Post-COVID-Syndrom: Diagnostik, Red Flags und Therapie
Hintergrund
Die schottische SIGN-Leitlinie 161 bietet eine strukturierte Hilfestellung für das klinische Management der Langzeitfolgen einer COVID-19-Infektion. Sie dient als Ergänzung zur gemeinsamen Leitlinie von SIGN, NICE und RCGP.
Laut Leitlinie wird der Begriff "Long COVID" übergreifend für Beschwerden verwendet, die nach der akuten Phase fortbestehen. Dabei wird zwischen einer fortbestehenden symptomatischen COVID-19-Erkrankung (4 bis 12 Wochen) und dem Post-COVID-19-Syndrom (über 12 Wochen) unterschieden.
Es wird betont, dass ein negativer SARS-CoV-2-Test eine vorherige Infektion nicht ausschließt. Die Symptome können stark fluktuieren, verschiedene Organsysteme betreffen und erfordern eine ganzheitliche, strukturierte Betreuung.
Empfehlungen
Die Leitlinie formuliert folgende Kernempfehlungen für das klinische Management:
Diagnostik und Basisassessment
Es wird eine umfassende Anamnese und klinische Untersuchung empfohlen, um die Auswirkungen der Symptome auf den Alltag zu erfassen. Laut Leitlinie müssen alternative Diagnosen stets differenzialdiagnostisch ausgeschlossen werden.
Als Basisdiagnostik werden folgende Untersuchungen empfohlen:
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Blutbild, Leber- und Nierenwerte, CRP, Ferritin, BNP, HbA1c und Schilddrüsenwerte
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Röntgenthorax und EKG
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Belastungstests wie der 1-Minuten-Sit-to-Stand-Test zur Erfassung der Sauerstoffsättigung
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Blutdruckmessung im Liegen und Stehen zum Ausschluss einer orthostatischen Hypotonie
Warnzeichen (Red Flags)
Bei bestimmten Befunden wird eine sofortige fachärztliche Überweisung empfohlen.
Dazu gehören laut Leitlinie:
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Schwere Hypoxämie (SpO2 unter 94 %) oder Sauerstoffentsättigung unter Belastung
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Kardialer Brustschmerz oder ein auffälliges EKG
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Schwere psychiatrische Symptome oder akute Suizidalität
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Verdacht auf ein multisystemisches inflammatorisches Syndrom bei Kindern
Symptomorientierte Therapie
Für die Behandlung spezifischer Beschwerden formuliert die Leitlinie folgende Ansätze:
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Respiratorische Symptome: Bei unauffälligem Röntgenbild und persistierendem Husten kann ein Therapieversuch mit inhalativen Kortikosteroiden erwogen werden.
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Kardiale Symptome: Ein unauffälliges EKG und ein NT-pro-BNP-Wert unter 400 ng/L machen eine Herzinsuffizienz sehr unwahrscheinlich.
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Geruchsverlust: Es wird ein frühzeitiges Riechtraining empfohlen, während eine HNO-Überweisung bei isolierter Anosmie nicht erforderlich ist.
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Urtikaria: Die Behandlung erfolgt primär mit Antihistaminika, die zur Symptomkontrolle auftitriert werden können.
Neurologische Symptome und Kognition
Kognitive Einschränkungen ("Brain Fog") bei milden Verläufen sind laut Leitlinie häufig auf funktionelle kognitive Störungen zurückzuführen.
