Listeriose: Leitlinie zu Diagnostik & Therapie (RKI)
📋Auf einen Blick
- •Listeria monocytogenes vermehrt sich auch bei Kühlschranktemperaturen (-0,4 °C bis +45 °C).
- •Gefährdet sind vor allem Schwangere, Neugeborene, Personen ab 50 Jahren und Immunsupprimierte.
- •Die Therapie der ersten Wahl ist hochdosiertes Ampicillin/Amoxicillin kombiniert mit einem Aminoglykosid.
- •Die Therapiedauer muss mindestens 3 Wochen betragen, bei ZNS-Beteiligung bis zu 6 Wochen.
- •Der direkte Erregernachweis aus sterilen Substraten ist nach § 7 IfSG namentlich meldepflichtig.
Hintergrund
Listeria monocytogenes ist der humanpathogenste Vertreter der Gattung Listeria. Es handelt sich um grampositive, bewegliche, nicht-sporenbildende und fakultativ anaerobe Stäbchen. Eine Besonderheit ist die Vermehrungsfähigkeit bei Kühlschranktemperaturen (Temperaturoptimum -0,4 °C bis +45 °C). Listerien können anatomische Barrieren wie die Blut-Hirn-Schranke oder die Plazenta aktiv überwinden und sich intrazellulär, insbesondere in Epithelzellen, vermehren.
Epidemiologie und Risikogruppen
Die Listeriose gehört zu den meldepflichtigen Erkrankungen mit der höchsten Letalität (durchschnittlich 7 %). Besonders gefährdet sind:
- Schwangere und Neugeborene (ca. 10 % der Fälle)
- Personen ab 50 Jahren
- Immunsupprimierte Patienten (z. B. durch Tumoren oder Glukokortikoid-Therapie)
- Männer sind mit 65 % häufiger betroffen als Frauen.
Inkubationszeiten
Die Inkubationszeit variiert stark je nach klinischer Manifestation:
| Manifestation | Inkubationszeit (Spanne) | Median |
|---|---|---|
| Gastroenteritis | Wenige Stunden bis 6 Tage | - |
| Sepsis | 1–12 Tage | 2 Tage |
| Neuroinvasive Form | 1–14 Tage | 9 Tage |
| Schwangerschaftsassoziiert | 17–67 Tage | 27,5 Tage |
Klinische Symptomatik
Die Symptomatik hängt stark vom Immunstatus des Patienten ab. Grundsätzlich kann jedes Organ befallen werden.
| Patientengruppe | Typische Klinik |
|---|---|
| Immunkompetente | Oft asymptomatisch, leichte fieberhafte Reaktion, teils schwere selbstlimitierende Gastroenteritis |
| Risikogruppen | Grippeähnliche Symptome, Sepsis (30 %), eitrige Meningitis (30 %), Rhombenzephalitis |
| Schwangere | Oft unauffällig oder symptomfrei, Gefahr von Früh-/Totgeburt oder konnataler Infektion |
| Neugeborene (Frühinfektion) | < 1. Lebenswoche: Sepsis, Atemnotsyndrom, Granulomatosis infantiseptica |
| Neugeborene (Spätinfektion) | > 1. Lebenswoche: Häufig Meningitis |
Diagnostik
Der Erregernachweis erfolgt kulturell oder mittels PCR.
- Materialien: Blut, Liquor, Eiter, Vaginalsekret, Lochien, Mekonium. Stuhluntersuchungen sind nur bei Ausbruchsuntersuchungen sinnvoll, da bis zu 5 % der Gesunden Listerien ausscheiden.
- Kultur: Auf Schafblutagar (Morphologie ähnlich Gruppe-B-Streptokokken), positiver CAMP-Test. Absicherung über MALDI-TOF.
- Feintypisierung: Wichtig für Ausbruchsaufklärungen (WGS, cgMLST). Isolate sollten an das Konsiliarlabor gesendet werden.
Therapie
Aufgrund der intrazellulären Lebensweise und häufigen Immunsuppression ist ein mangelhaftes Ansprechen auf die Therapie nicht selten. Antibiotikaresistenzen spielen bei den Standardtherapeutika derzeit praktisch keine Rolle.
| Wahl | Wirkstoff | Bemerkung |
|---|---|---|
| 1. Wahl | Amoxicillin oder Ampicillin (hochdosiert) + Aminoglykosid | Aminoglykosid nur, wenn nicht kontraindiziert (z. B. in der Schwangerschaft) |
| 2. Wahl | Cotrimoxazol | Bei Allergien oder Unverträglichkeiten |
Therapiedauer:
- Standard: Mindestens 3 Wochen
- Endokarditis: 4–6 Wochen
- Rhombenzephalitis oder Hirnabszess: 6 Wochen
Prävention und Meldepflicht
Risikogruppen sollten auf bestimmte Lebensmittel verzichten, da sich Listerien auch in vakuumverpackten Lebensmitteln im Kühlschrank vermehren können:
- Rohfleischerzeugnisse (z. B. Hackepeter) und Rohwurst (z. B. Salami)
- Roher, geräucherter oder marinierter Fisch
- Vorgeschnittene verpackte Blattsalate
- Rohmilchweichkäse
Meldepflicht: Der direkte Erregernachweis aus normalerweise sterilen Substraten (Blut, Liquor) oder Abstrichen von Neugeborenen ist nach § 7 IfSG innerhalb von 24 Stunden namentlich meldepflichtig.
💡Praxis-Tipp
Denken Sie bei unklaren febrilen Gastroenteritiden oder eitrigen Meningitiden bei älteren oder immunsupprimierten Patienten an Listerien. Beachten Sie, dass Listerien sich auch in vakuumverpackten Lebensmitteln im Kühlschrank vermehren können.