2h >=9,0 mmol/l |
| Alternativ (1-stufig) | Direkt 75-g-oGTT | Entfällt | Nüchtern >=5,1 mmol/l ODER 1h >=10,0 mmol/l ODER 2h >=8,5 mmol/l |
Hinweis: Ein Wert >=11,1 mmol/l im 1-Stunden-Wert des 50-g-Suchtests ist direkt beweisend für einen GDM.
Stufenschema der GDM-Therapie
| Stufe | Therapie | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1 | Ernährung & Bewegung | Erste Maßnahme. Zielerreichung nach 1-2 Wochen evaluieren. |
| 2 | Insulin | Therapie der 1. Wahl, falls Lebensstil nicht ausreicht (Basal-Bolus-Regime). |
| 3 | Metformin / Glibenclamid | Alternative zu Insulin. Metformin passiert die Plazenta (ca. 40 % benötigen additiv Insulin). |
Peripartales und postpartales Management
- Unter der Geburt: Blutzucker zwischen 4,0 und 7,0 mmol/l halten, um neonatale Hypoglykämien zu vermeiden.
- Postpartaler Insulinbedarf: Bei präexistentem Diabetes sinkt der Insulinbedarf unmittelbar nach Plazentageburt drastisch (um 30-50 %). Dosis sofort anpassen!
- Stillen: Sofortiges Stillen wird empfohlen, um neonatale Hypoglykämien zu verhindern. Stillen über mindestens 4 Monate senkt das kindliche Adipositas-Risiko und das mütterliche Diabetes-Risiko.
- GDM-Nachsorge: 6 Wochen bis 6 Monate postpartal muss ein 75-g-oGTT durchgeführt werden, um einen manifesten Diabetes auszuschließen.
💡Praxis-Tipp
Reduzieren Sie die Insulindosis bei Patientinnen mit präexistentem Diabetes unmittelbar nach der Plazentageburt um 30–50 %, um schwere postpartale Hypoglykämien zu vermeiden. Der Insulinbedarf sinkt schlagartig.