Essstoerungen: Leitlinie zur Therapie (SIGN)
📋Auf einen Blick
- •Familienbasierte Therapie (FBT) ist die Therapie der Wahl bei Kindern und Jugendlichen mit Anorexia nervosa.
- •Erwachsene mit Anorexia oder Bulimia nervosa sollten primaer mit kognitiver Verhaltenstherapie (CBT/CBT-E) behandelt werden.
- •Ein Refeeding auf ein optimiertes gesundes Gewicht wird fuer alle Patienten mit Anorexia nervosa routinemaessig empfohlen.
- •Bei Typ-1-Diabetes und komorbider Essstoerung ist eine integrierte, intensivierte fachaerztliche Versorgung erforderlich.
- •Olanzapin kann bei Erwachsenen mit Anorexia nervosa unterstuetzend zur Gewichtszunahme erwogen werden, jedoch nicht als Monotherapie.
Hintergrund
Essstoerungen wie Anorexia nervosa (AN), Bulimia nervosa (BN) und Binge-Eating-Stoerung (BED) beginnen haeufig in der Adoleszenz. Die SIGN-Leitlinie empfiehlt eine fruehzeitige Intervention, da eine laengere unbehandelte Krankheitsdauer zu schweren physischen und psychischen Schaeden fuehrt.
- Fruehintervention: Ein Pilotprojekt (FREED-Modell) fuer junge Erwachsene (16–25 Jahre) mit einer Krankheitsdauer von unter 3 Jahren kann erwogen werden.
- Angehoerigenunterstuetzung: Formelle Unterstuetzung (z. B. ECHO-Selbsthilfe oder Collaborative Carer Workshops) sollte allen Betreuern angeboten werden.
- Refeeding: Ein Refeeding auf ein optimiertes gesundes Gewicht sollte routinemaessig bei allen Patienten mit AN angeboten werden, um das Leben zu retten und Rueckfaelle zu reduzieren.
Therapie bei Kindern und Jugendlichen
Die psychologische Therapie ist der Grundpfeiler der Behandlung. Die Wahl der Therapie richtet sich nach der spezifischen Diagnose.
| Diagnose | 1. Wahl | Alternativen / Bemerkungen |
|---|---|---|
| Anorexia nervosa | Familienbasierte Therapie (FBT) | Systemische Familientherapie (bei schwerer Zwangstoerung), CBT-E (20-40 Sitzungen) |
| Bulimia nervosa | CBT oder FBT (adaptiert fuer BN) | Psychodynamische Therapie (wenn CBT/FBT nicht akzeptiert wird) |
| Binge-Eating-Stoerung | CBT, Interpersonelle Psychotherapie (IPT) oder FBT | Keine pharmakologische Therapie empfohlen |
Therapie bei Erwachsenen
Auch im Erwachsenenalter stehen psychotherapeutische Verfahren im Vordergrund. Wenn die Erstlinientherapie nicht wirksam ist, sollten Zweitlinienverfahren angeboten werden.
| Diagnose | 1. Wahl | 2. Wahl / Alternativen |
|---|---|---|
| Anorexia nervosa | CBT-E oder andere Formen der CBT | IPT, MANTRA, SSCM, fokale psychodynamische Therapie |
| Bulimia nervosa | CBT (bevorzugt CBT-E oder CBT-BN) | IPT, integrative kognitiv-affektive Therapie (ICAT), Schematherapie |
Pharmakotherapie
Medikamente werden in der Regel nur unterstuetzend oder zur Behandlung von Komorbiditaeten eingesetzt.
| Wirkstoff | Indikation / Alter | Empfehlung |
|---|---|---|
| Fluoxetin (60 mg/Tag) | Bulimia nervosa (16-18 Jahre) | Kurzzeitige Anwendung parallel zur Psychotherapie. Strenge Ueberwachung auf Suizidalitaet/Selbstverletzung. |
| Olanzapin | Anorexia nervosa (Erwachsene) | Kann zur Unterstuetzung der Genesung angeboten werden. Nicht als alleinige Therapie. |
Spezielle klinische Situationen
Typ-1-Diabetes und Essstoerungen
Patienten mit Typ-1-Diabetes lassen haeufig Insulin aus, um eine Hyperglykaemie und damit einen Kalorienverlust zu induzieren.
- Empfehlung: Integrierte, intensive fachspezifische Versorgung durch Diabetes- und Mental-Health-Experten.
- Die Kontrolle der Insulinverabreichung sollte parallel zu psychologischen Interventionen gemanagt werden.
Koerperliche Aktivitaet
- Spezialist-ueberwachte Sportprogramme sollten Patienten mit AN als Teil eines umfassenden Managementprogramms angeboten werden.
- Die Einbeziehung einer Psychoedukation ist wichtig, um dysfunktionales Bewegungsverhalten zu behandeln.
Transition (Uebergang in die Erwachsenenmedizin)
- Ein Transitionskoordinator sollte benannt werden.
- Ein schriftlicher Transitionsplan muss in Zusammenarbeit mit dem Patienten, den Klinikern und den Betreuern erstellt werden.
Zwangsmassnahmen
Kliniker sollten pruefen, ob rechtliche Schritte (z. B. Mental Health Act) eingeleitet werden muessen, wenn ein Patient die Behandlung ablehnt und eine erhebliche Gefahr fuer das Leben oder eine signifikante Verschlechterung der Gesundheit besteht.
💡Praxis-Tipp
Achten Sie bei Patienten mit Typ-1-Diabetes und wiederholten Ketoazidosen oder unerklaerlich hohem HbA1c stets auf eine moegliche Essstoerung (Insulin-Purging). Bestimmen Sie bei Anorexie-Patienten vor und waehrend der Gabe von Psychopharmaka immer ein EKG.