ZNS-Infektionen in der Hämatologie/Onkologie (Onkopedia)
📋Auf einen Blick
- •ZNS-Infektionen treten bei bis zu 15 % der Patienten nach allogener Stammzelltransplantation auf.
- •Die klinische Symptomatik ist oft diskret und kann durch die Grundkrankheit oder Therapien maskiert werden.
- •Die Art des Immundefekts (z. B. Neutropenie, T-Zell-Defekt) bestimmt das Risikoprofil für spezifische Erreger.
- •Die Therapie erfolgt erregergerichtet, z. B. mit Voriconazol bei Aspergillus oder Aciclovir bei HSV/VZV.
- •Bei Nachweis des JC-Virus (PML) oder EBV steht die Reduktion der Immunsuppression im Vordergrund.
Hintergrund
Infektionen des zentralen Nervensystems (ZNS) sind bei immunkompetenten Patienten selten, stellen jedoch bei Patienten mit hämatologischen und onkologischen Erkrankungen eine signifikante und oft schwerwiegende Komplikation dar. Die Diagnosestellung ist häufig eine große Herausforderung, da neurologische Symptome unspezifisch sein können und sich oft nur schwer von Symptomen der Grundkrankheit oder Nebenwirkungen der antineoplastischen/immunsuppressiven Therapie abgrenzen lassen. Selbst bei Raumforderungen können charakteristische Symptome fehlen und sich lediglich als unspezifische Verwirrtheit oder Bewusstseinsstörung äußern.
Epidemiologie und Risikofaktoren
Die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Erreger hängt stark von der Art der immunologischen Funktionsstörung ab (zellvermittelt vs. humoral).
| Patientengruppe / Immundefekt | Typische Erreger / Infektion | Bemerkung |
|---|---|---|
| Allogene Stammzelltransplantation | Aspergillus, Toxoplasma spp. | Höchste Inzidenz (bis zu 15 %) |
| Alemtuzumab-Konditionierung | Virale ZNS-Infektionen | Erhöhtes Risiko |
| Akute Myeloische Leukämie (AML) | Mukormykose | 1,0-1,9 % Inzidenz (davon 10-20 % ZNS-Befall) |
| Rituximab / schwere Immunsuppression | JC-Virus (PML) | Selten (<1 %), aber oft tödlich |
| Intraventrikuläre Shunts / Reservoirs | Bakterielle Infektionen | Gehäuft nach neurochirurgischen Interventionen |
| Neutropenie | Bakterien, Viren, Pilze | Typisches Spektrum bei Granulozytopenie |
| T-Zell- / Makrophagendefekt | Toxoplasmose, Kryptokokken | Prädisposition durch zellulären Defekt |
Diagnostik und Therapie
Die Diagnostik basiert auf neuroradiologischer Bildgebung (bevorzugt MRT), Liquordiagnostik (Zellzahl, Differenzierung, Gramfärbung, Glukose, LDH, Eiweiß, Kulturen, PCR) und ggf. der Biopsie verdächtiger Herdbefunde.
Die nachfolgende Tabelle fasst die primären Therapieempfehlungen für ausgewählte Erreger zusammen:
| Erreger | Diagnostik (Liquor/Biopsie) | Primärtherapie | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|---|
| Toxoplasma spp. | Tachyzoiten/Zysten-Nachweis | Pyrimethamin + Sulfadiazin | A |
| Aspergillus spp. | Galactomannan, PCR | Voriconazol | A-IIu |
| Candida spp. | Mikroskopie, Kultur | L-AmB oder ABLC ± 5-FC | B-III |
| Mucorales | Kultur, Histopathologie | Chirurgische Resektion + L-AmB | A-IIt,u |
| Kryptokokken | Kultur, Tusche, Kapselantigen | L-AmB oder ABLC + 5-FC | A-IIt |
| HSV / VZV | PCR | Aciclovir | A-IIt / A-III |
| CMV | PCR | Ganciclovir oder Foscarnet | A-III |
| EBV / JC-Virus (PML) | PCR | Reduktion der Immunsuppression | A-III |
| Bakterien (kalkuliert) | Kultur, Gramfärbung | Meropenem ODER Ceftriaxon/Cefotaxim + Ampicillin ± Vancomycin | A-IIt |
💡Praxis-Tipp
Denken Sie bei neurologischen Symptomen unter immunsuppressiver Therapie immer an ZNS-Infektionen, da die klinischen Zeichen oft diskret sind. Bei Nachweis von EBV oder dem JC-Virus (PML) ist die Reduktion der Immunsuppression die wichtigste therapeutische Maßnahme.