Zur Abgrenzung einer funktionellen kognitiven Störung von einer degenerativen Hirnerkrankung nennt die Leitlinie folgende klinische Merkmale:
| Klinisches Merkmal | Funktionelle kognitive Störung | Degenerative Hirnerkrankung |
|---|---|---|
| Begleitung beim Arztbesuch | Kommt oft allein | Kommt mit Begleitperson |
| Problembewusstsein | Betroffener bemerkt Problem stärker als das Umfeld | Umfeld bemerkt Problem stärker als der Betroffener |
| Beantwortung von Fragen | Antwortet unabhängig und detailliert | Sucht Unterstützung bei Begleitperson (Head-Turn-Sign) |
| Beschreibung der Symptome | Detailliert, oft mit schriftlicher Liste | Wenig Details, kurze Antworten |
| Erinnerungslücken | Klagen über spezifische Lücken für bestimmte Zeiträume | Klagen über spezifische Lücken sind ungewöhnlich |
| Verlauf | Instabiler longitudinaler Verlauf mit starker Variabilität | Progredienter Verlauf mit geringer Variabilität |
Kinder und Jugendliche
Auch bei Kindern können nach einer asymptomatischen oder milden Infektion Langzeitfolgen auftreten. Die Leitlinie empfiehlt, bei anhaltenden Beschwerden über 12 Wochen oder bei klinischer Besorgnis nach 4 Wochen eine pädiatrische Vorstellung zu veranlassen.
Kontraindikationen
Die Leitlinie formuliert folgende Warnhinweise bezüglich der medikamentösen Therapie:
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Es gibt keine Evidenz für den Einsatz von Steroiden als wirksame therapeutische Intervention bei muskuloskelettalen Symptomen nach COVID-19.
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Die Verschreibung von Steroiden zur reinen Symptomlinderung von Muskel- und Gelenkschmerzen sollte vermieden werden, sofern keine neuen Erkenntnisse dies stützen.
💡Praxis-Tipp
Laut Leitlinie ist bei kognitiven Einschränkungen ("Brain Fog") nach milden COVID-19-Verläufen häufig eine funktionelle kognitive Störung die Ursache und keine strukturelle Hirnschädigung. Es wird empfohlen, diese Diagnose positiv zu stellen und den Betroffenen zu erklären, dass das Gehirn durch die Belastung "verstimmt" ist, dieser Zustand aber potenziell reversibel ist. Eine pauschale Zuschreibung der Symptome als reine Angststörung wird als wissenschaftlich inakkurat und nicht zielführend erachtet.
Häufig gestellte Fragen
Die Leitlinie empfiehlt eine breite Basisdiagnostik inklusive Blutbild, Entzündungsparametern, EKG und Röntgenthorax. Es wird betont, dass Long COVID eine Ausschlussdiagnose ist und andere zugrunde liegende Erkrankungen primär ausgeschlossen werden müssen.
Eine sofortige Überweisung wird bei Red Flags wie einer Sauerstoffsättigung unter 94 %, kardialem Brustschmerz oder schweren psychiatrischen Symptomen empfohlen. Auch bei Verdacht auf ein multisystemisches Entzündungssyndrom bei Kindern ist eine akute Vorstellung indiziert.
Nein, laut Leitlinie schließt ein fehlender positiver PCR-, Antigen- oder Antikörpertest eine vorherige COVID-19-Infektion nicht aus. Viele Betroffene der ersten Welle wurden nicht getestet, und Antikörperspiegel können im Laufe der Zeit abfallen.
Es wird ein frühzeitiges, strukturiertes Riechtraining empfohlen. Eine routinemäßige Überweisung in die HNO-Heilkunde ist bei einem isolierten Geruchsverlust ohne weitere neurologische Auffälligkeiten nicht erforderlich.
Bei Kindern stehen oft extreme Erschöpfung, Kopfschmerzen, kognitive Dysfunktionen und Hautausschläge im Vordergrund, während respiratorische Symptome seltener sind. Es wird empfohlen, bei anhaltenden Beschwerden über 12 Wochen eine pädiatrische Mitbeurteilung zu veranlassen.
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Quelle: SIGN 161: Managing the long-term effects of COVID-19 (SIGN, 2021). Originaldokument ansehen
KI-generierte Zusammenfassung. Keine Diagnose- oder Therapieempfehlung. Die klinische Entscheidung trifft der behandelnde Arzt.
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