Typ-1-Diabetes bei Erwachsenen: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose wird primär klinisch gestellt und sollte durch diabetesspezifische Autoantikörper gesichert werden.
- •Allen Patienten ist ein kontinuierliches Glukosemonitoring (rtCGM oder isCGM) anzubieten.
- •Der HbA1c-Zielwert liegt bei ≤ 48 mmol/mol (6,5 %), sofern keine problematischen Hypoglykämien auftreten.
- •Als Insulintherapie wird ein Basal-Bolus-Regime mit zweimal täglich Insulin detemir als 1. Wahl empfohlen.
- •Bei diabetischer Ketoazidose (DKA) erfolgt die primäre Therapie mit isotonischer Kochsalzlösung und intravenösem Insulin.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie bietet umfassende Empfehlungen zur Diagnostik und Behandlung des Typ-1-Diabetes bei Erwachsenen. Ziel ist es, durch strukturierte Schulungen, optimales Blutzuckermanagement und die Prävention von Komplikationen die Lebensqualität zu verbessern und Langzeitschäden zu minimieren.
Diagnostik
Die initiale Diagnose eines Typ-1-Diabetes wird klinisch bei Erwachsenen mit Hyperglykämie gestellt. Alter oder BMI dürfen nicht allein als Ausschluss- oder Diagnosekriterium herangezogen werden.
| Klinische Merkmale für Typ-1-Diabetes |
|---|
| Ketose |
| Rascher Gewichtsverlust |
| Erkrankungsalter unter 50 Jahren |
| BMI unter 25 kg/m² |
| Persönliche oder familiäre Anamnese von Autoimmunerkrankungen |
- Autoantikörper: Bei Erstdiagnose sollten diabetesspezifische Autoantikörper bestimmt werden.
- C-Peptid: Darf nicht routinemäßig zur Bestätigung herangezogen werden. Eine Bestimmung (nicht-nüchtern, mit gepaartem Blutzucker) kann erwogen werden, wenn die Autoantikörper negativ sind und die Klassifikation unklar bleibt.
Blutzuckermanagement und Zielwerte
Der HbA1c-Wert sollte alle 3 bis 6 Monate gemessen werden.
| Parameter | Zielwert |
|---|---|
| HbA1c | ≤ 48 mmol/mol (6,5 %) |
| Nüchternblutzucker (nach dem Aufwachen) | 5–7 mmol/l |
| Vor den Mahlzeiten | 4–7 mmol/l |
| 90 Min. nach den Mahlzeiten | 5–9 mmol/l |
Hinweis: Das HbA1c-Ziel sollte individuell vereinbart werden und nicht zu problematischen Hypoglykämien führen.
Glukosemonitoring
Allen Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes sollte die Wahl zwischen Real-Time-CGM (rtCGM) und Intermittently Scanned CGM (isCGM/Flash) angeboten werden.
- Die Auswahl erfolgt durch gemeinsame Entscheidungsfindung (Shared Decision Making).
- Bei gleicher Eignung mehrerer Geräte ist das kostengünstigste zu wählen.
- Patienten müssen weiterhin in der Lage sein, kapilläre Blutzuckermessungen durchzuführen (z. B. zur Kalibrierung oder bei Ausfall des Geräts).
- Bei rein kapillärer Messung wird eine Frequenz von mindestens 4-mal täglich (bis zu 10-mal) empfohlen.
Insulintherapie
Die Therapie der Wahl ist ein intensiviertes Basal-Bolus-Regime (ICT). Nicht-Basal-Bolus-Regime (z. B. Mischinsuline) sollen bei Neudiagnose nicht angeboten werden.
| Insulintyp | Empfehlung | Bemerkung |
|---|---|---|
| Basalinsulin (1. Wahl) | Insulin detemir (2x täglich) | Standardempfehlung |
| Basalinsulin (Alternative) | Insulin glargin oder degludec (1x täglich) | Bei Unverträglichkeit von Detemir oder Risiko für nächtliche Hypoglykämien |
| Mahlzeiteninsulin | Schnellwirksame Insulinanaloga | Vor den Mahlzeiten injizieren |
- Metformin als Add-on: Kann erwogen werden bei einem BMI ≥ 25 kg/m² (≥ 23 kg/m² bei südasiatischer Abstammung), um die Insulindosis zu minimieren.
Diabetische Ketoazidose (DKA)
Die DKA erfordert ein sofortiges, leitliniengerechtes Management:
- Flüssigkeit: Isotonische Kochsalzlösung zur primären Volumensubstitution.
- Insulin: Intravenöse Insulininfusion.
- Kalium: Frühzeitige Substitution unter engmaschiger Kontrolle.
- Nicht empfohlen: Routinemäßige Gabe von Bikarbonat oder Phosphat.
Kontrolle des kardiovaskulären Risikos
Das kardiovaskuläre Risiko muss jährlich evaluiert werden. Aspirin wird zur Primärprävention nicht empfohlen.
| ACR-Wert (Urin) | Blutdruck-Zielwert |
|---|---|
| < 70 mg/mmol | < 140/90 mmHg |
| ≥ 70 mg/mmol | < 130/80 mmHg |
| Patienten ≥ 80 Jahre | < 150/90 mmHg |
- Medikamentöse Therapie: Ein Hemmer des Renin-Angiotensin-Systems (RAS) ist das Mittel der ersten Wahl bei Hypertonie.
Komplikationen
- Parodontitis: Patienten haben ein erhöhtes Risiko. Regelmäßige zahnärztliche Kontrollen werden empfohlen.
- Gastroparese: Bei Erbrechen durch Gastroparese wird eine passierte/pürierte Diät empfohlen. Medikamentös können Erythromycin oder Metoclopramid (alternierend) erwogen werden.
- Neuropathie / Nephropathie: Jährliches Screening (ACR, eGFR) und Fußuntersuchungen sind obligatorisch.
💡Praxis-Tipp
Schließen Sie einen Typ-1-Diabetes niemals allein aufgrund von Alter oder BMI aus. Bestimmen Sie bei Erstdiagnose immer diabetesspezifische Autoantikörper, anstatt routinemäßig das C-Peptid zu messen.