Typ-1-Diabetes bei Erwachsenen: Leitlinie (NICE)
📋Auf einen Blick
- •Die Diagnose wird klinisch gestellt und sollte durch diabetes-spezifische Autoantikörper gesichert werden; Alter oder BMI allein schließen einen Typ-1-Diabetes nicht aus.
- •Der empfohlene HbA1c-Zielwert liegt bei ≤ 48 mmol/mol (6,5 %), sofern dies ohne problematische Hypoglykämien erreichbar ist.
- •Allen Erwachsenen soll die Wahl zwischen einem rtCGM (Real-Time) oder isCGM (Flash-Monitoring) angeboten werden.
- •Die Standardtherapie ist ein intensiviertes Basal-Bolus-Regime mit langwirksamen und mahlzeitenbezogenen schnellwirksamen Insulinanaloga.
- •Ein regelmäßiges Screening auf Komplikationen (Nephropathie, Retinopathie, Periodontitis, kardiovaskuläres Risiko) ist obligatorisch.
Hintergrund
Die NICE-Leitlinie NG17 umfasst die Diagnostik und das Management des Typ-1-Diabetes bei Erwachsenen. Ziel ist eine optimale Blutzuckereinstellung zur Vermeidung von Akut- und Spätkomplikationen unter Berücksichtigung der individuellen Lebenssituation und Präferenzen der Patienten.
Diagnostik
Die initiale Diagnose wird klinisch gestellt. Typische Merkmale für einen Typ-1-Diabetes sind:
- Ketose
- Rascher Gewichtsverlust
- Manifestationsalter unter 50 Jahren
- BMI unter 25 kg/m²
- Persönliche oder familiäre Autoimmunerkrankungen
Wichtig: Alter oder BMI dürfen nicht allein zum Ausschluss oder zur Diagnose eines Typ-1-Diabetes herangezogen werden.
| Diagnostischer Test | Indikation | Bemerkung |
|---|---|---|
| Diabetes-spezifische Autoantikörper | Bei initialer Diagnose | Falsch-negativ-Rate ist bei Diagnose am geringsten; idealerweise 2 verschiedene Antikörper quantitativ testen. |
| Serum-C-Peptid | Bei unklarer Klassifikation (z.B. negative Antikörper) | Nicht routinemäßig zur Bestätigung; Aussagekraft steigt mit zeitlichem Abstand zur Erstdiagnose. |
Blutzuckermanagement und Monitoring
HbA1c-Zielwert: ≤ 48 mmol/mol (6,5 %). Der Zielwert ist individuell anzupassen, um problematische Hypoglykämien zu vermeiden. Die Messung erfolgt alle 3 bis 6 Monate.
Kontinuierliche Glukosemessung (CGM): Allen Erwachsenen soll die Wahl zwischen rtCGM (Real-Time) und isCGM (Intermittently Scanned / Flash) angeboten werden. Die Auswahl richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen.
Kapilläre Blutzuckermessung: Dient als Backup für CGM oder als Alternative bei Ablehnung von CGM (mindestens 4-mal täglich, bei Bedarf bis zu 10-mal täglich).
| Messzeitpunkt | Zielwert (Plasma) |
|---|---|
| Nüchtern (nach dem Aufwachen) | 5 - 7 mmol/l |
| Vor den Mahlzeiten | 4 - 7 mmol/l |
| Mind. 90 Min. nach den Mahlzeiten | 5 - 9 mmol/l |
Insulintherapie
Als Standard wird ein Basal-Bolus-Regime (ICT) mit multiplen täglichen Injektionen empfohlen.
| Insulintyp | Empfehlung | Alternativen / Bemerkung |
|---|---|---|
| Basalinsulin | Insulin detemir (2x täglich) | Insulin glargin (100 E/ml) oder degludec (100 E/ml) bei Unverträglichkeit, nächtlichen Hypoglykämien oder Präferenz für 1x tägliche Gabe. |
| Mahlzeiteninsulin | Schnellwirksame Insulinanaloga | Vor den Mahlzeiten injizieren. Routineeinsatz nach den Mahlzeiten wird nicht empfohlen. |
Hinweis: Bei Verfügbarkeit von Biosimilars soll das Präparat mit den geringsten Anschaffungskosten gewählt werden.
Management von Komplikationen
Diabetische Ketoazidose (DKA)
- Flüssigkeitssubstitution primär mit isotoner Kochsalzlösung.
- Intravenöse Insulininfusion.
- Frühzeitige Kaliumsubstitution.
- Kein routinemäßiger Einsatz von Bikarbonat oder Phosphat.
Kardiovaskuläres Risiko
- Kein Aspirin zur Primärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen.
- Mittel der ersten Wahl bei Hypertonie: RAAS-Blocker (z.B. ACE-Hemmer).
| Patientenprofil | Blutdruckzielwert (Klinik) |
|---|---|
| ACR < 70 mg/mmol | < 140/90 mmHg |
| ACR ≥ 70 mg/mmol | < 130/80 mmHg |
| Alter ≥ 80 Jahre | < 150/90 mmHg |
Weitere Komplikationen
| Komplikation | Screening / Management |
|---|---|
| Nephropathie | Jährlich eGFR und Urin-ACR (Morgenurin) bestimmen. |
| Retinopathie | Sofortige Überweisung zum Augenscreening bei Diagnose. |
| Periodontitis | Erhöhtes Risiko kommunizieren; regelmäßige zahnärztliche Kontrollen. |
| Gastroparese | Passierte/pürierte Kost; ggf. Erythromycin, Metoclopramid oder Domperidon (Off-Label-Hinweise beachten). |
| Schilddrüse | Jährliche TSH-Bestimmung. |
💡Praxis-Tipp
Verlassen Sie sich bei der Diagnose nicht allein auf Alter und BMI. Bestimmen Sie bei Verdacht auf Typ-1-Diabetes frühzeitig diabetes-spezifische Autoantikörper, da deren diagnostische Genauigkeit direkt nach Manifestation am höchsten ist.