Typ-1-Diabetes: Blutzuckerkontrolle (SIGN-Leitlinie 2024)
📋Auf einen Blick
- •Erwachsene, Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes sollen Zugang zu kontinuierlicher Glukosemessung (CGM) und entsprechender Schulung erhalten.
- •Closed-Loop-Systeme werden bei suboptimaler Einstellung, rezidivierenden Hypoglykämien oder diabetesbezogenem Distress empfohlen.
- •Time in Range (TIR) und Time Below Range (TBR) dienen als primäre Metriken zur Therapieanpassung.
- •Bei Hinweisen auf Essstörungen oder Insulin-Omission ist eine integrierte fachärztliche Behandlung (Diabetologie und Psychiatrie) indiziert.
Hintergrund
Die Optimierung der Blutzuckerkontrolle bei Menschen mit Typ-1-Diabetes erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Die SIGN-Leitlinie 170 (2024) betont neben technologischen Fortschritten wie kontinuierlicher Glukosemessung (CGM) und Closed-Loop-Systemen auch die Bedeutung sozialer Determinanten und psychologischer Unterstützung.
Kommunikation und Edukation
- Personenzentrierte Sprache: Ein Kommunikationsstil, der aktives Zuhören und positive Bestärkung nutzt sowie Patientenpräferenzen und Barrieren erfasst, wird empfohlen.
- Strukturierte Schulung: CGM (inklusive Real-Time-CGM und Flash-Glukose-Monitoring) muss in die Schulungsprogramme für Erwachsene, Kinder und Jugendliche integriert werden.
Psychologische und verhaltensbezogene Interventionen
Psychische Begleiterkrankungen erfordern eine interdisziplinäre Zusammenarbeit:
| Problemstellung | Empfohlene Intervention |
|---|---|
| Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung | Evidenzbasierte strukturierte Intervention zur Wiederherstellung der Wahrnehmung und Reduktion von Ängsten. |
| Essstörungen / Insulin-Omission | Integrierte, intensive Spezialversorgung durch Diabetologen und erfahrene Fachkräfte für psychische Gesundheit (ggf. stationär). |
| Depression oder Angststörungen | Überweisung an psychiatrische/psychologische Dienste (z. B. für kognitive Verhaltenstherapie) in kollaborativer Betreuung. |
Warnsignale für Essstörungen bei Typ-1-Diabetes umfassen eine übermäßige Sorge um Figur und Gewicht, einen niedrigen BMI, häufige Hypoglykämien sowie eine suboptimale Blutzuckereinstellung.
Glukosemonitoring (CGM)
- Erwachsene: Angebot einer CGM-Auswahl basierend auf individuellen Präferenzen, Bedürfnissen und Gerätefunktionen.
- Kinder und Jugendliche: Allen ist ein Real-Time-CGM inklusive Schulung für sie und ihre Betreuer anzubieten.
- Krankenhausaufenthalt: Die Fortführung von CGM oder Insulinpumpen sollte bei kognitiv unbeeinträchtigten Patienten erwogen werden, idealerweise unterstützt durch geschulte Angehörige oder ein spezialisiertes stationäres Diabetesteam.
Kriterien zur Auswahl eines CGM-Geräts
Bei der Auswahl des passenden Systems sollten folgende Faktoren berücksichtigt werden:
| Kategorie | Zu beachtende Faktoren |
|---|---|
| Technik & Genauigkeit | Messgenauigkeit, prädiktive Alarme (auch für Betreuer), Kompatibilität (z. B. Smartphone), Kalibrierungsbedarf. |
| Handhabung | Bedienbarkeit (auch bei eingeschränkter Feinmotorik), Häufigkeit des Sensorwechsels, Hautverträglichkeit. |
| Klinik & Alltag | Insulinregime (Pumpen-Integration), Hypoglykämie-Risiko, unvorhersehbare Aktivitäten, Berufstätigkeit. |
| Psychosoziales | Körperbildsorgen, psychologische Akzeptanz. |
Closed-Loop-Systeme
Um Ungleichheiten beim Zugang zu Diabetestechnologien zu minimieren, sollten Ärzte proaktiv die Eignung von Closed-Loop-Systemen mit allen Patienten besprechen.
Indikationen für Single-Hormon-Closed-Loop-Systeme:
- Suboptimale glykämische Kontrolle unter aktueller Therapie
- Hohes Risiko für schwere Hypoglykämien oder Wahrnehmungsstörungen
- Diabetesbezogener Distress (gemessen mit validiertem Tool), der die Lebensqualität beeinträchtigt und durch das System voraussichtlich gebessert wird.
- Patienten, die aktuell ein CGM in Kombination mit einer nicht-integrierten Insulinpumpe nutzen.
Patienten, die ihre Zielwerte mit ihrer aktuellen Therapie (z. B. blutige Messung, Flash-Monitoring, MDI) erreichen, sollen darin unterstützt werden, diese beizubehalten, sofern es ihrer Lebensqualität entspricht.
Glukose-Metriken zur Therapiesteuerung
Für die Beurteilung der glykämischen Kontrolle und als Basis für Therapieanpassungen sollen primär zwei Metriken herangezogen werden:
- % Time in Range (TIR)
- % Time Below Range (TBR)
Ein besonderer Fokus auf die Reduktion der TBR ist erforderlich, wenn der Prozentsatz der CGM-Werte unter 3,0 mmol/L oder 3,9 mmol/L die Zielvorgaben erreicht oder überschreitet.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei Patienten mit unerklärlich schlechter Blutzuckereinstellung, häufigen Hypoglykämien und niedrigem BMI aktiv auf Anzeichen einer Essstörung (Diabulimie) und leiten Sie frühzeitig eine interdisziplinäre psychiatrische Mitbehandlung ein.