Impfungen bei Tumorpatienten: Leitlinie (Onkopedia)
📋Auf einen Blick
- •Infektionen sind eine Hauptursache für Morbidität und Mortalität bei Tumorpatienten; Impfungen bieten eine wirksame Prävention.
- •Nach einer autologen Stammzelltransplantation (ASZT) ist ein kompletter Neuaufbau des Impfschutzes erforderlich.
- •Lebendimpfstoffe sind bei akuten Leukämien sowie in den ersten 24 Monaten nach einer ASZT kontraindiziert.
- •Unter Anti-CD20-Antikörpertherapie sollen in den ersten 6 Monaten keine Impfungen durchgeführt werden.
- •Bei Therapie mit Checkpoint-Inhibitoren sollten alle erforderlichen Impfungen zum frühestmöglichen Zeitpunkt erfolgen.
Hintergrund
Infektionen tragen wesentlich zur Morbidität und Mortalität bei Krebspatienten bei. Sie treten als Komplikationen einer immunsuppressiven Therapie auf oder verzögern die Durchführung einer wirksamen antineoplastischen Behandlung. Neben der prophylaktischen Therapie stellen Impfungen eine wirksame Vorbeugung dar.
Bei ambulant erworbenen Virusinfektionen der Atemwege (CRVs) werden folgende Krankheitsbilder unterschieden:
| Krankheitsbild | Abkürzung | Typische Symptome |
|---|---|---|
| Infektionen der oberen Atemwege | URTI | Husten, Auswurf, Halsentzündung, Kurzatmigkeit |
| Grippe-ähnliche Erkrankung | ILI | Plötzliches Fieber, Unwohlsein, Kopf-/Muskelschmerzen + mind. 1 URTI-Symptom |
| Infektionen der unteren Atemwege | LRTI | Klinischer oder radiologischer Nachweis einer Pneumonie |
Zur Sicherung der viralen Genese ist ein Virusnachweis (Abstrich, Spülung des Nasen-Rachenraums oder bronchoalveoläre Lavage) erforderlich.
Krankheitsspezifische Impfstrategien
Die Empfehlungen zur Durchführung von Impfungen variieren je nach zugrundeliegender maligner Erkrankung. Lebendimpfstoffe (Masern, Mumps, Röteln, Varizellen) sollen bei Patienten mit akuten Leukämien nicht durchgeführt werden (D-IIt).
| Erreger | Akute Leukämie | Lymphom, Myelom, MPN | Solide Tumore |
|---|---|---|---|
| Diphtherie | B-IIt | A-IIt | A-IIt |
| Haemophilus influenzae Typ B | C-IIt | C-IIt | C-IIt |
| Influenza | A-IIt, u | A-IIt | A-IIt |
| Hepatitis A | B-IIt | B-IIt | B-IIt |
| Hepatitis B | A-IIt | B-IIt | B-IIt |
| Pneumokokken | A-IIt | A-IIt | A-IIt |
| Tetanus | B-IIt | A-IIt | A-IIt |
| Masern, Mumps, Röteln (Lebend) | Kontraindiziert (D-IIt) | B-IIt | B-IIt |
(Hinweis: Für Patienten mit Haarzell-Leukämie kann eine Zoster-Vakzinierung erwogen werden, Evidenzgrad B-III).
Impfstrategien nach autologer Stammzelltransplantation (ASZT)
Nach einer autologen Stammzelltransplantation ist ein erneuter Impfschutz erforderlich. Für Lebendimpfstoffe gilt ein striktes Intervall von mindestens 24 Monaten nach ASZT.
| Erreger | Zeit nach ASZT (Monate) | Empfehlungsgrad |
|---|---|---|
| Influenza | 3-6 | A-IIt |
| Pneumokokken | 3-6 | A-IIt |
| Diphtherie | 6-12 | B-IIu |
| Tetanus | 6-12 | B-IIu |
| Haemophilus influenzae Typ B | 6-12 | B-IIt |
| Hepatitis A | 6-12 | B-III |
| Hepatitis B | 6-12 | B-IIt |
| Poliomyelitis (nur inaktiviert) | 6-12 | B-IIt |
| Masern, Mumps, Röteln, Varizellen | 24 | B-IIt |
Impfungen unter neuen Arzneimitteln
Aufgrund der raschen Entwicklungen bei zielgerichteten Therapien und Immuntherapeutika müssen spezifische Besonderheiten beachtet werden:
- Anti-CD20-Antikörper: Diese führen zu einer fast vollständigen B-Zell-Depletion für bis zu 6 Monate. In den ersten 6 Monaten nach Therapie sollen keine Impfungen durchgeführt werden (D-IIu). Innerhalb des ersten Jahres kann eine Titerbestimmung mit ggf. erneuter Impfung sinnvoll sein.
- Kinase-Inhibitoren: Diese können die Immunantwort unterdrücken, steigern oder unbeeinflusst lassen. Empfohlen wird die Bestimmung der Antikörpertiter und ggf. eine erneute Impfung.
- Checkpoint-Inhibitoren: Es ist eher mit einer Verstärkung als mit einer Suppression der Immunantwort zu rechnen. Da weiterhin eine Infektgefährdung durch den Tumor besteht, sollten Patienten alle erforderlichen Impfungen zum frühestmöglichen Zeitpunkt erhalten.
💡Praxis-Tipp
Führen Sie in den ersten 6 Monaten nach einer Anti-CD20-Antikörpertherapie keine Impfungen durch. Bestimmen Sie bei Patienten unter Kinase-Inhibitoren die Antikörpertiter, um den Impfbedarf individuell zu ermitteln.